Bedrohte Tierarten in Europa: Wir sind wieder da

Berlin - Durch Wälder in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern streifen Wölfe. Im südwestfälischen Rothaargebirge gibt es Wisente. Kraniche, Seeadler und Biber sind wieder zurück. All das sind Beispiele für eine Entwicklung, die nicht nur in Deutschland, sondern ganz Europa zu beobachten ist: Viele bedrohte und vor Jahrzehnten teilweise fast ausgerottete Wildtierarten kehren zahlreich zurück. Aussterben war gestern, so scheint es.

Es sind bewusst gute Nachrichten, die eine jüngst in London vorgestellte Studie liefert. Wissenschaftler der Zoological Society of London (ZSL) sowie der Vogelschutzorganisationen Birdlife International und European Bird Census Council hatten von der Artenschutzorganisation Rewilding Europe den Auftrag erhalten, einmal das Ausmaß und die Gründe für die positive Entwicklung der Populationszahlen einiger bedeutender Wildtierarten in Europa zu analysieren. „Wir wollen von den erfolgreichen Beispielen lernen, welche Ansätze im Naturschutz funktionieren, um das dann weltweit für den Artenschutz anwenden zu können“, sagt Jonathan Baillie, der Leiter der ZSL-Artenschutzabteilung.

Die Studie umfasst Daten zu 18 Säugetier- und 19 Vogelarten aus ganz Europa. Den Zahlen nach hat deren Verbreitung, außer beim Iberischen Luchs, seit den 60er-Jahren wieder zugenommen. Besonders starke Zuwächse von mehr als 3000 Prozent gab es beim europäischen Bison sowie dem Biber, der Weißkopfruderente, der Weißwangengans und der Kurzschnabelgans. Die Population der Seeadler ist um das Achtfache, die der Rotmilane um das Dreifache gewachsen. Bei den Braunbären hat sich die Zahl verdoppelt, die der Wölfe ist um ein Drittel gestiegen. Zudem haben sich die Verbreitungsgebiete der untersuchten Säugetiere in den vergangenen 50 Jahren ausgedehnt, im Durchschnitt um 30 Prozent.

Der Biber macht sich breit

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Gezielte Schutz-, Zucht- und Wiederansiedlungsprogrammen für einzelne Arten sowie die Vogelschutz- und Habitat-Richtlinien der EU sowie seien wichtige Faktoren, sagt Frans Schepers, Geschäftsführer von Rewilding Europe. Hinzu kommen ein deutlich verbesserter Umweltschutz, das Verbot von Giftstoffen wie DDT und die Einführung einer geregelten Jagd, in der die Abschusszahlen streng limitiert sind. „Außerdem ziehen immer mehr Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte. Das gibt den wildlebenden Tieren mehr Raum“, so Schepers.

Besonders erfolgreich hat sich in Deutschland der Biber entwickelt. Mitte des 20. Jahrhunderts stand er mit wenigen Dutzend Exemplaren an der Elbe hierzulande kurz vor dem Aussterben. Heute wird der deutsche Bestand auf mehr als 25.000 Tiere geschätzt. Ostdeutschland und Bayern gelten als flächendeckend besiedelt. Das sorgt mancherorts auch für Probleme.

Biber überfluten mit ihren Dämmen Äcker, sie beschädigen Bäume, unterhöhlen Straßen. In Brandenburg gibt es Bestrebungen, die Jagd auf Biber begrenzt wieder zuzulassen. Bayern setzt auf ein anderes Konzept. Dort gibt es ausgewiesene Biberschutzgebiete, aber auch Tabuzonen, wo die Tiere nicht toleriert werden. Beim Bibermanagement arbeiten staatliche Stellen mit haupt- und ehrenamtlichen Biberberatern von Naturschutzverbänden zusammen, um Konfliktfälle mit der Bevölkerung zu lösen.

Artenvielfalt weiter bedroht

Auch in anderen Ländern wird die Rückkehr der Wildtiere nicht überall begrüßt, vor allem wenn es sich um angeblich gefährliche Jäger wie Wölfe und Bären handelt. Kürzlich richteten Schäfer aus der Region Alpes-Maritimes in Südfrankreich eine Petition an Präsident François Hollande. Sie forderten die Erlaubnis, in diesem Winter mehr als 24 Wölfe abschießen zu dürfen.

2012 habe es rund 800 Fälle gegeben, bei denen Wölfe Schafherden angegriffen hätten. 2417 Schafe seien dabei getötet worden. In Brandenburg kommt es auch ab und an zu Zwischenfälle dieser Art, wenn auch in kleinerer Dimension. In den Pyrenäen gibt es heftige Diskussionen um knapp 20 Braunbären, die über ein umstrittenes Programm aus Slowenien eingeführt und dort ausgewildert wurden.

In Zukunft könnten solche Konflikte häufiger auftreten, heißt es in der Studie. Die Autoren empfehlen staatliche Kompensationsprogramme, mit denen alle Verluste, die den Betroffenen durch die Wildtiere entstehen, ersetzt werden. Zugleich weisen sie darauf hin, dass mehr Wildtiere auch eine Chance darstellen. So könnte Naturtourismus die regionale Wirtschaft ankurbeln.

In Europa gibt es laut der Zählung der Organisation Rewilding Europe derzeit 219 frei lebende Säugetier- und 530 Vogelarten. Viele davon sind allerdings nicht auf einem sicheren Niveau oder zeigen einen positiven Trend wie Biber, Seeadler & Co. Der Präsident des Naturschutzbundes, Olaf Tschimpke, warnt daher vor zu viel Optimismus. Gerade bei vielen Wiesenvögeln wie Uferschnepfen, Bekassinen oder Großen Brachvögeln, die extensiv genutztes Grünland als Lebensraum brauchen, seien die Zahlen noch immer rückläufig. Die gemäß EU-Richtlinien ausgewiesenen Natura-2000-Schutzgebiete müssten besser gemanagt und finanziert werden.

In Zukunft sehen manche Experten sogar wieder Gefahren für den Erhalt der Artenvielfalt in Europa. „Wir hoffen auf mehr natürliche Flächen, aber gerade die Energiewende übt zunehmend Druck auf wichtige Ressourcen aus“, sagt Michael Brombacher, der Leiter des Referats Deutschland und Europa bei der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Es werde verstärkt Holz eingeschlagen, Wiesen würden in Ackerflächen umgewandelt, Felder vom Maisanbau dominiert. Solche Monokulturen böten den Wildtieren keinen sicheren Lebensraum.

Auch Jonathan Baillie warnte bei der Vorstellung der Studie: „Viele Arten, bei denen wir jetzt die Gewinne sehen, könnten wir wieder verlieren, wenn wir nicht aufpassen. Es ist unsere Aufgabe, die Entwicklung im Auge zu behalten.“