Wenn ein Konzern eine neue Produktlinie vorstellt, wird darum meist viel mehr Aufhebens gemacht, als wenn eine Produktlinie eingestellt wird. So passiert das gerade auch wieder bei Apple, dem iPod und dem iPhone. Wenn der Konzern aus Cupertino im September sein iPhone 8 vorstellt, wird das ein Mega-Ereignis werden. Tech-Blogs fiebern dem Event bereits seit Monaten entgegen, präsentieren der ungeduldigen Community geleakte Bilder des neuen Designs und Informationen über neue Features.

Als der iPod, der Vorläufer des iPhones, ausrangiert wurde, war das kaum mehr als eine Meldung wert. 2014 hat Apple die Produktion des Musik-Players eingestellt – zum Bedauern seiner Kundschaft. Nun kündigte der Konzern in den vergangenen Tagen an, auch noch die kleinen Geschwister, den iPod nano und iPod shuffle, vom Markt zu nehmen.

Freiheitsversprechen einer Generation

„1000 Songs in deiner Tasche“, versprach Apple-Gründer Steve Jobs, als er den portablen Musik-Player 2001 präsentierte. Die Losung wurde schnell zu einem Freiheitsversprechen einer mobilen und flexiblen Generation, für die der Walkman zum Ballast der analogen Vorzeit geworden war. Apple trat mit dem Abspielgerät eine mobile Musikrevolution los: Musik wurde downloadbar, zu einem klickbaren Datenpaket, der iPod zur digitalen Juke-Box in der Hosentasche. Der Musikplayer avancierte mit seinem funktionalistischen, minimalistischen Design schnell zu einer Stilikone. „Mix den Soundtrack deines Lebens!“, das war die Botschaft, die Apple seinen Kunden für stolze 500 Dollar mitverkaufte.

Der iPod drückte auch ein Lebensgefühl aus. Die Poster, mit denen der US-Konzern für sein Produkt warb – schwarze Silhouetten, die vor buntem Hintergrund mit ihren iPods groovten – waren eine (wohl unfreiwillige) ästhetische Reminiszenz an das Theatrophon, jenem Gerät aus dem 19. Jahrhundert, das eine telefonische Verbindung mit dem Konzerthaus herstellte.

Das Magazin The New Yorker hob zu Elogen auf das Design an, Künstler zeigten sich mit dem schicken Accessoire, das mehr war als eine fetzige Tech-Neuheit. Als David Bowie 2010 im Guardian einen exklusiven Einblick in die Playlist seines iPods gab – für seine Liste hatte er unter anderem „All These Deserters“ von Boxharp und „Sénégal Fast-Food“ von Amadou & Mariam ausgewählt – war das eine Offenbarung. Vor allem war da das Gefühl, als ob nicht ein Produkt im Mainstream des Musikgeschäfts ankam, sondern eine Musikikone der anderen huldigte.

Doch jetzt, wo der iPod dem Vergessen anempfohlen ist und als fast schon selbstverständliche Funktion im iPhone fortlebt, wo nur noch Computerfreaks und Technik-Nerds eine der begehrten Geräte im Online-Handel ergattern, ist so etwas wie eine Nostalgiestimmung ausgebrochen.

Der iPod als Abschottung von der Welt

Sasha Geffen schrieb kürzlich in einem Essay für das Online-Magazin Real Life („Escape Pod“), dass der iPod Reduit sei, eine Sicherheitsprothese in unsicheren Zeiten. „Musikhören, eine historisch soziale Aktivität, versprach Freude selbst in der Isolation.“ Die modischen weißen Ohrstöpsel, mit denen man, obwohl sie standardisiert waren, Distinktionsmerkmale setzen konnte, je nachdem, wie man sie sich umband, fungierten als ein Schutzschild: „Von ihnen ging eine neue Signalwirkung aus, die eine Geste der Privatsphäre war“, konstatiert Geffen. „In der Öffentlichkeit mit den Kopfhörern herumzulaufen, fühlt sich an, als ob man hinter einer armierten Welt flaniert.“

Während das iPhone den Weg in eine unvorhersehbare und oft feindliche Welt bereite, diene der iPod als eine Art Cocooning, als Abschottung vom Rest der Welt. „Der Raum innerhalb des iPods ist einer, den man selbst dekorierte. Es ist nicht die ganze Stadt. Es ist nur deine Wohnung. Es hat keinen Bug, und niemand anderes kommt hinein, bis man selbst die Tür öffnet.“ 

Mit ihrer Nostalgie ist die Autorin nicht allein: Lindsay Zoladz schrieb 2016 in ihrer „Ode an das iPhone“: Die Nutzung eines iPods fühle sich im Smartphone-Zeitalter wie ein „Akt der Meditation“ an: „Ich verlangsame meinen Schritt, schalte ab, sortiere mein Leben – für die Länge eines Albums oder eines einzigen Songs – im Nicht-Stören-Modus.“ Es ist schon erstaunlich: Ein Gerät, das Kulturpessimisten als antisozial geißelten, weil man sich durch das laute Hören seiner Lieblingslieder aus der Gesellschaft ausklinke, wird zum Gegenstand der Entschleunigung und Selbstfindung.

Präsenz auf der Kino-Leinwand

Der aktuelle Kinohit „Baby Driver“ erweist dem Kultobjekt cineastisch seine Reverenz. In dem Film fährt der Protagonist „Baby“ den Fluchtwagen für Bankräuber im Takt zu seinem iPod. Während seine Komplizen eine Bank ausrauben, bleibt Baby cool im Wagen sitzen und bewegt seine Lippen zu Jon Spencers Blues Explosions Song „Bellbottoms“.Der iPod gerät zum Taktgeber eines Verbrechens, zu einem eigenen Musik-Avatar.

Zumindest auf der Kino-Leinwand ist der iPod wieder präsent. Auf der nichtfiktionalen Bühne hat der iPod im Moment den Charme von CDs. Man kann ihn zwar noch abspielen, aber auf dem Markt spielt er keine Rolle mehr. Vielleicht erlebt der iPod aber irgendwann ein Revival und wird wie Vinyl als Vintage-Tonträger wieder en vogue. Im Gegensatz zum iPhone hat der portable Musikplayer den Vorteil, dass der Hörer nicht getrackt wird. (BLZ)