Immer heiter sind die Tupi in Brasilien, leben in inniger Verbindung zur Natur, genießen deren reines Wasser und die reichlichen Früchte des Urwalds. Sie kümmern sich um ihre Nächsten, haben lustvollen Sex mit jedem und jeder, schmücken sich mit Piercings,  sind von keiner Doktrin und keiner Macht unterdrückt. Ab und zu essen sie einen Menschen auf. Nun, nichts ist perfekt in dieser schönen Welt.

Wer wissen will, woher unsere Ideale und Utopien über die „guten Wilden“ Amerikas und ihr Leben stammen, lese nach bei Amerigo Vespucci. Der Florentiner Kaufmann und Gelehrte publizierte in Florenz und Paris um 1502 den Bericht „Mundus Novus“ ( „Neue Welt“) über seine Reise entlang der Küste des heutigen Nord-Brasiliens. Innerhalb kürzester Zeit wurde der Text in ganz West-Europa vielfach nachgedruckt, galt lange als die erste wissenschaftliche Darstellung der Geografie der Neuen Welt und ihrer Bewohner. Bereits 1504 erschien bei Johan Otmar in Augsburg die erste deutsche Ausgabe, 1505 eine in lateinischer Sprache in der Druckerei des Rostocker Ratsherren Hermann Barckhusen.

Geschichten von Gewalt und Sex

Von dieser einst wohl mehrere hundert Exemplare umfassenden Auflage überstanden allerdings nur drei die Zeitläufte. Umso sensationeller, dass nun die Bibliothek der Rostocker Universität mit Hilfe privater Mäzene, der Kulturstiftung der Länder und  der Unterstützung der polnischen Nationalbibliothek in Warschau aus dem Kunsthandel eines dieser drei Exemplare erwerben konnte.

Etwa 200.000 Euro kostete es – das ist vergleichsweise preiswert angesichts der Bedeutung, die dieses Rarissimum für die Wissenschafts-, Ethnologie- und Bibliotheksgeschichte hat.
Aus der Sicht des Italieners Amerigo Vespucci lag Rostock um 1500 wohl knapp am Rand der bewohnbaren Welt, die Reise dorthin dauerte länger als jene von Lissabon nach Südamerika. Doch Rostock war seit 1419 Sitz einer vom Papst autorisierten Universität – sie ist die älteste des Ostseeraums, in dieser  Woche wird im Kulturhistorischen Museum der Stadt die große Jubiläumsausstellung zum 600. Geburtstag eröffnet, in der auch Mundus Novus zu sehen ist.

Das acht Seiten umfassende Werk gehörte wohl zum Lehrmaterial und war, wie der Direktor der Universitätsbibliothek Robert Zepf am Freitag bei der Vorstellung des Ankaufs berichtete, für die Zeitgenossen eher eine Art Magazin – schnell gelesen, dann weggeworfen.
Dabei war ein solcher Bericht eine hochpolitische Angelegenheit. Er entstand vor dem Hintergrund des  Wettlaufs Spaniens und Portugals um den Seeweg nach Indien. 1492 entdeckte Christoph Kolumbus im Auftrag der spanischen Könige Amerika. Vespucci fuhr vor allem mit portugiesischen Schiffen. Er war 1497 bis 1503 viermal an den Küsten der Karibik und Südamerikas unterwegs. Er benannte Venezuela, an dessen Küsten er Dörfer auf Pfahlbauten entdeckte, nach der Stadt Venedig und gab Rio de Janeiro seinen Namen. Berichte wie Mundus Novus dienten also auch dazu, Gebietsansprüche abzusichern.

Vespucci  schrieb ausgesprochen gut und anschaulich, sprengte aber vor allem das westeuropäische Weltbild auf. Bis dahin galten die antiken Theorien, nach denen der Süden der Erdkugel praktisch unbewohnbar sei. Gelehrte der Antike behaupteten, dass die Menschen unter der scharfen Sonne verbrennen müssten. Vespucci beschrieb blühende Naturen und sah Länder mit kraftstrotzenden Einwohnern. Der Italiener war moderner Empiriker: Er traute nur dem, was er sehen, anfassen und untersuchen konnte. Kolumbus blieb in weiten Bereichen seiner Weltsicht konservativ und an den antiken Texten orientiert.

Auch deswegen wurde Vespucci als der bedeutendere Entdecker gefeiert. 1507 benannte der elsässische Kartograf Martin Waldseemüller auf seiner Weltkarte den neu entdeckten Kontinent nach Amerigo Vespucci, allein im 16. Jahrhundert wurde Mundus Novus in 37 europäische Sprachen übersetzt.

Kannibalismus als Ritual

Der Italiener wusste, wie man eine neue Information medial aufbereitet und verpackte sie in Geschichten, wie heutige Medientheoretiker sagen. Vespucci berichtete etwa, dass die Indianer sich gewundert hätten, als ihre Gäste so gar nichts vom Menschenfleisch kosten wollten. Vespucci erkannte jedoch nicht, dass es sich bei diesem Kannibalismus  um den Teil eines Rituals handelte. Vielleicht wollte er es auch nicht erkennen, schließlich sollte den „Wilden“ der richtige Glaube an den Christengott und die richtige Kultur gebracht werden – das war jahrhundertelang die wesentliche Legitimation für die brutale Unterwerfung Amerikas, später Afrikas und Asiens, für Sklavenhandel und Ausbeutung. Aber er sah: Gewalt und Sex sind bestens geeignet, das Interesse der Leser wach zu halten. 

Auf dem Titelblatt der Rostocker Ausgabe  zeigt ein Holzstich einen muskulösen Mann mit Pfeilen in der linken Hand und einem großen, seine Scham überdeckenden Bogen in der rechten, sowie eine Frau, die ihren üppigen Körper gänzlich nackt den Betrachtern präsentiert. Das Bild entspricht genau der Schilderung Vespuccis vom lustbetonten Leben der Ureinwohner Brasiliens.

Auf den hinteren Seiten ist eine Darstellung des südlichen Sternenhimmels zu finden – sie belegte die Authentizität von Vespuccis Erfahrungsbericht, musste man die Sterne doch gesehen haben, um sie zeichnen zu können. Am Ende des Berichts steht eine Weltkarte. Sie  zeigt das alte Weltbild mit Afrika, Asien und Europa, nicht aber den im Text beschriebenen Kontinent. Versuchte hier der Drucker Barckhusen, zwischen der revolutionären neuen Weltsicht und konservativen Rostocker Universitätsprofessoren zu vermitteln?

Die Warschauer verzichteten

Das Heft hat eine dramatische Geschichte: Die letzte handschriftliche Eintragung vermerkt die Eroberung der Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan 1521 durch Hernán Cortés, mit der die spanische Weltherrschaft begann. Aus dem 18. Jahrhundert stammt ein Eigentumsstempel der polnischen Brüder Zaluski, deren riesige Warschauer Nationalbibliothek nach der dritten polnischen Teilung 1795 nach St. Petersburg verbracht wurde. Erst 1920 gab die nunmehr sowjet-russische Regierung Teile der Zaluski-Bibliothek an Polen zurück.  1944 nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands wurden die meisten der Bücher jedoch von deutschen Truppen systematisch verbrannt.

Die Bibliothekare in Rostock kannten diese Geschichte und wiesen die Warschauer Kollegen auf das entdeckte Angebot des Antiquariats hin. Doch diese entschieden sich, zugunsten der Rostocker zurückzutreten von einem Rückkauf. Der polnische Historiker Jacek Kordel reiste extra zur Übergabe des Buchs aus Warschau nach Rostock: „Auch wir in der Nationalbibliothek hatten großes Interesse, diesen wertvollen und sehr seltenen Druck zu kaufen“, berichtete er. In Abstimmung mit der Universitätsbibliothek Rostock habe Warschau aber  verzichtet, weil das Werk so eng mit der Geschichte des Druckwesens in Rostock verbunden sei.