Wie man ein zünftiges Trinkgelage veranstaltet, wissen die Schimpansen in der Nähe des Ortes Bossou in Guinea ganz genau. Allerdings sind sie dazu auf die Hilfe ihrer menschlichen Nachbarn angewiesen. Die zapfen nämlich gerne Raffia-Palmen an und fangen deren Saft in Plastikkanistern auf. In der Tropenhitze vergärt diese zuckrige Flüssigkeit sehr rasch und erreicht einen Alkoholgehalt von etwa drei Prozent. Wenn er auf einen Drink aus ist, muss der findige Menschenaffe also nur ein paar Blätter zusammenknüllen und sie in die schmale Öffnung des Behälters tunken. Schon kann er mithilfe dieses Schwamms den vergorenen Saft ins Maul befördern.

Und das bleibt nicht ohne Folgen, berichten Kimberley Hockings vom Anthropologischen Forschungszentrum in Lissabon und ihre Kollegen im Fachjournal Royal Society Open Science: Einige der Tiere scheinen durchaus betrunken zu werden – und so mancher haarige Genießer muss sich nach der Palmenparty erstmal eine Weile hinlegen.

Solche Beobachtungen sind für Wissenschaftler hochinteressant. Denn sie könnten Hinweise darauf liefern, wie der Mensch zu seiner Schwäche für Alkohol und andere Rauschmittel gekommen ist. Hat dieses Faible biologische Wurzeln? Und wie könnte es im Laufe der Evolutionsgeschichte entstanden sein? Von abschließenden Antworten auf diese Fragen sind Biologen noch weit entfernt. Zwar haben sie im Labor längst getestet, wie sich die verschiedensten Substanzen von Alkohol bis zu Kokain auf einzelne Tierarten auswirken. Über den freiwilligen Drogenkonsum wildlebender Arten aber gibt es mehr Gerüchte und Anekdoten als wissenschaftliche Untersuchungen.

Rentiere mit Halluzinationen

Etliche solcher Fälle hat der Neurobiologe David Linden von der Johns Hopkins University in Baltimore für sein 2011 erschienenes Buch „The Compass of Pleasure“ (deutscher Titel „High“) zusammengetragen. Da sind zum Beispiel die Rentiere Sibiriens, die großes Interesse an halluzinogenen Fliegenpilzen haben. Wenn sie diese fressen, stolpern sie anschließend desorientiert und mit zuckenden Köpfen durch die Gegend, machen seltsame Geräusche und halten sich oft stundenlang abseits ihrer Herde. Oft lecken Artgenossen den Urin solcher vierbeinigen Konsumenten auf, der ebenfalls reichlich psychoaktive Substanzen enthält. Für David Linden ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass es den Tieren nicht um den Nährwert der Pilze geht, sondern um ihre Rauschwirkung.

Die ist auch den zweibeinigen Nachbarn der Rentiere nicht verborgen geblieben. Bei einigen Völkern Sibiriens werden Fliegenpilze und auch der Urin von deren Konsumenten traditionell für schamanische Rituale oder auch als Genussmittel verwendet. Haben sie sich das womöglich sogar von den Rentieren abgeschaut? Das wird sich wohl kaum noch klären lassen.

Auch in anderen Fällen halten Experten es aber durchaus für möglich, dass Menschen die Wirkung bestimmter Drogen durch die Beobachtung von Tieren entdeckt haben. So ist die Iboga-Pflanze bei den Elefanten, Büffeln, Stachelschweinen und Gorillas in Gabun ebenso beliebt wie bei etlichen Menschen der Region. Die Wurzeln des Gewächses schmecken zwar äußerst bitter, wirken in geringen Mengen aber anregend auf Mensch und Tier. Dass sich bei höheren Dosen Visionen einstellen, ist allerdings nur beim Menschen nachgewiesen. Manche Anthropologen glauben auch, dass einige Bewohner des südamerikanischen Regenwaldes ihre psychoaktiven Substanzen von den Jaguaren übernommen haben könnten. Die großen Katzen wurden jedenfalls dabei gefilmt, wie sie an der bitteren Rinde und den Wurzeln der Yage-Liane knabberten – und sich anschließend wie verspielte Kätzchen benahmen.

Welches Tier den Weg zum Alkoholkonsum geebnet haben könnte, ist dagegen schwer zu sagen. Schließlich gibt es zahlreiche Arten, die vergorene Früchte und Nektar-Drinks zu sich nehmen – von Fruchtfliegen über Fledermäuse bis hin zu Vögeln. So wird die australische Stadt Darwin regelmäßig zum Schauplatz von regelrechten Papageien-Gelagen. Jedes Jahr werden dort Dutzende Rotnackenloris aufgegriffen, die elend und flugunfähig am Boden hocken und kaum noch geradeaus laufen können. Von den üblichen Kletter- und Balancierkunststücken ganz zu schweigen. Manchmal dauert es Tage, bis sich die Tiere wieder erholt haben. Bei anderen Vögeln führt der Alkoholrausch sogar immer wieder zu Todesfällen.

In den USA sind schon zahlreiche Finken, Stare und Seidenschwänze nach dem Genuss von fermentierten Beeren mit Hindernissen kollidiert und gestorben. Und auch in Wien brachen sich im Januar 2006 insgesamt vierzig betrunkene Seidenschwänze das Genick an Glasscheiben.

Nach Einschätzung von Ornithologen geht es Vögeln in solchen Fällen allerdings wohl gar nicht darum, sich einen Rausch anzufressen. Sie haben wohl einfach nicht genügend alkoholfreie Alternativen, um ihren Energiebedarf zu decken. Schließlich haben bereits etliche Studien gezeigt, dass Alkohol durchaus abschreckend wirken kann. Zum Beispiel auf die Gelbsteißbülbüls, die in der Türkei und im Nahen Osten leben. Diese Singvögel fraßen in Experimenten deutlich lieber alkoholfreie Bananen als solche mit drei Prozent Alkohol. Und auch Nilflughunde meiden alkoholhaltige Kost, wenn sie nicht gerade unter Nahrungsmangel leiden. Vielleicht sind es ja gerade die Flugkünstler der Tierwelt, die aus Sicherheitsgründen häufiger auf Alkohol verzichten?

Etliche Säugetiere, die auf vier Beinen am Boden unterwegs sind, scheinen jedenfalls weniger Bedenken zu haben. In Indien zum Beispiel berauschen sich Lippenbären genau wie Menschen am vergorenen Nektar von Madhuca-Blüten. Auch mit betrunkenen Elefanten, die in den Dörfern Reisbier- oder Schnapsvorräte plündern, kommt es dort mitunter zu gefährlichen Begegnungen. Im Regenwald von Malaysia dagegen gibt es natürliche Trinkhallen in Form von Bertam-Palmen, deren vergorener Nektar mit 3,8 Prozent Alkohol beinahe an Bier aus menschlicher Produktion heranreicht. Schon vor ein paar Jahren hat ein Team um Frank Wiens von der Universität Bayreuth sieben Säugetierarten identifiziert, die diesem Getränk regelmäßig zusprechen. Dazu gehört auch eine Primaten-Art, der Sunda-Plumplori.

Erbe der Evolution

Offenbar ist der Mensch also nicht der einzige Vertreter seiner Verwandtschaft, der einen Drink zu schätzen weiß. Der Biologe Robert Dudley von der University of California vermutet sogar, dass Primaten mit einer solchen Vorliebe in der Evolution einen Vorteil hatten. Sei es, weil Alkohol reichlich Kalorien liefert oder weil sein Geruch den Weg zu reifen Früchten wies. Jedenfalls könnte der Mensch, der aus einer Linie von Fruchtfressern stammt, dieses Faible von seinen Ahnen geerbt haben. Doch gibt es Belege für diese Hypothese vom betrunkenen Affen?

Die eingeführten Westlichen Grünmeerkatzen auf der Karibik-Insel St. Kitts haben sich jedenfalls bereits als Alkoholfans geoutet. Sie machen sich mittlerweile einen Sport daraus, den Touristen ihre bunten Cocktails zu entwenden und auszutrinken. Zwar gibt es unter diesen Affen eine kleine Gruppe von Abstinenzlern und die meisten anderen begnügen sich mit moderatem Konsum. Etwa zwölf Prozent aber sind starke Trinker und weitere fünf Prozent besaufen sich bis zum Exzess.

Das scheint in Primaten-Kreisen allerdings eher die Ausnahme zu sein. Katherine Milton von der University of California in Berkeley hat eine Umfrage unter Wissenschaftlern durchgeführt, die das Verhalten von freilebenden Affen untersuchen. Demnach scheinen Primaten nur selten überreife Früchte zu fressen, kaum ein Forscher konnte über betrunkene Affen in freier Wildbahn berichten. Katherine Milton sieht daher noch keine überzeugenden Beweise dafür, dass sein biologisches Erbe den Menschen zum Alkohol trinken verführt.

Andererseits zeigen die Schimpansen von Bossou sehr deutlich, dass sie zumindest keine Abneigung gegen den Geruch und Geschmack von Alkohol haben. Immerhin die Hälfte der beobachteten 26 Tiere nahm zumindest ab und zu einen Drink zu sich. Ob sie lieber vergorenen als unvergorenen Palmensaft trinken, haben die Forscher allerdings noch nicht getestet. Die Geschichte vom betrunkenen Affen ist noch nicht zu Ende.