Achtsamkeit ist ein wichtiges Stichwort geworden. Ratgeber und Praxisanleitungen zur Mindfulness, so der englische Begriff, finden sich mittlerweile in jeder Bahnhofsbuchhandlung. Den Atem, die Körpersignale und die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen, hilft erwiesenermaßen gegen Schlaflosigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und unterstützt Krebstherapien. Ob regelmäßiges Meditieren auch das Konsumverhalten beeinflussen kann, wollten Forscher um Ulf Schrader vom Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der Technischen Universität (TU) Berlin herausfinden.

Im Binka-Projekt – kurz für: Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining – wurde erstmals systematisch untersucht, ob Meditation das Einkaufsverhalten derart verändert, dass nachhaltige Produkte bevorzugt werden. Extrem kurz gefasst lautet die Antwort: Nein, aber. Denn die Studie zeigte, dass sich das Konsumverhalten zwar nicht ändert, wohl aber die innere Haltung zu Themen wie Nachhaltigkeit und Fleischverzehr.

Auf den ersten Blick keine Effekte auf das Konsumverhalten

Rund 100 Probanden – vom Schüler bis zum Arbeitnehmer – durchliefen das achtwöchige Meditationsprogramm nach dem Prinzip der MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction). Das Programm wurde in den 70er-Jahren von dem amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelt und gilt als erprobte Methode der Achtsamkeitsmeditation. Die Probanden sollten täglich 20 Minuten nach Anleitung meditieren. Außerdem gab es wöchentliche Treffen der einzelnen Gruppen, in denen sich die Teilnehmer austauschten. Sie erhielten auch Hausaufgaben und sollten zum Beispiel achtsam einkaufen.

Nach Abschluss dieser Phase wurden alle Teilnehmer mehrfach zu ihren Erfahrungen mit der Meditation und deren langfristiger Wirkung befragt – schriftlich und in mündlichen Interviews. Dabei wurde ihnen vorenthalten, dass nicht die Meditation an sich, sondern ihr persönliches Konsumverhalten im Mittelpunkt der Studie stand.

Auf den ersten Blick war das Ergebnis ernüchternd: „Wir haben keine Effekte auf das Konsumverhalten festgestellt“, berichtete die Kognitionspsychologin Sonja Geiger am Freitag bei einer Konferenz an der TU zum Abschluss des Projekts. Weder Schüler noch Studierende noch Arbeitnehmer hätten ihr Einkaufsverhalten im Verlauf der Studie geändert. Zwar hatten die Probanden durchgehend eine positive Einstellung zu nachhaltigem Konsum. Doch dies führte nicht zu einem geänderten Verhalten am Supermarktregal.

Die ethischen Werte der Probanden haben sich verändert

In den Interviews wurde allerdings deutlich, dass das Problembewusstsein der Teilnehmer sich während der Studie vertiefte. Es sei eine gesteigerte Wertschätzung für Produkte und eine vertiefte Problemwahrnehmung für deren Konsum deutlich geworden, heißt es im Abschlussbericht. Ein Teilnehmer gab zum Beispiel an, dass er jetzt eher bereit sei, 30 Cent mehr für ein Bioprodukt auszugeben. Eine andere Teilnehmerin berichtete, dass sie kein Fleisch mehr essen wolle. Sie habe während der Studie festgestellt, dass Fleisch bei ihr Ekelgefühl verursacht. Sofort umgesetzt hat sie ihren Vorsatz aber nicht.

Darüber hinaus stellten die Forscher überrascht fest, dass sich die ethischen Werte der Probanden während der Studie veränderten. Materielle Werte hätten an Bedeutung verloren, immaterielle Werte seien wichtiger geworden, sagte Studienleiter Ulf Schrader. Im Schnitt maßen sowohl Studierende als auch Arbeitnehmer materiellen Besitztümern weniger Bedeutung bei als vor Studienbeginn, berichtete der Konsumforscher. Als „Weg zum Glück“ hätten materielle Dinge an Bedeutung verloren. Auch im Umgang mit sich selbst lernten die Probanden offenbar dazu. Eine Frau berichtete, ihren Kindern gegenüber geduldiger zu sein. Wenn sie Wut in sich verspürte, habe sie abwarten können, bis diese vorüber war.

Wieso sich nur wenige und teilweise unerwartete Effekte einstellten, erklärten die Forscher damit, dass die Arbeitnehmer möglicherweise durch die äußeren Bedingungen gehemmt waren. „In der Gruppe gab es verschiedene Hierarchiestufen“, sagte Laura Sophie Stanszus, die neben Ulf Schrader für die Koordination des Binka-Projekts zuständig war. Dies habe sich möglicherweise negativ darauf ausgewirkt, wie frei sich die Teilnehmer fühlten, über Empfindungen zu sprechen.

Verhaltensmuster sind schwer zu brechen

Und bei der Schülergruppe kam es während der Meditation schon mal zu Kissenschlachten. Eine Teilnahme, die auf echtem Interesse basiert, sei wesentlich, schließen die Forscher. „Wenn man Sit-ups lustlos macht, bauen sich trotzdem Bauchmuskeln auf. Bei Achtsamkeitsmeditation funktioniert das nicht“, sagte Stanszus.

Bei der Analyse der Ergebnisse auf der Konferenz erläuterte die Ärztin für Arbeitsmedizin und Psychotherapie, Martina Aßmann vom Netzwerk „Ethik heute“ aus Hamburg, warum es Menschen so schwerfällt, ihr Verhalten zu ändern. „Verhaltensmuster sind in uralten Gehirnarealen hinterlegt“, sagte sie. Eingeübtes Verhalten müsse mit neuen Belohnungen verlinkt werden. „Man kann die Einstellung verändern, aber auf die Gratifikation zu verzichten ist schwer“, berichtete die Expertin.

Menschen seien weit weniger materiell eingestellt als man denkt

Der Dortmunder Umweltpsychologe Marcel Hunecke nannte drei Wege, Menschen zu nachhaltigem Verhalten zu motivieren. Zum einen könne man Verhaltensanreize geben, zum Beispiel finanzielle Anreize wie bei der Förderung von Strom aus regenerativen Quellen. Die beiden anderen Wege seien moralische Appelle und die Steigerung des subjektiven Wohlbefindens.

Hunecke sieht vor allem Probleme bei der Infrastruktur nachhaltiger Angebote. „Im Supermarkt müssten die richtigen Dinge auf der richtigen Höhe liegen“, sagte er. „Es muss im Grunde alles anders sein, als es gegenwärtig ist.“

Konsumforscher Schrader sieht das Hauptproblem bei einer fragwürdigen Grundannahme der Politik, die nachhaltigem Konsum entgegenstehe. „Die Politik nimmt an, dass die Gesellschaft materiell eingestellt ist. Daraus resultiert eine mangelnde Bereitschaft, mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu fördern“, sagte er. Die Studie habe gezeigt, dass die Menschen weit weniger materiell eingestellt seien. „Wenn ich in mich hineinspüre, merke ich, was mich wirklich befriedigt“, sagte er. Und das seien oft keine materiellen Dinge.