Der Totgesagte lebt noch. Und er scheint sich sogar ein bisschen erholt zu haben. Jahrzehnte lang waren die Bestände des Irawadi-Delfins im Mekong immer weiter geschrumpft. Doch im vergangenen Jahr konnte die Naturschutzorganisation WWF endlich einen Erfolg vermelden: Dank intensiver Schutzbemühungen war die Zahl der Tiere in einem 190 Kilometer langen Flussabschnitt in Kambodscha und Laos von 80 auf 92 gewachsen. Immerhin.

Solche guten Nachrichten gibt es aus der Welt der großen Süßwasserbewohner allerdings nur selten. „Diese Arten finden viel weniger Beachtung als etwa Elefanten oder Nashörner“, sagt Sonja Jähnig vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. „Dabei sind sie oft noch stärker bedroht als die Bewohner anderer Lebensräume.“ Diesem Trend sind sie und ihre Kollegen in einer Studie auf die Spur gekommen, für die sie zum ersten Mal die weltweite Bestandsentwicklung der größten Süßwassertiere in Zahlen gefasst haben.

Gefährdete Tierarten in Europa: der Europäische Stör, der Donau-Lachs und der Beluga-Stör

Dazu zählen sie alle Arten, die mehr als 30 Kilogramm wiegen können. „In Europa sind das neben dem Biber vor allem große Fische“, erklärt die Wissenschaftlerin. Dazu gehören Raritäten wie der Europäische Stör, der Donau-Lachs und der Beluga-Stör, die allesamt als stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN stehen. Doch auch häufigere Fische wie Hechte, Karpfen, Forellen oder Welse können entsprechende Größen erreichen.

In anderen Regionen der Welt gibt es allerdings deutlich mehr Arten in dieser Gewichtskasse – etwa Krokodile, Riesenschildkröten, Riesensalamander, Delfine und Flusspferde. „Ausgerechnet über die Bestände in den besonders artenreichen Regionen in Afrika, Südostasien und Südamerika wissen wir bisher allerdings nur wenig“, sagt Sonja Jähnig. Bei mehr als der Hälfte der weltweit etwa 200 Süßwasser-Riesen kann bisher niemand sagen, ob und wie stark sich die Bestände verändern. Für ihre Analyse mussten sich Jähnig und ihre Kollegen daher auf 126 Arten beschränken, für die es solche Informationen gibt. Dazu kamen noch einmal 44 Arten aus Europa und den USA, deren historische und aktuelle Verbreitungsgebiete bekannt sind. 

Gefährdete Tierarten: Situation der Süßwasser-Riesen ist noch prekärer als die der anderen Tiergruppen

Der Trend, den das Team aus den Daten herausgelesen hat, verheißt nichts Gutes. Zwischen 1970 und 2012 sind die Bestände der Süßwasser-Riesen weltweit um 88 Prozent zurückgegangen. Besonders ungünstig scheint die Entwicklung in Süd- und Südostasien sowie dem Süden Chinas zu verlaufen, wo die Forscher einen Verlust von 99 Prozent berechnet haben. Doch auch die Paläarktis, zu der Europa, der Norden Afrikas und der größte Teil Asiens gehören, schneidet mit einem Rückgang von 97 Prozent kaum besser ab. 

„Diese Ergebnisse sind erschreckend“, sagt Sonja Jähnig. Sie bestätigten genau das, was Fachleute schon lange befürchten: Die Situation der Süßwasser-Riesen ist noch prekärer als die der meisten anderen Tiergruppen. Das zeigt etwa ein Vergleich mit den Zahlen des Living Planet Index, den der WWF zusammen mit der Zoological Society of London entwickelt hat. Eine Analyse von Daten über rund 3.700 Wirbeltierarten hat zum Beispiel ergeben, dass die Zahl der Meeresbewohner zwischen 1970 und 2012 um 36 Prozent zurückging. Bei ihren Verwandten an Land sind es 38 Prozent. Der Verlust trifft manche Lebensräume offenbar stärker als andere. So hat der WWF kürzlich speziell die Situation von 268 Wirbeltieren unter die Lupe genommen, die in Wäldern leben. Deren Bestände haben sich seit 1970 halbiert. 

Gefährdete Tiere: Fische und Störe haben keinen Platz zum laichen

Dass ausgerechnet die Süßwasser-Riesen besonders schlecht dran sind, liegt zum einen daran, dass Fischer und Jäger ihnen besonders intensiv nachstellen. Stattliche Fische sind beliebte Fleischlieferanten. Vor allem den Stören ist auch der Appetit der Menschheit auf Kaviar zum Verhängnis geworden. Krokodilleder gilt immer noch als Luxusprodukt und wird auf illegalen Wegen beschafft. Viele große Süßwasserbewohner verenden auch als Beifang in Netzen, die für andere Arten gedacht waren. So große Verluste aber können sich die meisten der Giganten gar nicht leisten. Sie werden erst spät geschlechtsreif und vermehren sich nur langsam.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass sie oft große Lebensräume brauchen und spezielle Ansprüche haben, die viele Flüsse heutzutage nicht mehr erfüllen können. „Der Rückgang von großen Fischen wie den Stören hängt auch damit zusammen, dass sie ihre Laich- oder Futtergründe nicht mehr erreichen können“, erklärt IGB-Mitarbeiter Fengzhi He, der Erstautor der neuen Studie. Vielerorts stehen solchen wandernden Arten Staudämme im Weg, die sie kaum überwinden können. Und dieses Problem dürfte sich nach Einschätzung des Forschers eher noch verschärften. Immerhin seien weltweit rund 3.700 neue Staudammprojekte in Planung oder sogar schon im Bau. Und mehr als 800 davon entstehen ausgerechnet in den Einzugsgebieten von Flüssen wie dem Amazonas, dem Kongo, dem Mekong und dem Ganges. 

Gefährdete Tierarten: Große Süßwasser-Arten brauchen dringend besseren Schutz

Der Mekong-Riesenwels, der mit einer Länge von drei Metern zu den größten Süßwasserfischen der Welt gehört, ist schon fast komplett verschwunden. Das Gleiche gilt auch für den Siamesischen Riesenkarpfen, der im gleichen Fluss zu Hause ist. „Die großen Süßwasser-Arten brauchen also dringend einen besseren Schutz“, betont Sonja Jähnig. Um dafür Konzepte und Ideen zu entwickeln, haben sich Wissenschaftler, Naturschützer und andere Fachleute 2018 zu einem internationalen Netzwerk namens Alliance for Freshwater Life zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie nicht nur die Forschung vorantreiben und so die weißen Flecken aus den Verbreitungskarten der Süßwasserriesen löschen. Ziel ist es auch, die Krise der Fauna von Flüssen und Seen stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Und dabei geht es keineswegs nur um das Verbreiten von Hiobsbotschaften. 

Dank intensiver Schutzbemühungen haben sich manche Flussbewohner schließlich auch wieder erholt. Für den Irawadi-Delfin im Mekong mag die Hoffnung noch am seidenen Faden hängen. Doch Arten wie der Amerikanische und der Europäische Biber sind wieder auf dem Vormarsch. Solche Erfolgsgeschichten würden Sonja Jähnig und Kollegen künftig gern noch häufiger erleben.