Berlin - Im Boiler Room sind die 90er Jahre zurück. Schluss mit den immer gleichen Proghouseblubbertechno-Stilmix-Spielereien, deren Namen erst im nächsten Jahrzehnt erfunden werden. Jetzt stehen Dr. Alban, Haddaway und die Backstreet Boys in der Playlist:

Sven Väth im Boyband-Wahn. Und das auf einer der exklusivsten Partyreihen in Berlin, die sich selbst „the home of underground“ nennt. Wie konnte es soweit kommen?

Beim Boiler Room wandern die Partys in der ganzen Welt von Stadt zu Stadt, internationale DJ-Stars spielen ihre sorgsam ausgetüftelten Sets vor, ein Live-Stream überträgt die Sessions unzensiert und ungeschnitten im Netz. Man kann also immer live dabei sein. Auch dann, wenn man es nicht auf die Party geschafft hat, obwohl sie gerade in der Stadt läuft. Denn der Boiler Room ist höchstexklusiv. Mitfeiern dürfen nur geladene Gäste. Die Auslese läuft in jeder Stadt anders. In Berlin regelt man das mit Gästeliste.

Kameras kennen aber keine Fremdscham und so ist der Boiler Room eine Bühne für allerhand Peinlichkeiten. Die werden übrigens seit geraumer Zeit auf dem tumblr-Blog „Boiler Room knows what you did last night“ archiviert:

Der Berliner Techno-Produzent Shap hat sich dieser Tage die Boiler-Room-Videos geschnappt, 90er-Dance-Trash auf die Tonspur gelegt und die Parodien auf einem Youtube-Channel hochgeladen. Affig-affektiert tanzende Party-Hipster feiern unfreiwillig auf Dr. Alban und Haddaway ab. In Windeseile wurden die Mixe im Netz herumgereicht.

Luftgitarre auf Eurobeat-Gestampfe statt müdem Minimal-Gepluckere. Hallelujah, das rockt! Aber die Spaßindustrie ist eben ein todernstes Geschäft. Die Party-Elite war angesäuert (wegen Persönlichkeitsrecht = Hipster kommt nicht mehr so geil rüber). Die Macher vom Boiler Room selbst fanden die Videos zwar toll, trotzdem wurden die Clips erst einmal gesperrt (wegen Urheberrecht und Künstlerschutz = DJ kommt nicht mehr so geil rüber).

Der Verweis auf das Copyright irritiert. Sind Remix, Sampling und Mash up in der DJ-Kunst nicht alltäglich? Und wo doch viele DJs selbst die Videos teilten? Nun ja, unter Künstlern wird künstlerische Freiheit noch eher wertgeschätzt. Und überhaupt, diese ganze Sache mit der Freiheit….

Großartig. Wenn David Hasselhoff seine Finger im Spiel hat, weiß man: Mauern sind dazu da, um niedergesungen zu werden. Also diskutierte man, man telefonierte miteinander, man einigte sich. (bei Vice können Sie das ganze Protokoll des Dramas nachlesen). Die Videos durften wieder online und Shap darf auch weiter neue Mash-ups basteln. Die Mixe sind übrigens so kreativ betitelt, dass man nie weiß, welcher 90er-Trash uns als nächstes in der Playlist erwartet.

Hier geht’s zum „90’s Boiler Room“ auf Facebook.