Authentizität auf Social Media: Warum die App BeReal sterben muss

Soziale Medien haben ihren Zauber verloren. Sie saugen Daten, fressen Zeit. BeReal tritt als gesunde Alternative auf. Aber auf Dauer wird das leider nicht funktionieren. 

Yann Bastard für Berliner Zeitung am Wochenende

Die App BeReal kam 2019 heraus und gewann 2022 vor allem bei jungen Menschen rasant an Popularität. Sie verspricht einen genuineren Gegenentwurf zu geschliffenen Auftritten auf Instagram, Facebook und TikTok. Authentizität und Spontaneität sollen aufwändige Selbstpräsentation ersetzen und intime Momente das endlose Scrolling. Wer die App herunterlädt, erhält täglich nur ein einziges Mal die Benachrichtigung: „Time to BeReal!“ – dann tickt die Uhr. In den folgenden zwei Minuten muss ein Foto hochgeladen werden; alles, was danach kommt, wird als „Late“ gebrandmarkt. Nur wer postet, darf auch die Posts seiner Freunde und Freundinnen sehen. Und wenn am nächsten Tag eine neue Benachrichtigung kommt, verschwinden die alten Bilder.

Der Clue bei der Sache: Das Foto wird von der normalen und der Frontkamera gleichzeitig aufgenommen und zeigt somit sowohl die Nutzer als auch deren Sichtfeld. Die Selfies sind mindestens spontan, oft hässlich, die Fotos chaotisch. Der Unterschied zur weichgezeichneten Realität von Instagram und TikTok könnte kaum größer sein.

Unsere bisherigen sozialen Medien sind hybride Orte, halb öffentlich, halb privat. Man präsentiert sich einem extrem heterogenen Publikum – Freunde, Familie, Kolleginnen, Bekannte gucken oft gleichzeitig zu. Die Selbstpräsentation ist dementsprechend heikel und aufwändig. BeReal trennt diese Sphären wieder voneinander. Hier zeigt man sich Menschen, bei denen man nichts dagegen hat, wenn sie einen verkatert, verschwitzt oder in Jogginghose sehen. Als Journalist erwischt mich die App ständig am Laptop, in irgendeinem Dokument tippend, zerrupft und mit Augenringen. Das ist weniger spannend als ein Selfie b eim Kite-Surfen oder im Edelresteraunt – dafür aber realistischer. Ich sitze vielleicht am Schreibtisch, aber mein Freund sitzt (gelangweilt) in einer Vorlesung, die fear of missing out hält sich in Grenzen. Es entsteht kein Erlebnisdruck, dem uns die perfekt kuratierte Social-Media-Realität sonst aussetzt.

BeReal ist vielmehr darauf ausgelegt, diese „echten“ Momente aus dem Alltag einzufangen und mit einer kurzen Liste enger Freunde zu teilen. „Habe nicht das Gefühl, dass du all diese Freundschaftsanfragen akzeptieren musst“, beschwichtigt einen die App. Der Feed täglicher Fotos ist entsprechend kurz. Die Zeit, die man in der App verbringt, ebenfalls.

Es gibt keine Viralität, keine prominent ausgestellten Follower- und Likezahlen, keinen Druck, 24 Stunden am Tag in der App zu verbringen – aus Angst, etwas zu verpassen. BeReal will Ritual sein, keine Sucht. Und ist damit eine ruhigere, vielleicht sogar gesündere Form von Social Media. Doch so etwas kann nicht von Dauer sein. BeReal muss sterben. Warum? Dafür braucht es einen Blick zurück.

The Social Network

Die Geschichte von Social Media, wie wir sie heute kennen, beginnt in den Nullerjahren mit einem erbitterten Kampf zwischen LinkedIn, Facebook, MySpace und Twitter darüber, wer das soziale Medium sein, wer der Ort werden wird, um sich zu vernetzen. Facebook (heute Meta), besser designed, flexibler und mit dem subtilen Flair seiner Geburtsstätte Harvard ausgestattet, gewann und wurde neben Google zum zweiten Hegemon des Internets. Um diese Position zu halten, begann man, massenhaft Werbung zu schalten und wurde so zu einem der profitabelsten Unternehmen weltweit.

Was Facebook wirklich zu Facebook machte, folgte 2009: das Like. Der Zuspruch unter einem Bild oder einem Post, in leicht verständlichen Zahlen eingefangen, fühlt sich großartig an. Es ist eine Form der Sozialität ohne Komplexität. Jedes Like flutet unser Gehirn kurz mit Glückshormonen, die uns motivieren, mehr von uns zu teilen, uns noch öffentlicher zu machen. Wir wollen mehr. Und tun, was notwendig ist. Bleiben die Likes aus, quälen wir uns. Das Glücksgefühl verschwindet, wir werden auf Entzug gesetzt. Selbst der Entwickler von Facebooks Like-Funktion, Justin Rosenstein, bereut seine Schöpfung heute. Unser Geist würde dadurch „fremdbestimmt“, sagt er. Er hat den sozialen Medien abgeschworen, vergleicht sie mit Heroin.

Twitter, Instagram und andere soziale Medien kopierten die Funktion kurze Zeit später. Denn das Like macht nicht nur süchtig, sondern verrät Plattformen auch noch alles über die Präferenzen ihrer Nutzer.

Es ist nun knapp zehn Jahre her, dass man schreiben konnte: „If something’s for free, the product is you“, ohne Leser und Leserinnen zu langweilen. Es ist eine Binsenweisheit geworden. Inzwischen wissen alle, dass Social-Media-Plattformen unsere Daten absaugen, um personalisierte Werbung einspielen zu können – und ignorieren es die meiste Zeit. Und dennoch ist es wichtig, sich zu erinnern: Meta ist kein soziales Netzwerk. Es ist ein Werbeunternehmen. Knapp 98 Prozent der sagenhaften 118 Milliarden Dollar, die es 2021 erwirtschaftete, stammten aus Werbeverkäufen. Jegliche soziale Mission, die das Unternehmen zu haben vorgibt, ordnet sich dem unter.

Um sich die Augäpfel der Menschen zu sichern, geht Facebook/Meta so weit wie nötig. Konkurrenten wie WhatsApp oder Instagram wurden geschluckt. Solche wie Snapchat, die Angebote ablehnten, wurden plagiiert. Meta weiß, dass Facebook die Menschen potenziell bis zum Suizid mobbt und junge Mädchen durch Instagram depressiv werden können. Dennoch tat das Unternehmen lange nichts dagegen. Die Alternative war, dass Menschen weniger Zeit in den Apps verbringen. Hier wäre es furchtbar bequem, Meta-CEO Mark Zuckerberg die Schuld unterzuschieben. Zu sagen, er habe falsche Entscheidungen getroffen oder sei einfach eine böse Person. Leider ist es komplizierter.

Alles wird Fernsehen

Dass es nicht allein an ihm hängt, zeigt sich auch daran, dass die von Facebook eingeläutete Logik von Sucht und Werbung inzwischen von einer anderen App perfektioniert wurde: TikTok. Hier reißt der Strom der Inhalte nie ab, die Video-App schluckt Stunden effektiver als jede andere.

Statt Leuten folgen oder Freundschaftsanfragen verschicken zu müssen, flutet die App den Bildschirm mit Videos von bis zu drei Minuten Länge. Aus den Likes und Swipes lernt der Algorithmus blitzschnell eigene Interessen, trianguliert das persönliche Profil aus der Unmenge an Vergleichsdaten anderer Nutzer. Mehr als alle anderen Apps fühlt TikTok sich wieder wie Fernsehen an, wie stundenlanges Sitzen und Zappen. Blake Chandlee, einer der Präsidenten TikToks, untermauert das: „Wir sind eine Entertainment-Plattform“, sagt er, kein soziales Medium.

Das Unternehmen wächst rasant – und saugt so immer größere Teile des Werbemarktes ein. Facebook, Instagram und Snapchat nehmen die Konkurrenz längst ernst und haben TikToks Kernfunktionen in ihren eigenen Apps geklont. Auch sie verwerfen damit jeden Vorwand einer gesellschaftlichen Mission, mit der sie lange ihre Existenz gerechtfertigt haben, und ersetzen sie durch Hörigkeit gegenüber dem Imperativ eines ständigen Wachstums.

The Not-so-social-Network

So geht es halt: Die logische Triebrichtung von sozialen Medien mit Profitmotiv ist das Wegfallen des Sozialen. Niemand muss das planen, sich dafür entscheiden – das regelt der Markt. Die Ironie des Finanzkapitalismus ist, dass selbst die Leute, die in ihm erfolgreich sind, wenig Entscheidungsfreiheit haben. Zuckerberg hat einst Investoren um Geld gebeten und musste sich ihrem Wunsch nach Rendite beugen. In seinem Produkt durchwirkt das Kapital nun unser Leben. Es bestimmt, wie wir uns selbst sehen und wer wir füreinander sein dürfen.

Anleger investieren nicht in eine Mission oder eine Idee. Sie investieren in eine Zahl, die größer werden soll. Dafür brauchen die Apps immer mehr von uns. Sucht bleibt das Mittel der Wahl, solange Werbung das einzige Modell sozialer Medien ist. Doch kann eine solche Abhängigkeit nicht die Basis eines wahrlich ‚sozialen‘ Mediums sein.

Das bringt uns zurück zu BeReal – und warum BeReal sterben muss. Nicht nur dieser Artikel erkennt einen toxischen Trieb hinter unseren sozialen Medien, auch die französischen Gründer der App Alexis Barreyat und Kevin Perreau haben das durchschaut. Sie wollten mit der ständigen Ablenkung und Like-gefütterten Inauthentizität brechen und eine bessere Version sozialer Medien kreieren. Vielleicht haben sie das sogar schon geschafft. Einmal am Tag ein Foto. Das war’s. Die App wurde mit diesem Pitch weltweit inzwischen 73 Millionen Mal installiert – am stärksten wuchs sie 2022. Besonders beliebt ist BeReal bei der Gen Z, die mit endlosen TikTok-Scrolls und gefilterter Instagram-Ästhetik aufgewachsen ist.

Diese Generation hat schon häufig versucht, aufwändiger Online-Selbstpräsentation zu entkommen. Zum Beispiel betreibt sie neben ihren Haupt-Instagram-Accounts oft kleinere, private Accounts (sogenannte Finstas), die nur engen Freunden offenstehen und wo man freier sein kann. Doch sie sind trotz allem Teil der Instagram-Maschinerie, die einen in den endlosen Scroll zerren will – das weckt den Wunsch nach einer Alternative. BeReal hat dieses Bedürfnis erkannt und bedient es bislang erfolgreich. Der Anfang ist also gemacht. Die Gründer haben sich Mühe gegeben, viele toxische Aspekte auszumerzen. „Keine Likes. Keine Follower. Kein Bullshit“, verkündete ein Video zum Launch. Und: „Keine Werbung“.

Mit einem Wimmern

Doch dieses Versprechen werden sie letzten Endes brechen müssen. BeReal muss sterben. Sie haben längst Facebooks Weg eingeschlagen und Risikokapital von Investoren angenommen. Bitte, danke. Noch müssen sie keinen Profit machen und dürfen auf Werbung verzichten. Doch eines Tages werden die Anleger anklopfen. Es wird sicher nicht ganz plötzlich passieren. Wenn das Ende von BeReal kommt, kommt es nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern, um sich T. S. Eliots Worte zu borgen.

Das Geld der Investoren wird auslaufen und die Werbung wird kommen, neue Funktionen werden eingeführt werden. Zunächst nichts Aufregendes, ein paar mehr Inhalte oder Push-Benachrichtigungen. Der Feed wird länger, die Werbung mehr. Es wird noch immer fast dasselbe sein und auch danach noch häufig fast dasselbe, bis es irgendwann eben nicht mehr dasselbe ist. Denn eines steht fest: So wie BeReal derzeit ist, kann es nicht bleiben. Die Tragik der Geschichte ist nicht, dass die App sterben wird, sondern dass alternative Ansätze von Social Media unmöglich scheinen. BeReal ist die Idee eines gesunden sozialen Mediums in einem System, das einen solchen Ansatz nicht zulässt. BeReal muss sterben. Lang lebe BeReal.