Ein spezielles Kastendesign haben die Audible-Gestalter gewählt. Damit die Macher sich im Tonstudio wohlfühlen, gibt es Fenster, die Tageslicht hereinlassen.
Foto: BLZ/sabine gudath

BerlinUmfragen haben das in vergangenen Jahren immer wieder bestätigt: Die Bundesbürger mögen Unterhaltung oder Nachrichten, die direkt aufs Ohr gehen. 23 Millionen Menschen wählen hierzulande Hörbücher, Hörspiele oder Podcasts, vor zwei Jahren waren es noch fünf Millionen weniger. Die meisten Nutzer sind unter 40 Jahre alt.

Und wohin sollen die steigenden Zahlen führen? „Unser Ziel ist es, dass wir mit unseren Produktionen regelmäßig die Zahlen der Spiegel-Bestsellerlisten erreichen“, sagt Oliver Daniel, der bei Audible verantwortlich ist für das Deutschlandgeschäft.

Fenster fürs Tageslicht

Audible ist neben iTunes die wohl bekannteste kostenpflichtige Plattform für Audio-Produktionen, Amazon ist der Besitzer. Das Unternehmen ist auch ein Treiber auf dem Weltmarkt, kooperiert mit Regisseuren, Schauspielern und bekannten Podcastern. In den USA heißt es bei Firmenveranstaltungen, dass wohl nirgendwo so viele Schauspieler beschäftigt werden wie bei Audible, außer in Hollywood. In Berlin wird im Dezember Benno Fürmann („Babylon Berlin“) zur Produktion erwartet.

Daniel und sein Team haben am Deutschland-Standort in Berlin am Donnerstagabend neue Studios für die Produktionen eröffnet. Bei der Besichtigung roch es noch nach frischem Holz und edlen Stoffen. Marcus Raabe, der die Studios verantwortet, berichtete von Technik und vom Wohlfühlen, erzählte von einer Klimaanlage, die von den Mikrofonen nicht wahrgenommen wird und von den Fenstern, die einen Blick in den kleinen Garten ermöglichen und Tageslicht hereinlassen.

Zunehmende Digitalisierung

An der Entwicklung des Unternehmens kann man auch die Veränderungen in der Branche bemerken. Angefangen hat es mit Hörbüchern, die aus gekürzten Literaturvorlagen entstanden und auf CDs gebrannt wurden. Die zunehmende Digitalisierung ließ bald die Verbreitung der komplett gelesenen Werke zu, gleichzeitig wuchs das Angebot und die Nachfrage nach Hörspielen. Vor rund 20 Jahren, also mit der Erfindung des iPods, kamen auch die Podcasts dazu, der Begriff „Pod“ macht die zeitliche Verbindung bis heute deutlich.

Seitdem setzen die Menschen weltweit ihre Kopfhörer auf, um sich zu informieren oder unterhalten zu lassen. Sehr gerne in der Warteschlange des Supermarkts oder im Wartezimmer beim Arzt – das Angebot wirkt so wie ein kleiner Snack zwischendurch. Daniel und sein Team wissen also, dass es darauf ankommt, für eine kurze Zeit die Aufmerksamkeit zu generieren, der Trend ist noch ziemlich neu.


Weiterbildung

  • 7,8 Millionen Menschen in Deutschland hören täglich Hörbücher, Podcasts oder Hörspiele.
  • 30.000 Exemplare als Auflage erreichten Krimihörspiele in den 90ern, produziert vom Goldmann-Verlag und dem WDR
  • 37 Prozent der Befragten gaben in einer Umfrage an, dass sie  
    Hör-Produktionen suchen, um sich weiterzubilden.

Und was noch neu ist in der Branche: Wie die Streaming-Dienste im Filmgeschäft setzen die Audible-Chefs auf Eigenproduktionen, so haben sie mit dem Bestsellerautor Sebastian Fitzek den Thriller „Auris“ erstellt. „Es geht nicht mehr nur darum, Bücher zu vertonen, sondern darum Geschichten speziell fürs Hören zu erzählen“, sagt Daniel. Das sind dann oft längere Stücke, die die Nutzer zu Hause zur Entspannung konsumieren. Im kommenden Jahr will Audible in den neuen Studios und in fortgesetzter Kooperation in Deutschland mehr als 500 Titel – darunter mehr als 100 Eigenproduktionen realisieren.

Und wer weiß, vielleicht setzt sich auch hier ein Trend aus den USA fort. In Amerika sind erste Audio-Produktionen inzwischen zu Vorlagen für Filme oder Serien geworden, „Homecoming“ mit Julia Roberts und „Modern Love“ mit Anne Hathaway, basierend auf einer Kolumne und einem Podcast der New York Times,   sind nur zwei Beispiele. Wie es in Berlin weitergeht? Die Räumlichkeiten bei Audible sind so konzipiert, dass auch Vorträge und Workshops ermöglicht werden können, um neue Formate zu erfinden.

„Sind in der Ausprobierphase“

Was die Qualität der Podcasts in Deutschland angeht, wünscht sich Patrizia Schlosser mehr Sorgfalt bei der Auswahl der Themen. Im vergangenen Jahr war die Journalistin ausgezeichnet worden für ihre Arbeit über den RAF-Terrorismus. Sie erhielt den Deutschen Radiopreis für ihren Podcast „Im Untergrund“. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagte sie: „Wir sind in Deutschland gerade in der Ausprobierphase. Ich finde es gut, dass so viel gemacht   wird. Aus meiner Sicht wäre es aber besser, mehr Geld für längerfristige Recherchen als für schnelle Produktionen auszugeben.“