Es ist eine Frage, über die sich fast jede Frau den Kopf zerbricht, sobald sie schwanger geworden ist: Wie lange soll sie Erziehungszeit nehmen, wie schnell wieder in den Beruf zurückkehren? Mittlerweile fragen sich das auch immer mehr werdende Väter. Es ist schließlich auch eine finanzielle Frage. Eltern können für insgesamt 14 Monate Erziehungsgeld beziehen, aber nur, wenn beide mitmachen. 

So hat sich in den letzten Jahren eine geradezu geschlechtstypische Arbeitsaufteilung ergeben: Es sind meist die Mütter, die länger Erziehungszeit machen, meist sind es zwölf Monate. Väter kommen dafür im Regelfall nicht über die mittlerweile schon sogenannten beiden „Papamonate“ hinaus.

Alles andere, so ihre Begründung, würde sie im Beruf zurückwerfen, geben die meisten von ihnen als Grund an. Aber stimmt das? Die Politologin Lena Hipp hat in einer Studie versucht herauszufinden, ob und wie sich die Dauer der Elternzeit auf die Berufschancen von Vätern und Mütter auswirkt. Sie kam zu erstaunlichen Ergebnissen.

Männer befürchten Karriereknick

Die 40-Jährige ist Professorin für Sozialstrukturanalyse an der Universität Potsdam und außerdem Leiterin der Nachwuchsgruppe „Arbeit und Fürsorger“ am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB). Sie hat bereits mehrere sozialwissenschaftliche Studien zum Thema Geschlecht, Familie und Arbeitsmarkt veröffentlicht.

„In meinem Umfeld gibt es viele Männer, die sagen, dass sie wegen ihres Arbeitgebers keine oder nur eine kurze Elternzeit nehmen könnten“, sagt Hipp. „Wir hatten hier am WZB bereits eine Studie durchgeführt, in der wir Paare mit Kindern befragten, wie sie sich die Erwerbsarbeit und die Kindererziehung aufteilten.

Väter, die nur eine kurze oder gar keine Elternzeit nahmen, gaben dafür meist finanzielle Gründe an. Gleich danach aber kam das Argument, dass eine längere Elternzeit der Karriere schade.“ Dem wollte die Wissenschaftlerin auf den Grund gehen.

Zwei oder zwölf Monate?

Der andere Ausgangspunkt war die Tatsache, dass sich in früheren Studien zeigen ließ, dass Frauen mit Kindern im Vergleich zu kinderlosen Frauen Nachteile im Beruf erleben: „Sie verdienen weniger, sie haben weniger Aufstiegschancen und sie werden seltener zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen“, so Hipp.

Sie wollte nun klären, ob die Dauer der Erziehungszeit von Müttern etwas daran ändert. Wie werden Väter bewertet, die nicht nur die obligatorischen beiden „Papamonate“ nehmen, sondern gleich für ein ganzes Jahr aussteigen? Und haben Frauen, die nur zwei Monate Erziehungszeit nehmen, größere Chancen im Beruf als Geschlechtsgenossinnen, die für zwölf Monate zu Hause beim Nachwuchs bleiben?

Um das herauszufinden, ließ Hipp insgesamt 700 Paare bei der Bewerbung um einen Job im Bereich Veranstaltungsorganisation/Marketing gegeneinander antreten.

Das Experiment:

Immer zwei fiktive Mütter beziehungsweise zwei Väter bewarben sich auf die gleiche Stelle. Sie hatten jeweils die gleiche Qualifikation, die gleiche Berufserfahrung, die gleichen Arbeitszeugnisse. Nur in der Dauer der Erziehungszeit unterschieden sie sich.

Das Ergebnis war so eindeutig wie frappierend. „Bei den Männern haben wir keine signifikanten Unterschiede gefunden“, sagt Lena Hipp. Etwa 20 Prozent aller männlichen Bewerber erhielten die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch – ganz egal, ob sie zwei oder zwölf Monate Erziehungszeit genommen hatten.

Bei den Frauen sah es ganz anders aus: Diejenigen mit zwölf Monaten Erziehungszeit wurden zu 22 Prozent zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Mütter mit zwei Monaten Erziehungszeit im Lebenslauf erhielten nur in 14 Prozent der Bewerbungen eine Einladung. „Das ist ein deutlicher Unterschied, der mich überrascht hat“, sagt die Wissenschaftlerin. „Denn wenn man gleich nach zwei Monaten in den Job zurückkehrt, signalisiert man ja, wie wichtig einem der Beruf ist. Dennoch wurden Frauen, die ein Jahr aussetzten, häufiger eingeladen.“

Längere Elternzeit bevorzugt

Hinzu kam noch ein weiterer Faktor: In den Bewerbungen der Eltern war das Kind, für das Erziehungszeit genommen wurde, drei Jahre alt. „Die Arbeitgeber konnten also annehmen, dass die Bewerberinnen und Bewerber möglicherweise bald ein zweites Kind bekommen und dann eine ähnlich lange Elternzeit machen“, so Hipp. Die erwartete rationale Entscheidung des potenziellen Arbeitgebers wäre also, sich für die Bewerber mit den kurzen Erziehungszeiten zu entscheiden. Im Fall der Mütter aber entschieden die zukünftigen Chefs mehrheitlich anders. Die Mütter wurden also gewissermaßen für ihr abweichendes Rollenverhalten bestraft.

Gleiche Ergebnisse hatte Hipp bereits mit einer vorangegangenen Laborstudie erzielt. Hier wurden Studenten die Bewerbungen der Väter und Mütter vorgelegt. Die Aufgabe war nun, für einen möglichen Auftraggeber die besten Bewerbungen herauszusuchen. Die Studenten sollten den Bewerberinnen und Bewerbern Eigenschaften zumessen: Wie kompetent, wie engagiert, wie ehrgeizig, wie sympathisch wirkt die Person? Dies sollte auf einer Skala von 1 bis 7 festgelegt und zum Schluss die Frage beantwortet werden, ob man die jeweilige Person zur Einstellung empfehlen würde.

Wieder wurden Bewerbungspärchen gebildet und wieder gab es die gleichen Ergebnisse wie in der Feldstudie: Keine Unterschiede bei den Männern, aber die klare Bevorzugung der Frauen mit längerer Erziehungszeit. Und das, obwohl die Bewerter hier Studierende waren und damit deutlich jünger als die Personalchefs von Unternehmen. Dass sie dennoch zur gleichen Einschätzung kamen wie die Entscheider in den realen Firmen, zeigt für Lena Hipp, dass es sich hier um einen generellen Trend handelt. Dennoch ist sie vorsichtig mit ihren Ergebnissen. „Es ist keine repräsentative Studie, wir haben nur ein Berufsfeld untersucht“, sagt sie.

Das Rabenmutter-Klischee

Aussagen über eine gewisse Kausalität könne man aber durchaus treffen. „Dadurch, dass die fiktiven Bewerberinnen und Bewerber in allen relevanten Punkten vergleichbar waren und per Zufall entweder zwei oder zwölf Monate Elternzeit genommen hatten, ist der Unterschied bei der Einladungshäufigkeit eindeutig auf die unterschiedliche Elternzeitdauer zurückzuführen. Andere Gründe können damit ausgeschlossen werden.“ Ehrgeiz im Beruf und Mutterschaft wird in Deutschland eben immer noch negativ vermerkt. „Dafür gibt es im Deutschen ja auch einen speziellen Ausdruck – den der Rabenmutter“, sagt Hipp.

Sie will das Ergebnis der Studie auf keinen Fall als Appell an die Frauen verstanden wissen, dass sie besser länger als kurz Erziehungszeit nehmen. „Wenn man es sowieso nur falsch machen kann, dann kann man das auch als Freiheit nehmen, sich so zu entscheiden, wie man möchte“, sagt sie. Sie schlägt eine ganz andere Strategie vor, um derartige Ungerechtigkeiten vermeiden zu helfen. Bewerbungen um Jobs sollten künftig ganz anders aussehen: „Lasst uns diese ganzen privaten Informationen aus dem Lebenslauf heraushalten“, so Hipp. „Für die meisten Berufe ist es doch schlicht unerheblich, ob man Kinder hat oder nicht.“