Klötze - Was passiert, wenn in einer alten Schäferei fünfhundert Kilometer Glasröhren verlegt werden? Nun, es könnte sein, dass hier, im altmärkischen Städtchen Klötze, gerade über das Essen der Zukunft entschieden wird. Draußen weiden friedlich Schafe, drinnen sausen in einer Nährlösung Mikroalgen durch die Röhren, die schon bald dem Fleisch als Proteinspender ernsthaft Konkurrenz machen könnten. „Die Alge Chlorella vulgaris zum Beispiel enthält Vitamin B12, Eisen, ungesättigte Fettsäuren und bioaktive Substanzen, die in der Medizin zum Einsatz kommen könnten“, sagt der Biologe Jörg Ullmann. Ullmann ist 39 Jahre alt, geboren wurde er in einem kleinen Ort in Waren an der Müritz, studiert hat er in Leipzig und Oslo. Er ist ein Vollzeit-Forscher, der selbst im Urlaub nach seltenen Arten taucht oder in abgelegenen Gebirgsgegenden das Überleben in freier Natur trainiert. Jetzt ist er Betriebsleiter des größten Fotobioreaktors der Welt.

„Dass die Alge zu fünfzig Prozent aus Protein besteht, macht sie auch als Nahrungsmittel der Zukunft interessant“, sagt er. Werden wir also demnächst Algensteaks essen? „Ist im Moment noch zu teuer“, antwortet er. „Für ein Kilo Fleisch zahlen Sie zwischen fünf und zehn Euro. Dieselbe Menge Chlorella kostet im getrockneten Zustand das Zehnfache.“ Könnte man den Algenstaub mit Wasser und Mehl vermengen, so dass die Masse auf zwanzig Prozent Protein verdünnt würde –ungefähr so viel Eiweiß enthält Kalbfleisch –, dann wäre der Preis schon nicht mehr so hoch.

Süß duftender Staub

Hinter dem Reaktor, neben einer kleinen Kombüse, in der an Monitoren Temperatur, Wachstum der Algen, pH-Wert und CO2 -Gehalt überwacht werden, befindet sich die Anlage, in der die Biomasse getrocknet wird. Unter der Düse liegt Chlorellastaub, ein Rest von der letzten Ernte. Das süß duftende Pulver ist so fein, dass es an den Händen klebt und sich sofort in die Hautrillen setzt. Der Staub leuchtet in einem warmen Grün. „Die Chlorella vulgaris ist die Pflanze mit der höchsten bekannten Konzentration an Chlorophyll“, sagt Ullmann. Das erkläre ihre intensive Farbe. Sie wurde schon 1889 von Martinus Willem Beijerinck in den Niederlanden entdeckt, eine von zirka vierzigtausend Algen-Arten, die bisher gefunden wurden. Das klingt gewaltig, aber es ist erst ein Anfang. Jörg Ullmann geht davon aus, dass es mindestens vierhunderttausend Arten gibt. Sie leben nicht nur in Meeren und Seen, sondern auch in der kleinsten Pfütze, an Verkehrsschildern oder an Baumrinden.

Der Fotobioreaktor wurde Ende der Neunzigerjahre von Karl-Hermann Steinberg, dem letzten Umweltminister der DDR, entwickelt. Als Forschungsdirektor der Preussag AG erhielt Steinberg Mitte der Neunzigerjahre den Auftrag, etwas gegen die hohen CO2 -Emissionen des Konzerns zu unternehmen. Er entwarf eine Anlage, die mit Mikroalgen arbeitete. Als das Pilotprojekt nach drei Jahren Forschungsarbeit lief, wurde seine Idee nicht mehr gebraucht, denn der Multi-Konzern Preussag AG schrumpfte gerade zum Touristik-Unternehmen TUI. Steinberg nahm seine Patente mit und suchte Lizenznehmer, die den Fotobioreaktor in Klötze aufbauten. Die anhaltinische Landesregierung unterstützte das Projekt. Im Jahr 2000 ging die Anlage in Betrieb. Bereits ein Jahr später war das Unternehmen allerdings insolvent. Der Trend, Algen zu essen, schwappte gerade erst aus Asien nach Europa. Steinberg war ein paar Jahre zu früh dran. Aber er gab nicht auf, konnte neue Investoren gewinnen und unternahm 2004, mit 63 Jahren, den zweiten Versuch. Er begann mit der Produktion eines Nahrungsergänzungsmittels mit dem Namen Algomed, in Tablettenform gepresste Chlorella.

Flaches Land. Wiesen. Ein paar Wälder

Jörg Ullmann stieg damals als Produktionsleiter ein. Als er hier ankam, war alles noch ganz ruhig. Flaches Land. Wiesen. Ein paar Wälder, blökende Schafe. Damals wurde zwei- bis dreimal in der Woche Chlorella geerntet, der Umsatz stieg langsam. Dann kam Roquette. Die Manager des französischen Lebensmittelkonzerns besichtigten 2008 die Anlage und erkannten das Zukunftspotenzial. Sie übernahmen die Labors und legten ein eigenes Forschungsprogramm mit dem Namen Algohub auf. „Das größte europäische Programm zur Erforschung von Mikroalgen“, sagt Ullmann.

Der noch weitgehend unbekannte Bereich der Mikroalgen wird gerade vermessen und aufgeteilt – und wer rechtzeitig in die Erforschung investiert, hat die Nase vorn. Roquette ist groß genug, um mitzubieten. Mit Stärken, Zucker, Ballaststoffen und Proteinen aus pflanzlichen Rohstoffen macht das Unternehmen einen Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Euro. In der Stärkeproduktion ist Roquette die Nummer zwei in Europa, weltweit die Nummer fünf. An Algohub sind inzwischen französische Lebensmittel-, Naturkost- und Kosmetikfirmen sowie private Institute beteiligt. Insgesamt 13 Partner. Sie stehen in einem weltweiten Wettlauf um Wirkstoffe für Medizin, Kosmetik, Nahrungsmittel und um die Technologien zur Herstellung. Ein Wettlauf auch um die Frage, wer zuerst patentiert.

Im Forschungslabor in Klötze blubbern in Glasbehältern und in Plastiktüten, die an medizinische Infusionsbeutel erinnern, die dunkel- und türkisgrünen, roten und nussbraunen Algenkulturen. Das dreiköpfige Laborteam von Jörg Ullmann erforscht, unter welchen Bedingungen diese Algen am besten gedeihen. Die Nussbraune sei eine Kieselalge mit dem Namen Phaeodactylum, sagt Ullmann und erzählt, dass Kieselalgen zu den bedeutendsten Primärproduzenten im Meer gehören. Über Algen in Literatur, Kunst und Geschichte erzählt er in seinem Blog „Die Welt der Algen“. Dort erfährt man auch, dass eine der biblischen Plagen im 2. Buch Mose die Rote Tide beschreibt, das massenhafte Auftreten giftiger Algen. Und, dass eine altmärkische Künstlerin ihre Farben aus Algen herstellt.

Was die Ergebnisse des fünfjährigen Algohub-Programms betrifft, hält er sich bedeckt. Über die türkisgrüne und die rote Alge im Blubberbeutel will er nicht sprechen. Er verrät auch nicht, für welche Produkte jetzt in Klötze Algen produziert werden. Die Aufträge kommen aus der Pharma- und der Kosmetikindustrie. „Wenn beispielsweise eine Kosmetikfirma in ihrem Labor einen Algenbestandteil entdeckt hat, der in einer Hautcreme verarbeiten werden soll, dann beauftragen sie uns mit der Produktion dieser Alge.“

Wem gehören die Algen?

In einem kleinen, unscheinbaren Regal befindet sich das neue Kapital von Roquette, einige Algenstämme in Glasröhrchen. Zum Teil stammen sie aus der Algenstamm-Sammlung der Universität Göttingen, mit zirka 2 250 Algen- und Cyanobakterienstämmen eine der drei größten Sammlungen der Welt. In den letzten zehn Jahren stieg die Nachfrage nach Ablegern aus der Sammlung zu privaten Forschungszwecken um ein Viertel an. Da immer mehr Unternehmen Kapital aus den Algen schlagen, möchte die Universität nun Lizenzverträge einführen. „Einige der Algen werden in Göttingen seit sechzig Jahren aus Steuermitteln am Leben erhalten und bearbeitet. Das sind Schätze, die wir einer Firma, die damit Gewinn macht, nicht einfach spottbillig überlassen können“, sagt Maike Lorenz, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Sammlung.

Wem gehören die Algen? Das ist letztendlich die Frage, mit der sich die Universität in eine juristische Grauzone begibt, wenn sie Verträge mit Firmen abschließt. Für Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech e.V., einer Organisation, die sich kritisch mit den Folgen der Biotechnologie auseinandersetzt, ist die Antwort klar: „Sie müssen nur der erste sein, der die Mikroalge entdeckt, die DNA beschreiben und die Inhaltsstoffe, dann gehört sie ihnen. Mikroorganismen können problemlos patentiert werden. Das wird auch überall gemacht“, sagt er.

Jörg Ullmann hält das für unmoralisch. In seinen Augen sind Mikroalgen Pflanzen, und keine Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien, die ebenso wie Tiere durch das deutsche Recht vor Patentierungen geschützt sind. „Wenn ich heute einen neuen Elefanten entdecke, kann ich ihn doch auch nicht patentieren“, sagt er.

Ullmann führt über den Hof, vorbei an den Schafen, zu einem fensterlosen Bau aus Beton. In einem Raum neben der Tür, in einer Art Pförtnerloge, sitzt ein Mann mit lässig übereinandergeschlagenen Beinen vor einem Monitor. Ein anderer reicht uns Schutzbrillen. Einen Blick in die Zukunft hat Ullmann angekündigt; aber erst einmal ist nur tiefe Finsternis zu sehen. Dann löst sich ein kleiner Silo aus dem Dunkel. Ein Fermentor, sagt Ullmann. Fermentation, das ist die Umwandlung von bestimmten Substraten in neue Stoffe. In dieser Pilotanlage werden Algen ohne Licht hergestellt, nur mit einer organischen Kohlenstoffquelle, in diesem Falle Dextrose. In einer Woche schafft man dabei Mengen, für die man im Fotobioreaktor zwei bis drei Monaten brauchen würde.

Ullmanns Stimme ist lebhaft geworden. Man spürt, wie sehr diese Pionierarbeit ihn reizt. Nicht jede Alge werde in diesem lichtlosen Behälter grün, aber einigen gelinge es, auch im Dunkeln, Chlorophyll zu entwickeln, sagt er. Warum einige das tun und andere nicht, wisse man noch nicht. Fest steht aber, dass die Menschheit dem bezahlbaren Algensteak einen Schritt näher gekommen ist, auch wenn einige hefeblass in der Pfanne liegen werden. „Es kann vorteilhaft sein, dass das Grün fehlt“, sagt Ullmann. „Viele mögen kein Grün in Lebensmitteln.“ Vielleicht wird man an der Algentheke ja bald wählen können: Ein Steak grün bitte! In Lestrem in Nordfrankreich werden schon jetzt Silos für die industrielle Produktion aufgebaut.

Spuren des Zweifels

Auf der Algohub-Website verspricht die Firma Roquette eine Revolution für die Ernährung und Gesundheit. Die Vielfalt der Algen soll weiter erforscht werden, hochwertige Mikroalgen sollen produziert und wertvolle Inhaltsstoffe extrahiert werden. Saubere Wassertropfen, gesunde Pflanzen und Menschen illustrieren das Versprechen. Man muss tief in die Archive tauchen, um Spuren des Zweifels zu finden. In den Siebzigerjahren äußerten zwei Ernährungswissenschaftler der Universität Gießen, Wagner und Siddiqi, Bedenken. Mikroalgen hätten die Eigenschaft, Schwermetalle aus ihrer Umgebung zu absorbieren. Sie seien zu stark kontaminiert, um als Nahrungsmittel zu taugen. Jörg Ullmann kennt das Problem, wie alle Fachleute, die sich mit Algen beschäftigen. „Wir haben hier in Klötze einen eigenen Tiefbrunnen“, erklärt er. „Wären wir auf Leitungswasser angewiesen, wäre es viel schwieriger.“

Tatsächlich bestätigt das Institut Fresenius, dass die Algenpräparate aus Klötze frei von Schwermetallen sind. Steinberg, der letzte Umweltminister der DDR, hat dem französischen Konzern durch seine sorgfältige Standortwahl einen Wettbewerbsvorteil verschafft.

Der Professor hat übrigens gerade einen neuen Fotobioreaktor erfunden, der bald in Klötze getestet wird. Er findet es nicht gut, dass einige Firmen nur einen Bestandteil einer Alge nutzen und den Rest wegwerfen. Steinberg ist immer noch der Meinung, dass es besser ist, die ganze Alge zu essen. Am besten die Chlorella vulgaris.