Allergien: Warum Kinder keine Angst vor Keimen haben sollten

„Dreck reinigt den Magen“, lautet ein alter Spruch. Er zeigt, wie robust einst mit dem Thema „Kinder und Keime“ umgegangen wurde. Heute dagegen scheinen viele Eltern ihren Nachwuchs von der „krankmachenden“ Umwelt nahezu abschirmen zu wollen. Dabei besagt eine Hypothese, dass der Kontakt mit Keimen Kinder davor schützt, Allergien zu entwickeln. Der Kinderarzt und Allergologe Philippe Eigenmann erzählt, wie Eltern mit diesem Thema umgehen sollten.

Herr Professor Eigenmann, ist es gefährlich, wenn ein Kind einen Gegenstand in den Mund nimmt, der auf der Straße lag?

Ein Gegenstand ist nicht automatisch mehr belastet, weil er draußen auf dem Boden lag. Wir vergessen oft, dass wir mit Keimen leben. Wenn ein Kind den Daumen in den Mund steckt, sind dort Bakterien drauf – und der Mund ist auch voll von ihnen.

Warum sind Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, besser vor Allergien geschützt als Stadtkinder?

Sie sind sicher einer größeren Vielfalt von Keimen ausgesetzt. Das Immunsystem eines Kindes ändert sich dadurch so, dass es weniger anfällig für Allergien ist.

Helfen Ferien auf dem Bauernhof zur Allergie-Prophylaxe?

Nein, Tage oder Wochen reichen nicht. Am besten wirkt, wenn die Mutter schon schwanger auf dem Bauernhof ist und das Kind dort aufwächst. Das Vorschulalter zählt. Die Gründe dafür kennen wir nicht im Detail. Wir haben Mäuse in einem Kuhstall aufgezogen und uns angeschaut, wie sie sich von Labormäusen unterscheiden. Das Immunsystem bei den Bauernhofmäusen war viel aktiver als bei den Labormäusen – sogar schon bei sehr jungen Tieren. Außerdem haben wir in den Fäkalien jeweils unterschiedliche Keime gefunden. Auch beim Menschen hat man bei Allergikern und Nicht-Allergikern unterschiedliche Keimprofile in den Fäkalien gefunden.

Heißt das, es gibt Bakterien, die vor Allergien schützen?

Ja, es gibt Bakterienfamilien, die vor Allergien schützen. Bifido-Bakterien, die erstmals in der Darmflora von gestillten Kleinkindern entdeckt wurden, findet man eher bei gesunden Kindern, Clostridien, in deren Familie es Krankheitserreger gibt, dagegen eher bei allergischen Kindern. Wahrscheinlich reicht es aber nicht, nur eine Bakteriengattung zu betrachten. Es gibt ein sensibles Gleichgewicht im Darm. Außer Bakterien gibt es auch noch Viren und Pilze.

Sie haben bei den Stallmäusen viele Viren gefunden.

Wir fanden auffällig viele Mastadenoviren, die leichte Darminfekte verursachen können. Allerdings wissen wir nicht, ob das Auftauchen dieser Viren einen Effekt auf Allergien hat. Das ist noch gar nicht untersucht – es kann noch große Überraschungen geben hinsichtlich der Rolle der Viren in der Darmflora.

Schützt also Vielfalt in der Darmflora vor Allergien?

Menschen mit größerer Vielfalt von Bakterien haben seltener Allergien als Menschen mit einer Darmflora aus wenigen Bakterienfamilien.

Bedeutet das auch, dass Antibiotika Allergien fördern?

Es gibt Studien, die nahelegen, dass Kinder, die früh im Leben ein Antibiotikum bekommen haben, anfälliger für eine Allergie werden – und es gibt andere Untersuchungen, bei denen das Risiko nicht erhöht erscheint. Wahrscheinlich ist es ein Unterschied, ob die Mutter am Ende der Schwangerschaft drei Tage ein Antibiotikum nimmt, weil sie Fieber hatte, oder ob das Kind sechs Monate lang ein solches Präparat bekommt, weil es einen schweren Infekt hat.

Wirkt das Stillen präventiv gegen die Entstehung von Allergien?

Kinder sollten, wenn möglich, vier bis sechs Monate gestillt werden. Dafür gibt es viele Gründe – Allergieprävention ist jedoch keiner davon. Studien zeigen, wenn überhaupt, hier nur eine schwache Wirkung.

Könnte es gegen Allergien helfen, die richtigen Bakterien, sogenannte Probiotika, zu schlucken?

In einigen Studien wurde gezeigt, dass Probiotika leicht vorbeugend gegenüber Allergien wirken, besonders hinsichtlich Neurodermitis bei Kleinkindern. Die Studien, die einen positiven Effekt zeigten, wurden vorwiegend in Finnland gemacht – deshalb bekommen Kinder dort ein Bakterien-Präparat mit Milchsäure-Bakterien. Ich sehe allerdings nicht, dass es eine große Wirkung haben kann, wenn man bloß eine Art von Bakterium schluckt.

Besser wäre ein Mix?

Das wäre erfolgversprechender. Allerdings ist die orale Einnahme ohnehin nicht sehr effektiv. Nur ein kleiner Teil überlebt die Magensäure und gelangt in den Dünndarm. Wenn man Probiotika nimmt, sind die darin enthaltenen Bakterien nur kurz danach noch nachweisbar. Man muss sie also regelmäßig, langfristig und wahrscheinlich in großer Menge nehmen, damit sie nicht komplett verdaut werden. Bakterien in Kapseln sind wahrscheinlich effizienter als probiotikahaltiger Joghurt.

Kann man mit Ernährung die Keimflora positiv beeinflussen, auch im Hinblick auf Allergien?

Milchsäurebakterien, die natürlicherweise in Milch und Milchprodukten vorkommen, haben einen schwach positiven Einfluss. Auch Stoffwechselprodukte von Bakterien, die in Milchprodukten enthalten sind – zum Beispiel Butyrat und kurzkettige Fettsäuren.

Ausgerechnet Milch – dabei hatte man sie im Verdacht, Allergien zu fördern.

Ziemlich lange hat man in Deutschland und der Schweiz Hypo-allergene-Milch zur Allergieprophylaxe propagiert, in der das Eiweiß vorverdaut ist. Diese Milch wurde vor etwa 25 Jahren eingeführt und ist immer noch auf dem Markt – und die Rate von Allergien steigt. Auch Kinder, die HA-Milch getrunken haben, können allergisch werden.

Man bekommt den Eindruck, dass Vermeiden von Lebensmitteln immer schlechter ist als die Konfrontation.

Man kann das nicht generalisieren. Kinder mit hohem Risiko, eine Erdnussallergie zu entwickeln, hat es in einer Studie geschützt, früh Erdnussbestandteile zu sich zu nehmen. Aber hinsichtlich der Hühnerei-Allergie haben Untersuchungen kein klares Ergebnis erbracht, ob eine frühzeitige Exposition schädlich oder günstig ist. Anscheinend gibt es Unterschiede von einem Lebensmittel zum anderen. Jedenfalls sollte man nicht übervorsichtig sein. Wenn Eltern ein neues Lebensmittel und potenzielles Allergen einführen wollen, raten wir: Gebt es zunächst in kleiner Menge – und wenn das Kind es gut verträgt, regelmäßig, damit sich eine Toleranz ausbilden kann.

Was ist mit Allergien gegen Staub, Milbe, Katzenhaare? Verringert früher Kontakt spätere Allergien?

Leider nicht. Es gibt wahrscheinlich Kinder, die, weil sie eine Katze zu Hause haben, vor einer Katzenhaar-Allergie geschützt sind. Aber es gibt auch solche, die können machen, was sie wollen, die werden auf jeden Fall allergisch gegen Katzenhaare.

Ist Anfälligkeit für Allergien erblich?

Wenn ein Elternteil oder Geschwister des Kindes schon allergisch sind, ist das Risiko für das Kind erhöht. Man kann aber die Art der Allergie, ob etwa gegen Katzenhaare oder Fisch, nicht voraussehen.

Was können Sie Eltern als Ratschlag mitgeben?

Natürlich leben – keine Angst vor Keimen. Frische und wenig verarbeitete Lebensmittel essen. Zigarettenrauch fördert Allergien – dem sollte man Kinder auf keinen Fall aussetzen. In der Schwangerschaft ist es für die werdende Mutter nicht sinnvoll, auf Milch, Erdnüsse oder irgendein anderes Lebensmittel zu verzichten, das hat keinen Einfluss auf die Entstehung von Allergien beim Kind. Durch solche Einschränkungen können aber Mutter und Kind ein Nährstoffdefizit bekommen.