Wer etwas über Liebe und Zärtlichkeit von Männern mittleren Alters erfahren möchte, der sollte an einem sonnigen Tag um die Mittagszeit bei Clean Car an der Jannowitzbrücke vorbeifahren. Schon wenn die Schranke sich hinter einem senkt und man in eine der wenigen noch freien Staubsauger-Buchten rollt, spürt man den großen, tiefen Frieden, der an diesem Ort herrscht. Keiner hetzt sich hier, keiner ist genervt, man nickt sich lächelnd zu. Es ist ein wenig wie im Gebirge, wo es ab 2000 Höhenmetern keine unsympathischen Menschen mehr gibt, weil alle dasselbe suchen und wollen.

Ein Mann mit weißem Haarkranz steht vor seinem sandfarbenen Skoda Octavia und klopft mit viel Hingabe die Fußmatten aus. In der Staubsauger-Bucht daneben steht ein Typ, der vielleicht Ende zwanzig ist, tätowierte Oberarme hat und ein Muskelshirt trägt, er fährt einen schwarzen Polo. Er hat zwei Zahnbürsten mitgebracht, auf die er Polierpaste aufträgt, um sich anschließend sehr ausführlich mit den Öffnungen und Verstrebungen der Aluminiumfelgen zu beschäftigen. Mit den Zahnbürsten kommt er sogar in tiefe Hohlräume. „Es nutzt doch nichts, wenn die Felge nur von außen blank ist“, sagt er mit feierlichem Ernst. „Entweder man macht richtig sauber, oder man lässt es.“

Zuneigung zum Auto kann sexuelle Züge haben

Neben ihm kauert ein Mann mit einer hellbraunen Lederjacke, der gerade mit einem ordentlichen Stück deutscher Markenbutter den Schweller seines Opel Vectra massiert. „Teerspuren, ich habe das gleich gewusst, als ich über diese frisch gemachte Straße gefahren bin“, schnauft er. Die Butter löst den Teer, der Schweller glänzt nach der Operation in der Sonne wie ein geölter Baby-Popo.

Man kann es vielleicht so erklären: Die Autoreinigung ist der Schönheitssalon des Mannes. Es ist sein Nail-Studio, seine Waxing-Station, sein Haartönungs-Terminal. Männer sind von jeher daran gewöhnt, nicht sich selbst, sondern ihre Umgebung zu verschönern. Sie kaufen Dessous für ihre Frauen, bauen eine neue Terrasse vor das Haus oder polieren die Motorhaube ihres Autos. Wobei das Verhältnis zum blechernen Freund wohl noch ein wenig komplizierter ist, weil viele Männer offensichtlich gar keinen Unterschied mehr zwischen sich und dem Auto machen.

Das Auto ist gewissermaßen die Verlängerung des eigenen Körpers. Es gibt sogar einen psychologischen Fachbegriff, um die Beziehung zwischen zu putzendem Fahrzeug und putzendem Mann zu erklären. Experten sprechen von einer „korporellen Fusion“, einer körperlichen Verschmelzung also, die durchaus erotische und in manchen Fällen gar sexuelle Züge haben kann.

Jetzt im Frühjahr ist die emotionale Aufladung besonders hoch, weil es wieder losgeht. Es gilt, das Auto schick zu machen, den Winterdreck zu bekämpfen und die Rückkehr des Lichts zu feiern. In diesen Tagen und Wochen herrscht Hochkonjunktur in den Waschstraßen. Michael Schulz, Leiter der Clean-Car-Filiale an der Jannowitzbrücke, sagt, es gebe die treuen Kunden, die immer kommen, und es gebe die Frühlings-Kunden, die nur ein Mal im Jahr von der Putzlust gepackt werden.

Schulz ist ein ernsthafter, sachlicher Mann, der nicht zu übertriebenen Gefühlen zu neigen scheint. Fängt man aber an, mit ihm über Wachsversiegelungen, den Glanzgrad von Schleifpolituren und den magischen Effekt von Kunststoffmilch zu reden, beginnen seine Augen zu strahlen, und er schwärmt von seidenweichen Kotflügeln und Rückspiegeln, in denen man sich von allen Seiten sehen kann.

Manche kommen jeden zweiten Tag

Schulz sagt, es würde auch manchmal übertrieben, vor allem im Innenraum. Dort nehmen die Leute zum Teil die falschen Mittel und wundern sich dann, dass die Oberflächen stumpf werden. Ein feuchtes Mikrofasertuch reiche für die Armaturenbretter völlig aus, sagt er. Für das Reinigen der Teppiche empfiehlt Schulz eine Topfbürste, mit der man Neutral-Reiniger einmassiert und anschließend absaugt. Dabei sind sowohl die Topfbürste als auch der Staubsauger langsam und vertikal zu führen, nicht schnell und im Kreis, wie es viele Frühlings-Putzer tun.

Auch im Außenbereich kann viel falsch gemacht werden. Am schlimmsten sind die Selbstmacher, die Handwäscher, wie Schulz sie nennt. Die machten mit zwei Eimern Wasser und einem Schwamm ihr Auto sauber. Dabei würden sie den Dreck nur von der einen Stelle zur anderen reiben. In seiner Waschanlage gehen innerhalb von zwei Minuten 600 Liter Wasser auf jedes Fahrzeug nieder. Der Lack wird gereinigt und dann mit Heißwachs versiegelt. Der Unterboden, von Streusalz und anderem Winterdreck angegriffen, wird mit einem Druck von 15 bar bearbeitet und ebenfalls versiegelt.

Für besondere Wünsche gibt es die Car-Kosmetik. Die hilft zum Beispiel bei Geruchsproblemen. Nach einem langen Winter riecht es in den Autos oft muffig und feucht. Da hilft dann die Ozon-Behandlung, erklärt Schulz. Ein Generator wird vier Stunden lang ins geschlossene Auto gestellt. Die Geruchsmoleküle werden wegoxidiert, danach riecht das Auto wieder wie neu. Es gebe auch Neuwagen-Duftsprays, sagt Schulz. „Aber die halten nur ein paar Tage, dann stinkt es wieder. Ist eigentlich Beschiss.“

Schulz erzählt von Kunden, die jeden zweiten Tag kommen, weil sie sich hier wohlfühlen. „Das ist wie Yoga“, sagt er. „Man putzt und saugt und poliert und vergisst dabei alles andere.“ Man sieht das den Männern übrigens an, die nach ein paar Stunden hier mit ihren auf Hochglanz gebrachten Wagen das Gelände verlassen. Sie wirken beseelt, nur manche tragen eine Spur von Trauer in ihrem Blick – weil es nun schon wieder vorbei ist.