Ein Junge kämpft gegen Vorurteile, gegen Ausgrenzung und gegen seine eigene Krankheit. Ryan White ist 13 Jahre alt, als er die Diagnose HIV-positiv bekommt. Er darf nicht mehr zur Schule gehen, seine Mitschüler haben Angst vor ihm – und dieser rätselhaften Krankheit, die einem Todesurteil gleichkommt. Monatelang wird er per Telefon zu Hause unterrichtet. Ryan White und seine Familie klagen und bekommen recht. Er darf wieder zur Schule gehen. Zu dieser Zeit, 1984, beginnt er sich gegen die Diskriminierung HIV-positiver und aidskranker Menschen einzusetzen. Der Junge aus dem ländlichen Nordwesten der USA wird landesweit bekannt, trifft den damaligen Präsidenten George H. Bush, Prominente wie Elton John und Elizabeth Taylor.

Die Geschichte von Ryan White ist aus zahlreichen Gründen eine besondere und eine von vielen bewegenden, die im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden erzählt werden. Mit Plakaten und Filmbeiträgen aus den vergangenen 34 Jahren geht die Ausstellung „Aids – nach einer wahren Begebenheit“ zurück an den Anfang. Sie zeigt, wie die Krankheit seit ihrer ersten öffentlichen Erwähnung zu einem öffentlichen Thema wurde. Ihre Existenz, ihre Gefahr, der Schutz vor ihr. Erst in den USA, kurze Zeit später in Deutschland und der ganzen Welt.

Zu Beginn war Aids die "Krankheit der anderen"

Es war 1981, als in den USA von fünf kranken jungen Männern berichtet wurde. Sie litten an Pilzbefall und einer seltenen Form von Lungenentzündung, Ursache unbekannt. In den folgenden Monaten stieg die Zahl der Patienten rasant, ihre Erkrankungen ähnelten denen der fünf Männer. Ein Jahr später gab ein kleiner US-amerikanischer Schwulenverband die erste Broschüre zu Aids heraus – ohne zu wissen, wo diese Krankheit herkam und wie man sich vor ihr schützen konnte.

In dieser Zeit kursierten Verschwörungstheorien, zum Beispiel, dass der russische Geheimdienst KGB diesen Virus gezüchtet hätte. Oder diese Infektion durch einen Luftzerstäuber in Clubs verbreitet wurde, um Homosexuelle zu töten. Denn Anfang der 80er-Jahre galt Aids vor allem als Krankheit der anderen: von Homosexuellen, Prostituierten, Drogenabhängigen.

Die amerikanische Gesellschaft betrachtete die Immunschwäche als gerechte Strafe Gottes für Sünde und Promiskuität. Politik und Öffentlichkeit schwiegen. Dann aber infizierten sich 1982 Menschen über Blutkonserven mit dem Aids-auslösenden HI-Virus. Wie auch der 13-jährige Ryan White. Zur Behandlung seiner Hämophilie brauchte er regelmäßig Bluttransfusionen. Er war einer der ersten Patienten, die durch gespendetes Blut infiziert wurden.

Plötzlich war Aids nicht mehr die Krankheit von Randgruppen, jeder konnte sie bekommen. Die Menschen hatten Angst. Das Schicksal von Ryan White und auch der Tod des beliebten US-Schauspielers Rock Hudson 1985 veränderten den Umgang mit der Krankheit. Über sie wurde nun öffentlich gesprochen – in Gesellschaft und Politik. Denn es musste gehandelt werden, um Aids einzudämmen. Auch in Deutschland. Das erste Plakat „Sicher besser“ druckte die Deutsche Aids-Hilfe 1985: zwei durchtrainierte Männer, die sich im Arm halten, ihr Gesichter sind nicht zu sehen.

Plakate von namhaften Agenturen oder aus der Not heraus entworfen

Diese Anonymität auf den ersten Plakaten gegen Aids war bezeichnend. Kein Model wollte mit der Krankheit in Verbindung gebracht werden. Doch allein auf den Bildern anzudeuten, dass es um Sex geht, sogar zwischen Männern, hat damals ein riesiges Tabu gebrochen. Ebenso der Verkehr mit wechselnden Partnern, noch dazu unterschiedlicher Hautfarbe. Sinnliche, halbnackte Körper, die sich aneinanderpressen, daneben steht in großen Lettern „Safer Sex“.

Diese Plakate, einige aus der Not heraus entworfen, andere von namhaften Agenturen, wurden verteilt und aufgeklebt. Nun hängen sie akkurat in einem Rahmen. Aufgereiht auf hellgrauen Wänden, immer mit einem kurzen Text zu Entstehungszeit und -ort. Die Ausstellung ist aufgeteilt in sechs Räume und sechs Themen mit insgesamt 240 Plakaten. Der Besucher sieht in chronologisch geordneter Reihenfolge, wie Aufklärungskampagnen weltweit über die Krankheit informiert haben – zum Beispiel die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ab dem Jahr 1987 mit „Gib Aids keine Chance“. Jeder Raum hat einen Titel, der die Auswahl der Plakate erklärt.

Wie zum Beispiel: „Das Schweigen wird gebrochen“. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland. Das Magazin Spiegel widmet der Krankheit mehrere Titelgeschichten wie zum Beispiel „Aids und Liebe – welches Risiko?“, die Unterzeile des Textes fragt, ob die Krankheit nun „endgültig aus dem Getto der Homosexuellen, Drogenfixer und Bluter“ ausbricht. Und dass „Ärzte den Heterosexuellen zu Monogamie, Homosexuellen zu Keuschheit“ raten. 1985 war die Krankheit vor allem im Westen Deutschlands präsent, Angst vor ihr hatten alle – die sexuelle Vorliebe war dabei egal. Deshalb verschickte die BZgA an sämtliche Haushalte die Broschüre „Was Sie über Aids wissen sollten“. In der DDR beginnt die Aids-Aufklärung im September 1987, für Kondome von Mondos wird ab 1988 mit Plakaten geworben.

Weltweit rund 37 Millionen Menschen mit HIV infiziert

Mit dem Auftreten der Krankheit Aids begannen zeitgleich Experten, sie zu erforschen. Der erste wissenschaftliche Beitrag erschien 1981 im Fachmagazin New England Journal of Medicine. Im Jahr 1982 bekam Aids von Wissenschaftlern seinen Namen: Acquired Immune Deficiency Syndrome, was übersetzt erworbenes Immundefektsyndrom bedeutet. Ausgelöst wird die Krankheit durch die Infektion mit dem HI-Virus, also dem menschlichen Immunschwäche-Virus. Die HIV-Infektion wird erst in der letzten Krankheitsphase als Aids bezeichnet. Übertragen wird das Virus durch Blut, Sperma, Vaginalsekret und Muttermilch. Keine Ansteckung erfolgt durch Umarmen, Speichel, Tränen, Husten, Niesen und dem Teilen von Essen und Trinken.

Nach Schätzungen von Unaids, einem Programm der Vereinten Nationen, waren 2014 weltweit 36,9 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge wissen jedoch nur 51 Prozent derjenigen, die HIV-positiv sind, von ihrer Infektion. In Deutschland sind es ungefähr 14.000 Menschen. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge lebten 2013 in Deutschland etwa 80.000 Menschen mit einer HIV-Infektion, im gleichen Jahr hatten sich etwa 3200 Personen neu infiziert. Dabei gibt es laut RKI drei Personengruppen, die in besonderem Maße betroffen sind: Männer, die mit Männern schlafen, Personen, die intravenös Drogen konsumieren, sowie Männer und Frauen mit heterosexuellen Kontakten.

Diese Einteilung stützt auch Dirk Schürmann, Oberarzt der HIV/Aids-Ambulanz und Tagesklinik der Charité Berlin. „Schwerpunktmäßig sind unsere Patienten schwule Männer, Migranten aus Ländern mit hoher HIV-Verbreitung und Drogenabhängige. Dabei ist die Zahl der letzteren Gruppe aufgrund von Präventionsmaßnahmen wie dem Gebrauch sauberer Spritzen stark zurückgegangen“, sagt der Mediziner. „In der Tagesklinik betreuen wir kontinuierlich etwa 900 Patienten jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht.“

Vor zwei Jahrzehnten noch ein Todesurteil

Weltweit wurden die meisten Betroffenen jedoch durch heterosexuelle Kontakte mit HIV infiziert, betroffen sind fast so viele Frauen wie Männer. Nur in den Ländern Westeuropas sowie den USA ist vor allem die schwule Community betroffen. „Gründe dafür sind häufig wechselnde Partner und Weglassen von Safer Sex“, erklärt Schürmann. Wie US-Forscher im Fachmagazin Lancet im Jahr 2012 berichten, ist das Risiko, sich mit dem HI-Virus zu infizieren, bei Analverkehr etwa 18 Mal größer als bei ungeschütztem Vaginalverkehr. „Bei Analverkehr kann es schneller zu Rissen in der empfindlichen Schleimhaut kommen, wodurch das Virus leichter übertragen werden kann“, sagt der Charité-Mediziner.

Dirk Schürmann behandelt seit Ende der 80er-Jahre Menschen mit HIV und Aids. Also seit jener Zeit, in der die Zahl der neudiagnostizierten HIV-Infektionen in Deutschland seinen Höhepunkt erreicht hatte. Schürmann hat erlebt, wie Krankenhausstationen voll belegt waren mit HIV-Infizierten und aidskranken Menschen. Und wie Menschen starben, ohne dass die Medizin etwas für sie tun konnte. „Noch bis Mitte der 90er-Jahre galt die HIV-Infektion als Todesurteil.“

Das HI-Virus zerstört die T-Helferzellen, die entscheidend für ein funktionierendes Immunsystem und damit der Gesundheit sind. Bleibt die HIV-Infektion unbehandelt, wird das Immunsystem immer schwächer – meist unbemerkt über Jahre. Die Zahl der T-Helferzellen im Blut sinkt. Der Körper kann Krankheitserregern und Tumoren ab einem bestimmten Zeitpunkt nichts mehr entgegensetzen. Eine besondere Form der Lungenentzündung, Pilzbefall und bestimmte Krebsarten wie der Hautkrebs Kaposi-Sarkom gehören zu den spezifischen Krankheiten von Aids-Patienten. Es sind vor allem diese Folgeerkrankungen, an denen die Betroffenen sterben. Dieser Verlauf ist zumindest in den westlichen Ländern aufgrund neuer medizinischer Behandlungsmöglichkeiten sehr selten geworden.

Durchbruch in der Therapierung Mitte der 90er-Jahre

Anfang der 90er-Jahre, als die Öffentlichkeit von der Krankheit Aids wusste, sie aber noch nicht behandelt werden konnte, sollten Plakatkampagnen über das HI-Virus und seine Ansteckung aufklären. Im Dresdener Museum zeigen Poster aus Sansibar, Marokko und Indien, welche Metaphern zur Aufklärung der Bevölkerung genutzt wurden: Aids als Schlange, als Greifvogel und als Killervirus mit Stachel auf dem Rücken. Und sie zeigen die Folgen der Krankheit: Ein holländischer Aids-Aktivist zeigt sich fast nackt. Sein Körper ist übersät von Krebskarzinomen. Ähnlich ist ein Plakat der Deutschen Aids-Hilfe von 1992. Ein junger Mann verdeckt seine Karzinome ebenfalls nicht, auf seinem T-Shirt steht die aktuelle Zahl seiner T-Helferzellen. „Ich will mich nicht verstecken“, steht neben seinem Kopf geschrieben. Als die Plakate gedruckt wurden, war er bereits tot. Er starb 1991.

„Zum Durchbruch in der Behandlung der HIV-Infektion kam es 1996 durch die Entwicklung wirkungsvollerer Medikamente, die kombiniert wurden. Die Nebenwirkungen waren aber noch sehr ausgeprägt“, sagt Dirk Schürmann. Damals wurde geraten, die Medikamente erst relativ spät im Krankheitsverlauf einzunehmen. Das sei heute anders, die Medikamente gut verträglich. „Die Patienten erhalten meist eine Dreifach-Therapie, also drei verschiedene HIV-Medikamente“, erklärt Schürmann.

Diese Substanzen hemmen unterschiedliche Schritte in der Vermehrung des Virus im Körper. Wenn also ein Medikament nicht greift, dann wirkt eines der anderen. So kann die Resistenzbildung gegen einzelne Wirkstoffe weitgehend verhindert werden. Die Substanzen wirken so effektiv, dass die Zahl der Viren im Blut mit den üblichen Tests nicht mehr nachgewiesen werden kann. Zudem bleibt die Anzahl der T-Helferzellen hoch. „Deshalb bedeutet die Tatsache der HIV-Infektion nicht automatisch, dass jemand krank ist“, sagt Schürmann. „Denn wenn das Virus unterdrückt ist, können HIV-Infizierte weitgehend ohne Beeinträchtigung leben.“ Auch die Lebenserwartung von Menschen, die HIV-positiv sind und mit Medikamenten behandelt werden, ist etwa genau so hoch wie bei Menschen ohne Infektion. „Weltweit werden derzeit etwa 15 Millionen Menschen behandelt. Die Medikamente gegen HIV sind eine Erfolgsgeschichte in der Medizin“, sagt der Charité-Arzt.

Medienhype nach anfänglicher Verschwiegenheit

Seinen Ursprung hat das Virus mit großer Wahrscheinlichkeit in Afrika: Bei wilden Schimpansen in Kamerun fanden Forscher um die Medizinerin Beatrice Hahn von der University Pennsylvania ein Virus, das dem HI-Virus des Menschen stark ähnelt. Es breitete sich in den 20er-Jahren zum Kongobecken aus und gelangte vermutlich in den 60er-Jahren in andere Regionen der Welt. Wahrscheinlich infizierten sich bereits in den 70er-Jahren die ersten Menschen in den USA mit dem Virus. Die Symptome von Aids wurden Anfang der 80er-Jahre sichtbar. Die Krankheit entwickelte sich durch die globale Mobilität der Menschen zu einer weltweiten Pandemie.

Aids war plötzlich da, nach dem anfänglichem Schweigen darüber entwickelte sich das Thema zu einem Medienereignis. Symbole und Kampagnen entstanden, die bis heute mit der Krankheit verbunden werden. Zum Beispiel die Kampagne „Mach’s mit“ von der BzgA, die Rote Schleife, die Solidarität mit erkrankten Menschen ausdrückt, der Film „Philadelphia“ mit Tom Hanks von 1993. Amerikanische Mode-Designer und die Zeitschrift Vogue entwickelten ein Veranstaltungsformat namens „Shop to stop Aids“, dafür warben die Models Cindy Crawford und Claudia Schiffer. Das Format sammelt über mehrere Jahre mehr als 11 Millionen Dollar ein, die an Aids-Organisationen gespendet werden.

Auch am Leben des jungen Aids-Aktivisten Ryan White nimmt die amerikanische Nation teil, an seinen Treffen mit Prominenten, seinem Umzug in eine andere Stadt, seinem ersten Ferienjob. Und sie erlebt seinen Tod im Jahr 1990 mit, Ryan White ist damals 18 Jahre alt. Seine Beerdigung wird im Fernsehen übertragen, an der Zeremonie, zu der Elton John für den Toten ein Lied singt, nehmen 1500 Menschen teil. Diese Fernsehbilder beeindrucken auch 25 Jahre später, das Dresdener Museum lässt sie auf einem Fernseher in Endlosschleife laufen.

Große Fortschritte bei der HIV-Prävention

Die Ausstellung führt auch in die Gegenwart, zu Plakaten, die auf die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen aufmerksam machen. Und darauf, dass die Infektion immer noch gefährlich ist. „Das Thema ist ein wenig aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die HIV-Infektion hat ihren Schrecken verloren, weil sie kein Todesurteil mehr darstellt“, sagt der Charité-Arzt Dirk Schürmann. „Die jetzt schon sehr guten Medikamente zu verbessern, ist schwierig. Eine Möglichkeit der Verbesserung bestünde in einer höheren Bequemlichkeit. Also dass die Medikamente nicht mehr täglich, sondern noch ein Mal die Woche eingenommen würden müssten.“

Die aktuelle Forschung zu HIV und Aids fokussiert sich Schürmann zufolge auf zwei Ansätze der Heilung. So wirken Medikamente nur gegen sich vermehrende HI-Viren – jedoch befindet sich das Virus teils im Ruhezustand in schlafenden Zellen. Forscher wollen herausfinden, wie diese Zellen aktiviert werden können, damit das Virus durch die Medikamente wieder bekämpft werden kann. Auf diese Weise könnte man vielleicht erreichen, dass das Virus aus dem Körper entfernt wird. Der zweite Forschungsansatz untersucht, ob das Virus auch ohne Medikamente durch eine wiederhergestellte Immunität dauerhaft kontrolliert werden kann.

Einen großen Fortschritt gibt es bei der HIV-Prävention: ein Medikament namens Truvada, das Menschen einnehmen, die sich vor einer HIV-Infektion schützen wollen. Es ist zwar in Deutschland erhältlich, wird aber seit Jahren vorrangig zur Behandlung von HIV-infizierten Menschen verwendet. In den USA ist das Medikament seit 2012 als Pre-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zugelassen, die WHO empfiehlt die Nutzung von Truvada ausdrücklich. „Durch die Einnahme des Medikaments wird die Ansteckungsquote um 80 Prozent reduziert“, erklärt Dirk Schürmann. Jedoch muss das Medikament selbst bezahlt werden – pro Monat kostet es etwa 1 000 Euro.

Ausstellung

Das Deutsche Hygienemuseum Dresden zeigt in seiner Ausstellung „Aids – Nach einer wahren Begebenheit“ etwa 240 Poster von internationalen Aufklärungskampagnen seit Beginn der 80er-Jahre.

Die Retrospektive dokumentiert den gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit.

Die Schau ist bis zum 21. Februar 2016 zu sehen.

Weitere Informationen finden Sie unter www.dhmd.de