Die Wege des Intelligenten Fahrens sind vorgezeichnet. Der Datenschutz muss Schritt halten.
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BerlinStreaming-Dienste und Videokonferenzen lassen die Datenströme anschwellen – und den Bedarf an Netz- und Serverkapazitäten wachsen. Ein selbstfahrendes Auto produziert pro Tag schätzungsweise 4000 Gigabyte Daten, die zum Teil sensible Informationen etwa über das Kennzeichen des Vordermanns enthalten. Wie können die Daten sicher und datenschutzkonform gespeichert werden?

Zwar betreiben Tech-Giganten wie Google oder Amazon mittlerweile auch Rechenzentren in Europa, die den Anforderungen der Datenschutzgrundverordnung entsprechen. Doch der Cloud Act erlaubt es US-Behörden, zu Zwecken der Strafverfolgung auch auf Daten von Servern im Ausland zuzugreifen. Also auch auf Server in Deutschland. Um die Datensouveränität zu stärken, hat die EU eine eigene Cloud-Initiative gestartet: Gaia X. Die Idee: ein Ökosystem aufzubauen, wo Daten zwischen verschiedenen Systemen sicher ausgetauscht werden können.

Nach der ersten Ankündigung im vergangenen Jahr haben Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire vor wenigen Wochen einen ersten Fahrplan präsentiert. „Mit GAIA-X gehen wir einen großen Zukunftsschritt in die Datenökonomie“, sagte Altmaier. „Das Ziel ist ein digitales Ökosystem in Europa, das Innovationen und neue datengetriebene Dienste und Anwendungen hervorbringt.“ Und weil Altmaier auch gerne große Worte mag, verglich er das Projekt mit einer digitalen Mondrakete. „Vielleicht das ambitionierteste Digitalprojekt dieses Jahrzehnts“, sagte er auch.

Anders als zuweilen behauptet, geht es bei dem Projekt nicht darum, ein europäisches Gegengewicht zu den sogenannten „Hyperscalern“ Amazon Web Services, Google Cloud und Microsoft Azure zu schaffen – das wäre wettbewerbsrechtlich gar nicht zulässig –, sondern eine Dateninfrastruktur zu schaffen, die zwischen dem Schutzniveau von Daten differenziert und für jeden Infrastrukturanbieter offen steht.

„Gaia X schafft es, verschiedene Privatsphäre-Ebenen zu modellieren“, erklärt Stefan Ried, Crisp Research Analyst bei Cloudflight, im Telefon-Interview. Als Beispiel nennt er Fahrdaten. „Die Fahrgestelldaten in Verbindung mit meinem Namen sind hochsensibel. Man weiß schnell, ob eine bestimmte Person am Ort X fünf Kilometer zu schnell auf der Landstraße unterwegs war.“

Durch das Konstrukt dezentraler Knoten sei es möglich, Daten in verschiedenen Domänen zu lagern, sagt Ried weiter. Die 10 Prozent hochsensibler Daten könnten in lokale Provider geschoben werden, die restlichen 90 Prozent anonymisierter Daten – etwa der Durchschnitt aller „anonymen“ Fahrzeuge an diesem Ort – könnten dort gespeichert werden, wo es am billigsten ist: bei den großen Tech-Firmen, also beispielsweise bei den Rechenzentren von Amazon Web Services oder Google in Europa.

Der Vorteil: Wenn die Daten auf einem Gaia X-Knoten liegen, sind sie interoperabel, das heißt, man kann von verschiedenen Systemen darauf zugreifen. Ein Umstand, der für maschinelles Lernen zentral ist. Egal, ob beim autonomen Fahren oder in der Medizin – Lernalgorithmen funktionieren nur, wenn sie sehr viele Daten zur Verfügung und einen Austausch von Quellen haben.

„Allein die Telematik-Daten von BMW reichen nicht aus, um Algorithmen zu trainieren, weil viel zu wenige Fahrzeuge auf der Straße und meist nicht online sind“, so Ried. „Man müsste die Daten von allen Autos zusammenwerfen, um wirkliche Lernfortschritte zu erzielen.“

Dass BMW und Daimler ihr Gemeinschaftsprojekt für autonomes Fahren aussetzen und künftig wieder getrennte Wege gehen, hält Ried für einen schwerwiegenden Fehler. Aus Sicht des Analysten hat Deutschland es verschlafen, Softwaretechnologie als Innovationstechnologie zu sehen. „Siemens hat die SIP-Telefonie erfunden. Warum ist heute Cisco bei der Internet-Telefonie Marktführer? Und warum baut Siemens keine Internet-Router? Wir haben es nicht geschafft, Innovation zu erhalten.“

Der Analyst bemängelt, dass es hierzulande keine ausgeprägte Wagniskapital-Kultur wie im Silicon Valley gebe. „Was in Berlin oder Amsterdam abgeht, ist nur Spielkram im Vergleich zu den USA.“ Den schleppend vorangehenden Breitbandausbau hierzulande sieht Ried als Standortnachteil. Im weltweiten Ranking der Internetgeschwindigkeit liegt Deutschland nur auf Platz 25 – hinter Slowenien.

Für Mittelständler im ländlichen Raum, die schnell Daten versenden müssen, ist das ein großer Nachteil. Ried spricht von einer innovationshemmenden Umgebung. AWS, die Internet-Sparte von Amazon, sei vor allem mit Start-ups gewachsen. Gaia X, sagt Ried noch, wird letztlich kein Projekt sein, das den großen Anbietern im Geschäft Konkurrenz machen könnte. Doch die Initiative könnte in Sachen Datenschutz vielen Mittelständlern die Angst nehmen.