Laut einer Umfrage zahlen nur noch 31 Prozent der Deutschen ihre Einkäufe mit Münzen und Scheinen.
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Wer in Stockholm unterwegs ist, hat mit Bargeld schlechte Karten. Egal, ob im Bus oder beim Bäcker – die meisten Unternehmen akzeptieren nur noch bargeldlose Bezahlung. Zum Beispiel mit Kreditkarte oder mobilen Bezahldiensten. Schweden ist auf dem besten Weg zur bargeldlosen Gesellschaft. Schon heute erfolgen 80 Prozent aller Transaktionen bargeldlos. Im nächsten Jahr will das skandinavische Land sogar eine eigene Digitalwährung herausgeben: die E-Krone. Weitere Länder könnten folgen.

Die Abschaffung des Bargelds zeichnet sich schon länger ab. Die EZB hat 2016 den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr gezogen, Südkorea schafft schrittweise die Münzen ab, und Indien hat 2016 über Nacht die 500- und 1000-Rupien-Noten für ungültig erklärt. Die Corona-Krise könnte diesen Trend beschleunigen – und das kontaktlose Bezahlen forcieren. Laut einer Umfrage zahlen nur noch 31 Prozent der Deutschen ihre Einkäufe mit Münzen und Scheinen. Und das, obwohl den Deutschen immer eine Liebe zum Bargeld nachgesagt wird. Der Grund: Banknoten sind Keimschleudern.

Bessere Hygiene, schlechterer Datenschutz

Studien zufolge befinden sich auf 80 Prozent aller Dollarscheine Spurenelemente von Kokain. Auch Bakterienkulturen wurden auf Geldscheinen nachgewiesen. Ob das Coronavirus auch über Geldscheine verbreitet werden kann, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Unstreitig ist, dass man sich damit jede Menge Krankheiten einfangen kann.

Kontaktloses Bezahlen mag unter Hygieneaspekten die bessere Alternative sein. Doch unter datenschutzrechtlichen Gesichtspunkten ist es die schlechtere. Denn bei jedem Bezahlvorgang fallen Daten an: Uhrzeit, Ort, Kaufpreis, Artikel-Nr. So entsteht mit der Zeit eine detaillierte Kaufhistorie, aus der man das Konsumverhalten des Einzelnen ableiten kann.

Was und wo konsumiert der Kunde am Wochenende? Wann ist er besonders spendierfreudig? Investiert er sein Geld in Alkohol und Zigaretten? Kombiniert mit anderen Daten und Parametern, etwa Wetter- und Verkehrsdaten, ergibt sich so ein genaues Bild des Verbrauchers. Die Daten, die Kreditkartenunternehmen wie Mastercard oder Visa sammeln, gehören darum zu den wertvollsten Assets. Mit ihnen lässt sich vorhersagen, was Verbraucher kaufen. „Transaktionsdaten sind der heilige Gral für Vermarkter“, sagte der Datenspezialist und Start-up-Gründer Michael Moreau dem Magazin „Forbes“.

Während der Corona-Krise hat das bargeldlose Bezahlen im Supermarkt oder im Restaurant an Bedeutung gewonnen.
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Wer glaubt, dass der Kauf einer Flasche Wein per Kreditkarte eine Angelegenheit zwischen Einzelhandel, Bank und Kunde ist, irrt gewaltig. Kreditkartenunternehmen verkaufen schon seit Jahren anonymisierte Transaktionsdaten von Millionen Kunden. Google soll mit Mastercard einen geheimen Deal vereinbart haben, Verkäufe im stationären Handel zu tracken.

Durch den Zugriff auf Kreditkartendaten könnten Anzeigenkunden genau sehen, ob die Werbekampagne bei Person X zu einem Kauf in einem Geschäft im physischen Raum führt. Dafür soll Google mehrere Millionen Dollar bezahlt haben. Überwachungskapitalismus nennt das die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff. Laut einem Bericht der „Washington Post“ hat Google Zugang zu 70 Prozent der Kreditkartendaten in den USA.

Datenbroker kaufen Kreditkartendaten

Datengurus hegen eine Obsession, Online- und Offline-Käufe zu verknüpfen. Wenn man weiß, was eine Person im stationären Handel – zum Beispiel in einer Drogeriefiliale – kauft und wonach sie im Netz sucht, lassen sich hochauflösende Profile erstellen. Daher steigen auch IT-Giganten wie Apple und Google in das Kreditkartengeschäft ein.

In den vergangenen Jahren ist ein schier unübersichtliches Geflecht aus Datenbrokern, Vermarktern und Anzeigennetzwerken entstanden. Geleakte Dokumente, die das Onlinemagazin „Motherboard“ veröffentlichte, zeigen, dass Datenbroker in großem Stil Kreditkartendaten aufkaufen. Zwar handelt es sich dabei um anonymisierte Daten. Informatiker warnen jedoch, dass sich anhand von räumlich-zeitlichen Spuren wie Datum, Verkäufer und Ort einzelne Personen identifizieren lassen.

Acxiom, einer der größten Datenhändler, hortet Informationen über 2,5 Milliarden Konsumenten auf der Welt. Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Zahl der Autos und Immobilien, ausstehende Kredite, Kreditkartenkäufe der vergangenen 24 Monate – die Datenbroker wissen alles. Wenn man die Daten zusammenwirft, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, ob jemand ein Baby bekommt oder die Anschaffung eines Computers plant. Für Werbeplattformen und Anzeigenkunden bedeutet dieses Wissen um die Zukunft bares Geld. Denn wenn man weiß, dass jemand einen Staubsauger kauft, kann man ihm passgenaue Werbung ausspielen – und für diese Anzeigenplätze deutlich mehr Geld verlangen.

Die Frage ist nur, mit wem diese sensiblen Datensätze geteilt werden: mit Versicherungen? Auskunfteien? Behörden? Datenschützer warnen schon seit Jahren, dass Finanzdaten für Risikoscores genutzt werden könnten. So kam es in den USA vor, dass Kunden das Kreditkartenlimit gesenkt wurde, weil sie in Geschäften einkauften, deren Kunden eine niedrige Bonität hatten. Die Umgebung beeinflusst die Kreditwürdigkeit. Das ist bei der Postleitzahl nicht anders: Wer in einem Ort mit niedriger Kaufkraft wohnt, bekommt bei Kredit- oder Wohnungsangeboten zuweilen schlechtere Konditionen. Klar, man kann immer noch mit Bargeld bezahlen, um eine Überwachung der Zahlungsströme zu vermeiden. Doch wenn immer weniger Geschäfte Bargeld akzeptieren, wird diese Freiheit zur Illusion.