Die meisten Menschen sind um zwei Uhr nachts unterwegs. Das haben Daten des Fahrdienstes Uber in London gezeigt, die wir ausgewertet haben“, erklärte Adam Eldridge von der University of Westminster kürzlich an der Technischen Universität (TU) Berlin. Der Soziologe sprach dabei von den Wochenenden, von den Leuten, die Tanzen gehen, sich mit Freunden treffen. Das bedeutet Spaß für die einen und Arbeit für die anderen. Barkeeper, Türsteher, U-Bahn- und Taxifahrer, um nur einige zu nennen. Die Nacht ist also gut fürs Geschäft, doch wie verändern sich dadurch das Leben der Menschen und die Städte, wie man sie bisher kannte?

In einer neuen Veranstaltungsreihe, den Berliner Nachtungen, widmen sich die Organisatoren der Erforschung der Nacht. Sie wollen zeigen, was es da eigentlich alles zu ergründen gibt. Der Begriff Nachtung ist ein Wortspiel – der Gegensatz zu Tagung. „Die Vorträge sollen alle ein bis zwei Monate stattfinden, an wechselnden Orten in Berlin“, sagt Christopher Kyba. Der Physiker ist Postdoktorand am Geoforschungszentrum Potsdam und beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit der Nacht, vor allem mit dem Phänomen der Lichtverschmutzung.

So ließ er beispielsweise 2015 die Berliner mithilfe einer App Sterne am Nachthimmel zählen. Aber ihm sei bei seinen Projekten aufgefallen, wie wenig Forschung es zur Nacht gibt. Dabei ist die Erde immer zur Hälfte in Dunkelheit gehüllt. Deshalb haben er und die anderen fünf Mitorganisatoren, die sich in Berlin ebenfalls mit der Nacht beschäftigen, ein ganz klares Ziel: Sie wollen ein Forschungsinstitut, das sich allein der Erforschung der Nacht widmet. Sollte das irgendwann gelingen, wäre es das erste weltweit. Unbedingt interdisziplinär soll es sein, wie Kyba sagt. Alle möglichen Bereiche sollen dort untersucht werden können.

In Deutsch und Englisch

„Für einige Menschen bedeutet die Nachtzeit Chaos und Angst, für andere ist es Vergnügen und Spaß“, sagt Adam Eldridge. „Doch in letzter Zeit sind gesellschaftliche Belange hinzukommen, wie verlängerte Arbeitszeiten.“ Sollte Arbeit in den Nachtstunden höher bezahlt werden als Tätigkeiten am Tag? Dietrich Henckel, Mitorganisator und Leiter des Fachgebiets Stadt- und Regionalökonomie an der Technischen Universität Berlin, widersprach: „Dann könnte man ja auch sagen, man kauft die Gesundheit der Menschen, weil die Arbeitszeit gegen natürliche Kreisläufe verstößt.“

Wie vielfältig diese Zeit ist, in der die meisten Menschen schlafen, das wollen Kyba und die anderen Organisatoren in den nächsten Vorträgen zeigen: Welche Erfahrungen machen Rettungssanitäter bei ihren Nachtschichten? Welche Tiere trauen sich aus ihren Höhlen? Was passiert eigentlich im Berliner Nachtleben? Vorschläge für andere Themen sind von den Organisatoren gern gesehen. Der nächste Vortrag ist am 14. Juni geplant: Der Neurowissenschaftler Manuel Spitschan von der Stanford University wird im Zeiss-Planetarium über Lichtverschmutzung in der Dämmerung sprechen. Der Vortrag ist in Englisch, aber es soll auch weitere Vorträge in deutscher Sprache geben.