Artensterben: Mensch für Bedrohung tausender Tier- und Pflanzenarten verantwortlich

Es ist ein Mammutwerk, und es hat viel Arbeit gemacht. Der am Montag in Paris vorgestellte Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES umfasst 1500 Seiten. 145 Wissenschaftler aus 50 Ländern haben ihn verfasst. „Zusammengenommen haben wir schätzungsweise 156.000 Stunden daran gearbeitet“, berichtet Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Der Agrarwissenschaftler ist einer der drei Vorsitzenden des Vorhabens. Zusammen mit anderen deutschen Wissenschaftlern, die als Leitautoren beteiligt waren, berichtete er am Dienstag in Berlin über die Hintergründe der Bilanz.

75 Prozent der Naturräume wurden bereits vom Mensch verändert

Die von den Forschern vorgelegte Inventur der Natur ist beunruhigend. Den Erkenntnissen zufolge nimmt die Artenvielfalt weltweit dramatisch ab. Etwa eine Million der derzeit bekannten rund acht Millionen Tier- und Pflanzenarten seien im Laufe der nächsten Jahrzehnte vom Aussterben bedroht, wenn der Mensch seine Lebensweise nicht gravierend ändere, warnen sie. „Die immer stärkere Nutzung von Böden und Meeren, der Klimawandel und die Umweltverschmutzung sind menschengemacht und einige der wesentlichen Treiber des Artensterbens“, sagte Settele.

So wurden 75 Prozent der Naturräume auf den Kontinenten vom Menschen bereits maßgeblich verändert, in den Meeren sind es 66 Prozent. In den Ozeanen kommt es dabei nicht nur auf den Erhalt der Riffkorallen an, von denen inzwischen 33 Prozent vom Aussterben bedroht sind. Auch die unscheinbaren Algen sind wichtig. „Sie produzieren zurzeit etwa 50 Prozent des Luftsauerstoffs. Durch die Erderwärmung droht ihr Wachstum bis Ende des Jahrhunderts um zehn Prozent zurückzugehen“, sagte Julian Gutt vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Ökosysteme müssen nicht nur wegen Artensterbens erhalten bleiben - auch wegen Erderwärmung

Der Erhalt der marinen Vielfalt sei jedoch möglich, betonte der Meeresbiologe. Wichtig sei es etwa, das Fischereimanagement an Ökosystemen auszurichten anstatt an einzelnen Fischarten wie bisher.

Auch an Land ist es unabdinglich, die Ökosysteme intakt zu halten. Zum Beispiel weil sie die Erderwärmung abpuffern, indem sie der Atmosphäre jährlich fast 30 Prozent der menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen entnehmen.

Politik ist beim Kampf gegen Klimawandel und Artensterben gefragt

Die untersuchten Szenarien zeigten, dass die Ziele für Nachhaltigkeit und Biodiversität erreicht werden können, betonte Ralf Seppelt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

Josef Settele ist zuversichtlich, dass der Bericht Wirkung entfalten wird. „Schließlich haben ihm Regierungsdelegationen aus 132 Ländern zugestimmt“, sagte er. Nun sei vor allem die Politik gefragt. In Paris war Settele am Montag nach der IPBES-Tagung zusammen mit anderen Forschern zu Gast bei Emmanuel Macron. Der französische Präsident sei interessiert und gut informiert gewesen und werde den Artenschutz wohl zur Chefsache machen. Settele hofft: „Das müsste doch ein Ansporn für die deutsche Regierung sein.“