Mit Computertechnik Gesichter zu erkennen, darauf hat sich das umstrittene Start-up Clearview AI spezialisiert. 
Foto: Imago images/Gary Waters

Berlin - Wenn es um persönliche Daten geht, dann kennt die Gier von Unternehmen, Behörden und Institutionen offenbar keine Grenzen. Nachdem die Kundenliste der umstrittenen Gesichtserkennungsfirma Clearview AI in die Hände von Unbekannten geraten ist, zeigt sich, dass in den USA nicht nur zahlreiche Strafverfolgungsbehörden, sondern auch einflussreiche Organisationen wie der Einzelhandelskonzern Walmart und die NBA, also die National Basketball Association, auf die Technik zurückgegriffen haben.

Clearview AI – AI steht für Künstliche Intelligenz – hat offensichtlich auch versucht, den Weltmarkt zu bedienen. So wurde auch bekannt, dass in Großbritannien etwa zwölf Private-Equity-Unternehmen, Sicherheitsbehörden und sogar die gemeinnützige Stiftung der Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling die Technik aus den USA ausprobiert haben. Das berichtete die  Redaktion von Buzzfeed.news. Das Start-up Clearview AI war vor drei Jahren gegründet worden und hatte Anfang des Jahres für Schlagzeilen gesorgt.

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Die New York Times hatte berichtet, dass das Unternehmen nach eigenen Angaben eine gewaltige Datenbank aus im Internet verfügbaren Fotos zusammengestellt hatte, um Personen mit modernster Computertechnik identifizieren und Profile erstellen zu können. Manager von Plattformen wie YouTube, Facebook und Instagram beschwerten sich darüber, dass Fotos und Informationen von ihren Nutzern abgegriffen wurden, ohne zuvor um Erlaubnis gefragt worden zu sein.  

Fast 500.000 Suchanfragen bei Clearview AI

Nach der Kritik betonte Clearview AI, dass der Dienst nur Strafverfolgungsbehörden zur Aufklärung von Verbrechen angeboten werde. Wie sich jetzt aber herausstellte, gehören auch private Konzerne und Institutionen zu den Kunden. In einem  internen Dokument, das jemand möglicherweise aus Sorge vor Vergeltung durch das Unternehmen oder die genannten Institutionen anonym veröffentlichte, wird detailliert beschrieben, inwieweit Clearview in der Lage war, seine Technologie zu verbreiten und weltweit Interessenten  zu finden.

Insgesamt sollen es 2900 Institutionen gewesen sein, die fast 500.000 Suchanfragen gestellt haben. Über das Datenleck bei Clearview AI hatte zunächst am Mittwoch die Webseite The Daily Beast berichtet. Sie berief sich auf eine Mitteilung, die Clearview AI an die Kunden verschickt hatte. Ein Anwalt des Unternehmens bestätigte den Vorfall. Der Jurist erklärte, dass die Lücke inzwischen geschlossen sei. Später tauchten dann die Liste mit den Namen der Kunden und weitere Details bei Buzzfeed auf.

Die Strafverfolgungsbehörden waren offensichtlich angewiesen auf die Technik von  Clearview AI, um Sicherheit gewähren zu können. Das ist sehr erstaunlich.  

David Forscey, Manager der Nonprofit-Organisation Aspen Cybersecurity

So wurden auch Angaben zur Zahl der durchgeführten Suchanfragen, der Zahl der Logins und des Zeitpunkts der letzten Suche bekannt. Was bei der Recherche von Buzzfeed dann herauskam: In zahlreichen Organisationen hatten Mitarbeiter sich offensichtlich bei Clearview AI angemeldet, ohne mit ihren Vorgesetzten darüber gesprochen zu haben. In den USA löste die Nachricht Diskussionen um die Arbeitsweise der Geheimdienste aus, schließlich gehörte auf staatliche Institutionen wie die Einwanderungsbehörde zu den Kunden.

„Die Strafverfolgungsbehörden waren offensichtlich angewiesen auf die Technik von  Clearview AI, um Sicherheit gewähren zu können. Das ist sehr erstaunlich“, sagte David Forscey, Manager der Nonprofit-Organisation Aspen Cybersecurity. Ron Wyden, Senator aus Oregon beklagte, dass eine Firma wie Clearview AI, die mit sensiblen personenbezogenen Daten arbeitet, ihr Datennetz so schlecht sichere. Solche Unternehmen sollte zur Verantwortung gezogen werden. Auch in Deutschland wurde der Vorgang in der Tech-Szene aufmerksam verfolgt.  

Vorbehalte in der Bevölkerung gegen Überwachung sind groß

Kate Saslow, Expertin für Künstliche Intelligenz bei der Stiftung Neue Verantwortung, sagte der Berliner Zeitung: „Die europäische Kommission ist bisher sehr zurückhaltend, wenn es um Regeln für Gesichtserkennung in der EU geht. Sollten allerdings Unternehmen oder Polizeibehörden mit EU-Sitz Clearview-Software eingesetzt haben, würde der Handlungsdruck in Brüssel massiv steigen.“ Sprach- und Bilderkennung gelten als große Zukunftsthemen, wenn es um Digitalisierung geht.

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Vor allem mit Kamerabildern wollen Sicherheitsbehörden den Kampf gegen den Terrorismus modernisieren. Deshalb hatte die Bundesregierung am Südkreuz in Berlin einen Modellversuch mit Überwachungskameras gestartet, doch Innenminister Horst Seehofer (CSU) erklärte das Experiment vor wenigen Wochen für beendet. Es gab technische Schwierigkeiten. Aber es wurde auch deutlich, dass die Vorbehalte in der Bevölkerung gegen diese Form der Überwachung groß sind.