Für Foodwatch ist die Sache klar. Die selbsternannten Essensretter halten es für unverantwortlich, Margarine mit Pflanzensterinen im Supermarkt zu verkaufen. Einen Hersteller der Brotaufstriche hat die Verbraucherorganisation nun sogar verklagt. Foodwatch wirft Unilever vor, die Gesundheitsrisiken seines Produkts Becel pro.activ, das seit zwölf Jahren auf dem Markt ist, zu verschleiern. In dem Gerichtsverfahren geht es vor allem um eine Aussage des Gießener Professors Hans-Ulrich Klör. In einer Pressemitteilung, die Unilever vergangenen November herausgab, behauptet Klör, dass es aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis darauf gebe, dass der Verzehr von Produkten mit Pflanzensterinen Nebenwirkungen haben könne. Foodwatch hält diese Aussage für falsch und will Unilever zu einer Richtigstellung zwingen. Das Urteil des Gerichts wird für den 5. Oktober erwartet.

Der Streit um die cholesterinsenkenden Margarinen ist nicht ganz neu. Die Stiftung Warentest etwa kritisierte bereits im Jahr 2002, dass die medizinische Wirkung von Becel pro.activ intensiv beworben werde und es sich de facto um ein Arzneimittel handele – ohne dass auf den Packungen Nebenwirkungen genannt werden müssten. Geschehen ist seither wenig.

Magarine auf Rezept

Foodwatch hat daher Unilever jetzt publicityträchtig aufgefordert, seine cholesterinsenkende Margarine – unabhängig vom Ausgang des Verfahrens – künftig nicht mehr frei verkäuflich, sondern nur noch auf Rezept in der Apotheke anzubieten. „Becel pro.activ ist wie ein Medikament, mit dem Menschen unkontrolliert an ihren Blutwerten herumdoktern – das hat im Supermarkt nichts verloren“, sagt Oliver Huizinga, der Klageführer von Foodwatch.

Hans-Ulrich Klör hält diese Forderung für unsinnig: „Entweder nimmt man das Produkt vom Markt oder man lässt es da, wo es ist“, sagt er. Der Wissenschaftler, der auch Mitglied der Deutschen Lipid-Liga ist und nach eigener Aussage niemals irgendwelche Gelder von Unilever erhalten hat, ist vom Nutzen der cholesterinsenkenden Brotaufstriche überzeugt. „Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass der Verzehr dieser Produkte den Cholesterinspiegel senken kann“, sagt er. Wichtig sei nur zweierlei: „Wer solche Margarinen zu sich nimmt, sollte tatsächlich an zu hohen Blutfettwerten leiden.“ Und er sollte den gewünschten Effekt von einem Arzt überprüfen lassen. „Ansonsten schmeißt man sein Geld mit dem Kauf dieser Brotaufstriche womöglich zum Fenster heraus.“ Immerhin kosten die angereicherten Produkte etwa sechsmal so viel wie gewöhnliche Margarine.

Klör steht zu seiner Behauptung, dass Lebensmittel mit Pflanzensterinen gut untersucht und unbedenklich seien. „Auf alle Fälle ist ihr Risiko für Nebenwirkungen deutlich geringer als das der Statine oder anderer Medikamente, mit denen sich die Blutfettwerte senken lassen“, sagt er.

Ablagerungen in den Gefäßen

Nicht ganz so sicher ist sich in dieser Frage das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). „In letzter Zeit haben einige wissenschaftliche Studien den Verdacht aufleben lassen, dass Pflanzensterine genau das verursachen, was sie eigentlich verhindern sollen: Ablagerungen in den Gefäßen und damit ein erhöhtes Risiko auf Herzkrankheiten“, sagt Birgit Niemann vom BfR. „Allerdings sind die Ergebnisse bislang alles andere als eindeutig.“

Insbesondere eine niederländische Studie, die vergangenes Jahr in der Fachzeitschrift Atherosclerosis (Bd. 214, S. 225) erschien, ließ das BfR aufhorchen. Die Forscher berichten darin, dass ihre Probanden – die zur Senkung ihrer Cholesterinwerte sowohl Statine einnahmen als auch Margarine mit Pflanzensterinen aßen – verdickte Gefäße in der Netzhaut ihrer Augen aufwiesen. Die Analyse des Gefäßdurchmessers in der Netzhaut nutzen Mediziner zunehmend, um drohende Herz-Kreislauf-Probleme zu erkennen.

„Es handelt sich dabei aber noch nicht um einen etablierten Parameter, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorherzusagen“, sagt Niemann. Zudem hätten die Forscher gerade einmal dreißig Probanden in ihre Studie einbezogen – also viel zu wenige, um gesicherte Aussagen machen zu können. „Dennoch können wir ein negatives Potenzial der Pflanzensterine nicht ausschließen“, sagt Niemann. Es sei daher sinnvoll, weitere Untersuchungen anzustoßen und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa (European Food Safety Authority) Produkte mit Pflanzensterinen neu bewerten zu lassen. „Ein Medikament hat immer Nutzen und Risiken“, sagt Niemann. „Bei Lebensmitteln sollte das anders sein.“

Unilever hat vor Gericht bereits bestätigt, dass die ihren Produkten zugesetzten Pflanzensterine zu Ablagerungen in den Gefäßen führen können. Der Konzern vertritt jedoch die Auffassung, dass die Ablagerungen keine gesundheitlichen Folgen haben. Davon geht auch Hans-Ulrich Klör nicht aus. „In den Plaques befinden sich zweihundert Mal mehr Cholesterine als Pflanzensterine“, sagt er.

Ein Problem der angereicherten Lebensmittel hält allerdings auch Klör für ungelöst. Es geht dabei um die Frage, wie man solche Produkte ausschließlich den Personen zukommen lässt, für die sie gedacht sind. Zwar ist auf der Packung von Becel pro.activ deutlich zu lesen, dass die Margarine den Cholesterinspiegel senkt – und folglich nur von Menschen mit einem erhöhten Spiegel verzehrt werden sollte.

Eine Befragung von rund 1 000 Käufern des Brotaufstrichs aus dem Jahr 2007, die das BfR gemeinsam mit Verbraucherverbänden angestoßen hatte, ergab jedoch, dass bei nur 55 Prozent der Konsumenten tatsächlich erhöhte Blutfettwerte gemessen worden waren. Die anderen 45 Prozent hofften beispielsweise, durch den Verzehr der Margarine einen ungesunden Lebensstil zu kompensieren, erhöhten Cholesterinwerten vorzubeugen – oder sie aßen das Streichfett innerhalb der Familie mit.

Für Kinder problematisch

Vor allem in der letztgenannten Gruppe fanden sich auch Kinder. Dabei wird gerade ihnen, ebenso wie Schwangeren und stillenden Müttern, von einem Verzehr der angereicherten Margarinen abgeraten. Der Hinweis befindet sich, wenn auch verschwindend klein, auf den Packungen von Becel pro.activ und ähnlichen Produkten. „Man weiß, dass Pflanzensterine die Aufnahme fettlöslicher Vitamine, insbesondere von Provitamin A, behindern“, erklärt Isabelle Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) den Warnhinweis. „Zudem ist noch unklar, wie sich ein langfristiger Verzehr über Jahrzehnte hinweg auf die Gesundheit auswirkt.“

Keller befürwortet, dass angereicherte Lebensmittel künftig noch deutlicher gekennzeichnet werden. „Der Verbraucher muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, was genau er sich da in den Einkaufswagen lädt“, sagt sie. „Produkte mit Pflanzensterinen sollten Bestandteil einer Therapie sein und nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt gegessen werden“, sagt sie. Effektiver als Functional Food sei ohnehin eine Änderung des Lebensstils. Mehr Bewegung, weniger Wurst und Fleisch, stattdessen mehr Fisch – allein das sei vielfach völlig ausreichend, um erhöhte Blutfettwerte zu senken.

Dass Unilever seine umstrittene Margarine vom Markt nehmen oder eine Zulassung als Arzneimittel beantragen muss, glaubt allerdings keiner der Befragten. Egal wie lautstark Foodwatch sich beschwert.