Bericht über die Weltaidskonferenz 2016 in Durban

Durban - In einem Punkt sind sich die Experten der Welt-Aids-Konferenz einig, die diesen Freitag im südafrikanischen Durban zu Ende geht: Die Medikamente zur Behandlung von HIV-positiven Menschen sind eine Erfolgsgeschichte in der Medizin. „Die Therapie mit antiretroviralen Medikamenten ist der wichtigste Fortschritt, den wir gemacht haben“, sagt Françoise Barré-Sinoussi. Die französische Immunologin war 1983 an der Entdeckung des HI-Virus beteiligt. „Die Medikamente ermöglichen es Menschen, mit HIV zu leben. Sie haben eine ähnliche Lebenserwartung wie diejenigen, die nicht infiziert sind.“

Die Hälfte bricht die Behandlung ab

Das HI-Virus zerstört die T-Helferzellen, die entscheidend für das Immunsystem sind. Der Körper kann Krankheitserregern ab einem bestimmten Zeitpunkt nichts mehr entgegensetzen. Um das zu verhindern, erhalten HIV-Infizierte eine antiretrovirale Therapie (ART). Sie besteht meist aus drei verschiedenen Medikamenten. Die Wirkstoffe hemmen unterschiedliche Schritte in der Vermehrung des Virus im Körper. Sie sind so effektiv, dass die Zahl der Viren im Blut mit den üblichen Tests nicht mehr nachgewiesen werden kann.

Trotz dieser guten Behandlungsmöglichkeit gibt es große Probleme. So hat nicht einmal die Hälfte aller HIV-positiven Menschen weltweit Zugang zu den Medikamenten, die täglich eingenommen werden müssen. Und nicht wenige brechen die Therapie ab, wenn sie sich besser fühlen. Studien zufolge sind es nach fünf Jahren bereits 50 Prozent. „Die medizinische Behandlung von HIV dauert ein Leben lang. Viele Patienten, vor allem in den Schwellenländern, hören irgendwann auf, die Medikamente zu nehmen“, sagt Stefano Vella. Der italienische Mediziner war von 2000 bis 2002 Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft.

Lebenslange Therapie ist für viele Patienten eine große Herausforderung

Vor allem für junge Patienten sei der Gedanke schwierig, die Mittel kontinuierlich über Jahrzehnte einnehmen zu müssen. Derzeit werde Vella zufolge daran gearbeitet, antiretrovirale Medikamente via Injektion zu verabreichen. Dadurch könne der Wirkstoff kontinuierlich an den Körper abgegeben werden, die Injektion wäre nur alle zwei Monate notwendig.

Die lebenslange Therapie ist nicht nur für die Patienten eine große Herausforderung, sondern auch für das Gesundheitssystem. Im Jahr 2013 standen für Behandlung und Prävention von HIV und Aids weltweit noch 9,7 Milliarden Dollar von internationalen Geldgebern zur Verfügung, 2015 waren es 8,1 Milliarden Dollar, wie die Anti-Aids-Organisation der Vereinten Nationen (Unaids) erklärte. Erstmals gingen die Beiträge zurück – das Ziel der internationalen Staatengemeinschaft, die Aids-Epidemie bis 2030 zu beenden, rücke damit in weite Ferne.

Neuer Impfstoff soll nicht präventiv wirken

Wichtig sind aber nicht nur die virenhemmenden Medikamente, sondern auch die Prävention. Dazu könnte eines Tages eine Impfung gehören. „Es gibt bisher einen Impfstoff, der eine 31-prozentige Schutzwirkung gezeigt hat“, sagt Jürgen Rockstroh von der Universität Bonn. Der Mediziner war von 2007 bis 2011 Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft. „Aber wir sind im Moment noch sehr weit von einem Impfstoff entfernt.“ Derzeit gebe es keine größeren Impfstoff-Studien, die in Phase III, also der fortgeschrittenen Entwicklungsphase sind.

In jüngster Zeit haben sich Forscher vor allem mit HIV-positiven Patienten beschäftigt, die ohne Medikamente auskommen. „Es gibt Menschen, deren Immunsystem in der Lage ist, die HIV-Vermehrung von alleine zu kontrollieren. Das ist meiner Meinung nach ein guter Ansatz, um einen Impfstoff zu entwickeln“, sagt Rockstroh. So werde etwa untersucht, welche Antikörper diese Menschen produzieren. Daraus könne ein Impfstoff entstehen, der nicht zwangsläufig präventiv wirkt, es aber ermöglicht, dass das Immunsystem der Patienten das HI-Virus kontrolliert – ohne dass zusätzliche Medikamente nötig sind.

Mittel zur Prophylaxe

Da die Einführung eines Impfserums noch nicht absehbar ist, müssen andere Strategien der Behandlung und Prävention gefunden werden, um die hohe Zahl der Neu-Infektionen zu reduzieren. In Deutschland, Westeuropa und den USA betrifft es vor allem Männer, die mit Männern schlafen. „Für diese spezielle Gruppe ist es sinnvoll, über Prep nachzudenken“, sagt Rockstroh. „Diese Medikamente zur Prophylaxe für eine HIV-Infektion zeigen einen enormen Einfluss auf Neu-Infektionsraten.“ Für Rockstroh ist eine möglichst frühe Diagnose ebenfalls wichtig. „Denn nur durch die frühe Erkennung kann man verhindern, dass infizierte Menschen andere anstecken.“