Biotechnologen der TU Berlin wollen Kleidung, Verpackungen und Baustoffe aus Pilzkulturen herstellen.
Foto: Jörg Carstensen/dpa

BerlinWenn Vera Meyer Antworten auf drängende Zukunftsfragen sucht, zieht es sie in Brandenburgs Wälder. An Birken oder Buchen finden die Berliner Biotechnologin und ihr Team Pilze wie den Zunderschwamm, der nun in einem Labor an der Technischen Universität kleine Wunder vollbringt: Winzige Pilzfäden wachsen zu Baumaterial, einem Lampenschirm oder einem Fahrradhelm heran. Die ungewöhnliche Pilzzucht passt zum Thema des neuen Wissenschaftsjahrs, das am 16. Januar eingeläutet wird: Bioökonomie.

Klimawandel, Meere voller Plastik und zur Neige gehende fossile Rohstoffe: Schon lange ist klar, dass es ohne ein Umdenken kaum gehen wird. Wissenschaftler wie Vera Meyer haben das Ziel, die heutige erdölbasierte Wirtschaftsform zu wandeln – hin zu einer nachhaltigen Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Dafür steht der Begriff Bioökonomie. Es geht darum, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig den Lebensstandard zu sichern. Etwa mit Mikroorganismen, die Schadstoffe abbauen, Kerosinersatz aus Algen oder Kunststoffen, die sich leicht zersetzen, wie es auf der Internetseite zum neuen Wissenschaftsjahr heißt.

Vera Meyer, Pilzforscherin und Professorin an der Technische Universität Berlin
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Die Zunderschwamm-Versuche sind der Anfang einer langen Testreihe, bei der von Materialwissenschaftlern bis hin zu Architekten viele Disziplinen eingebunden sind. „Mind the Fungi!“ (Beachtet Pilze!) hat Meyer ihre Forschungswerkstatt genannt, bei der auch Bürger und Künstler mitmachen können.

Der Student Bastian Schubert hat sich in ihrem TU-Labor aus Zunderschwamm einen Fahrradhelm wachsen lassen. Der Prototyp hat eine samtweiche Oberfläche und duftet leicht nach frischem Stroh. Losradeln könnte Schubert damit allerdings nicht: Sobald Wasser auf den Helm käme, würde der anfangen zu wachsen - und vermodern. Zudem müssen Materialforscher noch herausfinden, ob das Naturprodukt bruchsicher und stoßfest genug ist, um DIN-Normen zu erfüllen.

Der Anfang der Prozesskette

„Wir stehen hier am Anfang der Prozesskette“, so Meyer. Auf ihrem Schreibtisch liegen federleichte Pilzbausteine in rechteckiger Normziegelform und Pilzrollen, die in Plastikrohren heranwuchsen. Aufeinandergestapelt könnten Pilzsteine eine Dämmstoffmauer für trockene Räume ergeben. Mit den Rundkörpern könnten Heizungsrohre ummantelt werden. „Theoretisch ist für Pilzdesign jede Form möglich, die zum Beispiel ein 3D-Drucker herstellen kann“, sagt Meyer. Zum Beispiel auch Tische, Stühle oder Lampenschirme. „Wenn sie einem nicht mehr gefallen, zerkleinert man sie und wirft sie auf den Kompost.“

Völlige Luftschlösser sind solche Ideen nicht. Das neue Berliner Museum Futurium zeigt schon Baumaterialien aus Naturstoffen, darunter biologischen Zement. Die Methode funktioniere ähnlich wie beim Wachstum von Korallenriffen, bei der Herstellung werde deutlich weniger CO2 produziert als bei vergleichbaren Baumaterialien, heißt es. Ein Start-up in den USA vertreibt das Produkt.

Bei der Industrie laufen Pilzforscher Meyer zufolge generell schon offene Türen ein – zum Beispiel mit veganem Pilzleder. Auch an Kleidung aus Pilzmaterial wird geforscht. Die größte Hürde ist, eine ressourcenschonendere Öko-Produktion in herkömmliche Herstellungsprozesse einzupassen, sie massentauglich und bezahlbar zu machen.

Ob aus Meyers Pilzen etwas Praxistaugliches werden kann, ist noch ungewiss. Das Potenzial der geschätzt sechs Millionen Pilzarten, von denen erst rund 100 000 wissenschaftlich beschrieben seien, hält sie jedenfalls für völlig unterschätzt. Eines allerdings kommt Meyer bei Pilzen gar nicht in den Sinn: Steinpilze oder Pfifferlinge auf dem Teller. „Ich gehe sehr gern in den Wald. Aber Pilze essen mag ich überhaupt nicht gern.“