Ausgesirrt: Deutschlands Insekten sind in Gefahr

Jahrzehntelang galt in Deutschland und anderswo eine einfache Regel: Insekten – die sind einfach da. Zu Millionen, Milliarden, Billionen. Sie flattern über Wiesen, fressen sich durch Pflanzen und Gebälk, nerven, wenn sie nachts im Schlafzimmer herumsirren, und klatschen auf der Autobahn gegen die Windschutzscheibe.

Doch Ende 2017 machte sich eine beunruhigende Erkenntnis breit: Die Insekten sind nicht mehr da, zumindest nicht mehr in der Fülle und Vielfalt wie früher.

Wo sind die Schmetterlinge, die über Blumenwiesen gaukeln, die Motten, die sich nachts um Lichtquellen sammeln, die Schwebfliegen, Wildbienen und Hummeln, die sich auf Blüten tummeln sollten? Natürlich gibt es sie noch – aber eher als Ausnahme denn als Selbstverständlichkeit. Zwischen 30.000 und 40.000 Insektenarten haben Biologen in Deutschland registriert, die Angaben variieren. Generell bilden Insekten eine der artenreichsten Gruppen im Tierreich.

Großes Medienecho

Aber warum sollte es in Deutschland, dem Land der Naturliebhaber und Umweltfreunde, immer weniger Insekten geben? Ausgelöst haben die Debatte darüber die Mitarbeiter einer altehrwürdigen Institution. Den Entomologischen Verein Krefeld gibt es schon seit mehr als hundert Jahren. Dort engagieren sich Naturwissenschaftler und passionierte Laien. Gemeinsam erkunden und dokumentieren sie die Insektenwelt. Und sie konservieren sie in einer eigenen Sammlung.

Im vergangenen Herbst legten der Entomologische Verein Krefeld und Wissenschaftler zweier Universitäten Messdaten aus 27 Jahren vor, denen zufolge die Biomasse fliegender Insekten um 75 Prozent abgenommen hat.

Als Krefelder Studie fanden die Ergebnisse in den Medien ein breites Echo. An 63 Standorten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg hatten die Mitarbeiter des Vereins in freier Landschaft Zelte aufgestellt. Darin sollten sich Insekten im Flug verfangen und in einer Alkohollösung landen. 1500 einzelne Messungen nahmen die Entomologen vor und errechneten anschließend, dass der Rückgang der Biomasse sehr groß ist. Zum Beispiel nahm die im Schutzgebiet Orbroicher Bruch bei Krefeld gefangene Menge an Insekten von 1400 auf 300 Gramm ab.

3000 Arten auf der roten Liste

Die Krefelder Studie wurde von manchen kritisiert, weil es zu wenige kontinuierliche Messungen an einem Ort gegeben hat. Aber bessere Daten existieren einfach nicht. Für Deutschland ist es erstaunlicherweise die umfassendste Messung und Auswertung. Weder die Agrar- und Umweltbehörden von Bund und Ländern noch die deutsche Wissenschaft und die Agrarorganisationen haben ähnliche Monitoring-Programme initiiert. Das kann man angesichts der Bedeutung von Insekten als Bestäuber und als Nahrung für größere Tiere als ein sträfliches Versäumnis ansehen.

Eigentlich sollte die Artenvielfalt aufgrund der für die meisten Insekten günstigen klimatischen Erwärmung zunehmen. Und in der Tat gibt es Arten, deren Bestände wachsen, zum Beispiel die des Schmetterlings Brauner Waldvogel (Aphantopus hyperantus). Für einen erheblichen Teil der Arten sieht es aber anders aus. Nach Angaben des Bundesamts für Naturschutz weisen von den 7800 Insektenarten in Deutschland, deren Populationstrends genauer untersucht wurden, 44 Prozent im langfristigen Vergleich einen negativen Trend auf. Knapp 3000 Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere und Pflanzen in bedenklichen Kategorien: 358 gelten als ausgestorben oder verschollen, 745 als extrem selten, 1029 als sehr selten und 1922 als selten.

Die Artenvielfalt sinkt dramatisch

Bei Zikaden sind dem Bundesamt zufolge 52 Prozent der untersuchten Arten stark zurückgegangen, bei Laufkäfern 45 Prozent.

Im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union werden derzeit nur die Bestände von weniger als 40 deutschen Insektenspezies systematisch untersucht, vom Vierzähnigen Mistkäfer bis zum Gestreifelten Bergwald-Bohrkäfer. Und nur ein kleiner Teil der Arten – hauptsächlich Tagfalter, Wildbienen, Hummeln und Libellen – genießt Schutz.

Lokal ergibt sich in Deutschland ein ziemlich verheerendes Bild. Ein eindrückliches Beispiel sind drei Magerrasen-Areale in der Nähe von Regensburg. Deren Artenvielfalt hat das zum Senckenberg-Museum gehörende Deutsche Entomologische Institut anhand von historischen Aufzeichnungen, Museumsbeständen und aktuellem Monitoring untersucht. Zwischen 1840 und 1880 kamen in dem 45 Hektar großen Areal im Durchschnitt 117 Tagfalterarten vor, im Jahr 2013 waren es nur noch 71. 

„Unsere Studie zeigt, dass in den letzten 200 Jahren die Anzahl von Tagfalterarten dramatisch abgenommen hat“, sagt Thomas Schmitt, Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg. Er ist entsetzt, dass der Rückgang auch in einem offiziellen Naturschutzgebiet so ausgeprägt ist.

Die Autoren der Krefelder Studie betonen, dass sie für die 63 Standorte, an denen sie gemessen haben, zu keinen schlüssigen Ergebnissen kommen, was die Ursachen betrifft. Als Vermutung führen sie die Intensivierung der Landwirtschaft im Umkreis der untersuchten Schutzgebiete an, geben aber zu, dies nicht belegen zu können.

Ursachen des Rückgangs

In der Fachwelt werden mehrere mögliche Ursachen diskutiert, von denen die meisten mit der industrialisierten Landwirtschaft zu tun haben:

Stickstoffbelastung. Durch intensive Düngung und Abgase ist das Stickstoffangebot in der Umwelt stark gewachsen. Dies führt zu einem Rückgang der Pflanzenvielfalt auf Wiesen und in anderen Habitaten, da sich in überdüngten Lebensräumen nur wenige Pflanzenarten durchsetzen. Weniger Pflanzenvielfalt hat eine direkte Wirkung auf das Nahrungsangebot bestäubender und oftmals hoch spezialisierter Insekten.

Pestizide. Rund 1000 Tonnen Insektizide werden in Deutschland pro Jahr ausgebracht. Besonders umstritten sind die sogenannten Neonikotinoide. Denn Studien haben ergeben, dass sie die Populationen von Wildbienen, Hummeln und Honigbienen negativ beeinflussen können. Da es sich um die populärste Insektizidklasse handelt, tobt zwischen Herstellern und Agrarlobby einerseits und Umweltschützern auf der anderen Seite ein erbitterter Kampf.

Lebensraumveränderungen. Bereits seit mehr als hundert Jahren wird die Landwirtschaft in Deutschland und Europa zunehmend intensiviert. In jüngster Zeit ist der Bedarf hinzugekommen, für sogenannte Biokraftstoffe Agrarflächen zu nutzen. Dies führt dazu, dass nach der Flurbereinigung der 60er- und 70er-Jahre auch heute fortgesetzt Feldflächen vergrößert werden und Strukturelemente verschwinden.

Lebensraumzerschneidung. Durch Straßen und Siedlungen werden nicht nur Lebensräume zerstört, sondern auch Populationen von Insekten voneinander getrennt, was Thomas Schmitt, Leiter des Deutschen Entomologischen Instituts, jüngst in einer Veröffentlichung im Journal Biological Conservation als eine der Hauptursachen von Rückgängen bezeichnete. In Deutschland wird pro Tag mehr als ein Quadratkilometer Fläche bebaut, zwischen 1992 und 2015 verschwand eine Fläche von 93 mal 93 Kilometern Ausdehnung unter Beton und Asphalt.

Zusammenbruch der Nahrungskette

All diese Ursachen wirken zusammen und verstärken einander gegenseitig. Bisher gibt es keine stimmige und wirksame politische Strategie, die Ursachen zu bekämpfen.

Klar ist jedoch, dass ein fortgesetzter und dauerhafter Schwund von Insekten gravierende Folgen für Mensch und Natur haben würde. Nicht nur die vom Menschen kultivierte Honigbiene ist ein wichtiger Bestäuber, sondern auch Wildbienen, Hummeln und Schwebfliegen tragen dazu bei, dass Pflanzen sich vermehren. Fallen sie aus, sind wildlebende und landwirtschaftlich genutzte Pflanzen gleichermaßen betroffen.

Darüber hinaus sind es auch spezialisierte Insektenarten, die Schadorganismen in der Landwirtschaft in Schach halten. Außerdem ernährt sich ein erheblicher Teil der heimischen Vogel- und Fledermausarten von Insekten. Deshalb besteht die Gefahr, dass ein fortgesetzter Insektenschwund auch die Bestände größerer Tiere beeinträchtigt.

Aktionsplan in Arbeit

Die Vogelwelt weist bereits erhebliche Rückgänge auf. So kommt das Bundesamt für Naturschutz zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Vogelbrutpaare allein zwischen 1998 und 2009 um 15 Prozent auf 85 Millionen zurückging. In der Europäischen Union summiert sich der Rückgang auf 300 Millionen Brutpaare seit 1980 – was nach Berechnungen des European Bird Census Council ein Minus von 50 Prozent in diesem Zeitraum bedeutet.

Betroffen sind in Deutschland Insektenfresser wie das Braunkehlchen, der Feldschwirl oder der Wendehals mit Rückgängen um mehr als drei Viertel. Zwar gibt es auch insektenfressende Arten, die zunehmen, aber der Gesamttrend ist negativ.

Ein genaueres Bild der Lage ist dringend nötig, um Ausmaß und Ursachen des Insektenschwundes zu ergründen. Die Krefelder Studie gibt einen alarmierenden Hinweis. Die neue Bundesregierung hat angekündigt, Wissenslücken zu schließen. Ein Monitoringzentrum soll entstehen, um den Insektenschwund zu erforschen, heißt es im Koalitionsvertrag. Zudem wird in diesen Tagen an einem Aktionsplan gefeilt, um dem Insektenschwund mit praktischen Maßnahmen zu begegnen.

Automatisches Messverfahren

Das Bundesamt für Naturschutz setzt für das Monitoring vor allem auch auf ehrenamtliche Experten. Doch wenn man nicht nur die Biomasse wiegen, sondern auch Erkenntnisse über Arten gewinnen will, braucht es dafür Kenntnisse, die bisher nur wenige Menschen in Deutschland haben. Eine entomologische Qualifizierungsoffensive wäre nötig, etwa im Verbund mit Volkshochschulen. Eine Alternative wäre es, Landwirte selbst in das Monitoring einzubeziehen und zu bezahlen. In Österreich wurde diese Art der Partizipation bereits erprobt.

Eine andere Option wäre ein automatisiertes Messverfahren, wie es Wolfgang Wägele, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn, propagiert. Wägele will bundesweit Gerätschaften aufstellen, die wie Wetterstationen funktionieren und den Insektenfang automatisiert über DNA-Sequenzierung auswerten.

Die Landwirtschaft muss sich anpassen

Doch den Aktionsplan muss die Regierung ohne neue Erkenntnisse stemmen. Bis neue Langzeitstudien Ergebnisse bringen, vergehen 10 bis 15 Jahre. Das ist wertvolle Zeit, in der es gilt, Landwirtschaft und Landnutzung so umzugestalten, dass für Schmetterlinge, Hummeln, Schwebfliegen, Libellen und andere Insekten wieder mehr Platz und Nahrung vorhanden ist.

Soll das gelingen, gibt es nur einen Weg: Bundesregierung und EU müssen Landwirte finanziell dafür belohnen, Artenvielfalt zu pflegen und zu erhalten. Bisher gibt es dafür nur kleine Programme.

Um die Landschaft wieder lebendiger zu machen, darin sind sich Naturschützer und die meisten Wissenschaftler einig, sind große Veränderungen in der bisherigen Agrarpolitik nötig.