Sie sieht aus wie die Halle für ein riesiges Weltraumschiff und ist fast so breit, wie die „Titanic“ lang war. Es fehlen nur zwölf Meter. Ihre Höhe erreicht fast die des Berliner Doms. Und allein ihr Metallrahmen soll dreimal so schwer sein wie der Eiffelturm.

Die Rede ist von der neuen Schutzhülle für den Unglücksreaktor in Tschernobyl, die am heutigen Dienstag, 29. November, endlich ihre „finale Position“ einnehmen soll. Man hat sie bereits als das größte bewegliche Gebäude der Welt bezeichnet, denn sie legte in den vergangenen Wochen eine viele Hundert Meter lange Strecke auf Spezialschienen zurück.

Gezielter Abbau des Atommülls geplant

Langsam wurde sie über den Betonsarkophag geschoben, den man 1986 über dem explodierten Reaktorblock 4 errichtet hatte. Das gewölbte Edelstahldach der neuen Hülle glänzt in der Sonne. Auch sonst ist man sehr optimistisch. „Das ist der Anfang vom Ende des 30-jährigen Kampfes gegen die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl“, sagte der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak.

Mindestens 100 Jahre soll der Schutzmantel halten und einen gezielten Abbau des Atommülls ermöglichen. Genau vor dreißig Jahren, im November 1986, wurde nach fünf Monaten Bauzeit der bisherige Betonsarkophag fertig.

Etwa 20.000 Brennstäbe noch vor Ort

Nachdem am 26. April 1986 ein Test im Kernkraftwerk Tschernobyl außer Kontrolle geraten und der Reaktor 4 explodiert war, hatten Hunderttausende sogenannter Liquidatoren – meist Soldaten – unter lebensgefährlichen Bedingungen Blei und Sand auf die Reaktorruine geschüttet und alles mit einem Mantel aus Beton umgeben. Zehntausende starben an den Folgen ihres Einsatzes.

Im Sarkophag eingeschlossen sind noch immer viele Tonnen geschmolzener Reaktorkernmasse – Corium genannt – sowie große Mengen kontaminierten Staubs. Auch etwa 20.000 Brennstäbe sollen sich unter den Trümmern der Explosion befinden, die man damals eilig zusammenschob und einbetonierte.

Erster Sarkophag ist selbst radioaktiver Abfall

Doch der 65 Meter hohe Sarkophag war nie richtig dicht. Luft strömt ein und aus, die Konstruktion rostet, der Beton hat mittlerweile unzählige Risse und Löcher. Regen- und Schmelzwasser können eindringen. Schon schwere Stürme könnten das Bauwerk weiter beschädigen, lautet eine Warnung.

Der Sarkophag sei selbst zu radioaktivem Abfall geworden, sagte Vince Novak, Direktor der Abteilung Nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Diese trägt ein Drittel der Gesamtkosten von 1,5 Milliarden Euro für das neue Schutzhüllen-Riesenprojekt, das von der Ukraine allein nie finanziert werden könnte. Unter den etwa 40 Nationen, die sich an der Finanzierung beteiligten, ist laut New York Times auch die USA.

Der offizielle Titel des stählernen Sarkophags lautet New Safe Confinement (NSC) – frei übersetzt: neuer sicherer Einschluss. Er soll verschiedene Aufgaben erfüllen: Abdichtung der Reaktorruine gegen Umwelteinflüsse von außen, Verhinderung des Entweichens radioaktiver Strahlung. Unter der Hülle sollen endlich die Reste des Unglücksreaktors demontiert werden, und zwar mit ferngesteuerten Greifarmen.

Abschirmende Mauer und kurze Arbeitsschichten

Geplant wurde das riesige Projekt bereits seit vielen Jahren. Den Auftrag zum Bau erhielt 2007 das französische Konsortium Novarka, an dem auch die Deutschen beteiligt sind, unter anderem mit dem Kerntechnik-Unternehmen Nukem und dem Baukonzern Hochtief.

Die Arbeiten begannen im Jahre 2010 und verzögerten sich mehrfach. Beteiligt waren Arbeiter aus 27 Nationen. Die riesige Hülle wurde in zwei Teilen montiert, und zwar gut 300 Meter vom alten Reaktor-Sarkophag entfernt. Zum Schutz vor der Strahlung hatte man zudem eine abschirmende Mauer gebaut, und die Arbeitsschichten betrugen jeweils nur wenige Stunden.

Bewegung im Schneckentempo

Der erste Teil der Hülle, 12.600 Tonnen schwer, war bereits im April 2014 fertiggestellt und auf eine Warteposition geschoben worden. Seit dem 14. November dieses Jahres bewegte man dann den zusammengesetzten, etwa 165 Meter langen und 36.000 Tonnen schweren Stahlbogen im Schneckentempo von zehn Metern pro Stunde über den alten Sarkophag, auf Teflon-Spezialschienen.

„Die Struktur ist so jenseitig, dass es aussieht, als hätten Außerirdische sie auf die Industrielandschaft der Sowjet-Ära fallen lassen“, schrieb die New York Times. Die Schutzhülle soll nach allen Seiten verschlossen und abgedichtet werden, was ein weiteres Jahr dauern werde, wie Nicolas Caille, Projektdirektor beim Konsortium Novarka, sagte.

Die Hülle soll Erdbeben und Tornados standhalten

Die Hülle selbst ist doppelwandig. Die Innen- und Außenwände sind mit einer dünnen Edelstahlschicht überzogen. Sie soll Temperaturen von minus 30 bis plus 50 Grad Celsius standhalten, außerdem Erdbeben der Stärke 6 und Tornados der Stufe 3. Ein Belüftungssystem sorgt dafür, dass die Luftfeuchtigkeit innerhalb der Schutzhülle nie über 40 Prozent steigt. Damit will man möglicher Korrosion vorbeugen.

Etwa 100 Jahre soll der Schutzmantel bestehen. So lange könnte es nach Aussagen von Fachleuten dauern, bis die Reaktortrümmer beseitigt sind. Wenn nötig, erhalte man die Schutzhülle auch 300 Jahre oder mehr, sagte der EBRD-Direktor Vince Novak.

Weitere Einrichtungen sollen bis 2017 fertiggestellt sein

An der inneren Stahlkonstruktion hängen zwei Hebekräne, größer und schwerer als eine Boeing. Sie laufen an Schienen unter dem Dach entlang, werden ferngesteuert und können jeweils 50 Tonnen Material bewegen. Zunächst sollen sie die marodesten Teile des alten Reaktor-Sarkophags demontieren, später dann die gesamten Trümmer mit dem geschmolzenen Kernmaterial und den Brennstäben – insgesamt fast 200 Tonnen Uran, wie es heißt – sowie das Atomkraftwerksgebäude.

Für die Zwischenlagerung werden weitere Einrichtungen gebaut. Die eine heißt Interim Spent Fuel Storage Facility und soll 2017 fertiggestellt sein. Hier plant man, die mehr als 20.000 Brennelemente zu trocknen, zu zerkleinern und in Metallfässern für mindestens 100 Jahre zu lagern. In einer anderen Ablage soll flüssiger radioaktiver Abfall in feste Form umgewandelt und dann ebenfalls gelagert werden.

Kritiker stellen Vorgänge in Frage

Manche Kritiker sehen allerdings in der Schutzhülle, dem größten beweglichen Bauwerk, das es je gab, vor allem eine riesige Geldversenkungsanlage. Atomexperten äußern große Zweifel an der optimistischen Darstellung, dass mit der neuen Schutzhülle die „Zeitbombe Tschernobyl“ endlich zu ticken aufhört.

Die entscheidendsten Probleme sind ihrer Meinung nach noch lange nicht gelöst: die Beräumung des riesigen umliegenden Geländes von Massen an vergrabenem Atommüll und die Suche nach einem Endlager. Zweifel gibt es auch daran, ob der Abbau der Reaktortrümmer unter der Hülle tatsächlich ferngesteuert funktioniert oder ob nicht am Ende doch wieder Menschen diese Arbeit übernehmen müssen.

Am Standort Tschernobyl habe man es insgesamt mit mindestens 600.000 Kubikmetern Atommüll zu tun, sagte der Umweltexperte Tobias Münchemeyer von Greenpeace einem Fernsehsender. „Das ist das Doppelte von dem, was die gesamte deutsche Atomwirtschaft in 60 Jahren produziert hatte.“