Paul Ehrlich träumte einst von Zauberkugeln, die er gegen Infektionskrankheiten einsetzen wollte. Bei einem Besuch der Chemiefirma Hoechst kritzelte er aufgeregt eine Idee auf die Manschette seines Hemdes. Er wollte einen Farbstoff, der ausschließlich den Erreger der Geschlechtskrankheit Syphilis anfärbte, mit dem giftigen Arsen koppeln.

Mehr als 600 Substanzen wurden entwickelt und von seinem Assistenten, dem japanischen Bakteriologen Sahatschiro Hata, getestet. Bei Nummer 606 wurden sie fündig. 1910 berichtete Ehrlich über die ersten Heilerfolge mit dem neuen Salvarsan.

Noch besser wirksam gegen bakterielle Infektionen war das erste Antibiotikum Penizillin, das nach dem Zweiten Weltkrieg Mittel der Wahl wurde. Doch die Zauberkugeln begannen rasch stumpf zu werden. Auch gut 100 Jahre nach Paul Ehrlichs genialer Idee gibt es die Syphilis noch. Bakterien zeigen Patienten und Medizinern auf brutale Weise, wie rasch die Evolution funktioniert. Einige wenige Mutationen unter den bekämpften Bakterien überleben und beginnen sich zu vermehren. Und so gibt es heute Stämme von Tuberkulose und anderen Keimen, die gegen fast sämtliche Antibiotika immun sind. Je häufiger Antibiotika gegeben werden, umso rascher schreiten die Resistenzbildungen voran. Und das ist vor allem in Krankenhäusern ein Problem. Hier entstehen besonders gefährlich Varianten, die besonders geschwächte Patienten infizieren.

Die auf der Frühchen-Station in Bremen problematisch gewordenen Klebsiellen sind eigentlich normale Bewohner des menschlichen Darmes. Durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tiermast sind aber einige Stämme resistent geworden. Sie produzieren Enzyme – Beta-Laktamasen –, die viele Antibiotika unwirksam machen, darunter auch Penizillin oder Cephalosporine. Diese ESBL-Problematik (Extended Spectrum Beta-Lactamases) tragen auch andere Keime in sich, etwa der Darmbewohner Escherichia coli.

Resistenzen durch falschen Antibiotikaeinsatz

Mutationen wären schon für sich schlimm genug, aber Bakterien sind in der Lage, ihre Resistenz-Gene direkt an andere Bakterien weiterzugeben. Der Fall ESBL zeigt es.

Besonders kritisch ist die Lage bei dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA). Natürlicherweise kommt das kugelförmige Bakterium fast überall in der Natur vor, auch auf der Haut und in den oberen Atemwegen des Menschen. Die gegen fast sämtliche Antibiotika unempfindlichen MRSA-Varianten breiten sich inzwischen auch außerhalb der Krankenhäuser in der Bevölkerung aus. Sie verursachen Lungenentzündung und schwere Wundinfektionen.

Hauptgrund für die Resistenzbildungen ist der unkritische und falsche Einsatz von Antibiotika. So verschreiben viele Ärzte unnötig rasch Antibiotika, etwa bei Bronchitis, die zum größten Teil durch Viren oder auch aufsteigende Magensäure (Reflux) ausgelöst wird. Patienten tragen zur Problematik bei, indem sie ihre verschriebenen Antibiotika viel zu kurz einnehmen, so dass überlebende Erreger leicht Resistenzen entwickeln können. Jeder fünfte Patient, so wird geschätzt, entsorgt seine übriggebliebenen Antibiotika über die Toilette. So können im Klärwerk die wundersamsten neuen Keimvarianten entstehen.

Falsche Verordnungen sind heute aber unnötig. Es gibt einen Schnelltest, mit dem rasch erkannt werden kann, ob eine Infektion mit Bakterien oder mit Viren – gegen sie sind Antibiotika völlig wirkungslos – vorliegt.

Der Viehstall als Keimlabor

Eines der größten Labors zur Erzeugung resistenter Erreger bleibt aber die Massentierhaltung. Erst 2006 machte die Europäische Union dem Wahnsinn ein Ende, dass Antibiotika bei gesunden Tieren als Mastbeschleuniger eingesetzt werden durften. Da die meisten Tiere aber weiterhin auf engstem Raum zusammengepfercht leben müssen und oft krank werden, ist auch der Antibiotikaeinsatz weiterhin sehr hoch. Und in vielen Ländern sind Antibiotika ohnehin rezeptfrei zu bekommen – für Mensch und Tier.