2019 wurden 3,7 Milliarden Euro in Berliner Start-ups investiert. 
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BerlinLeiden gehört dazu. Johannes Reck hatte Biochemie studiert, doch er wollte ein Unternehmen gründen, das so gar nichts mit seinen akademischen Fachkenntnissen zu tun hatte. In seinem Geschäftsmodell sollte es darum gehen, dass Touristen Führungen und Ausflüge buchen und Eintrittskarten für Sehenswürdigkeiten schon zu Hause am Rechner kaufen können. Aber wer sollte ihm da vertrauen? Die Familie und seine Freunde glaubten an seine Idee, unterstützten ihn am Anfang, aber irgendwann ging das Geld doch aus.

Das war vor elf Jahren, Reck war damals Mitte 20, er gab aber nicht auf, er glaubte an seine Idee und machte sich auf die Suche nach professionellen Investoren. Um es kurz zu machen: Recks Start-up Getyourguide gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Gründungen in Berlin, geschätzter Marktwert über eine Milliarde Euro.

3,7 Milliarden Euro Investitionen

Und es besteht die Hoffnung, dass andere Start-ups dem Beispiel folgen werden, denn noch nie ist so viel Geld in diesen jungen Wirtschaftszweig investiert worden. Insgesamt erhielten Start-ups aus der Hauptstadt bei 262 Finanzierungsrunden insgesamt 3,7 Milliarden Euro – ein Anstieg um 41 Prozent gegenüber dem Vorjahr, das errechneten die Unternehmensberater von Ernst & Young in ihrer Studie für die vergangenen zwölf Monate. „2019 war ein Spitzenjahr für die Berliner Start-ups“, freute sich Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Berlin hat seine Spitzenposition weiter deutlich ausgebaut und den Abstand zu anderen Bundesländern vergrößert.“

Christian Miele, Vorsitzender des Start-up-Bundesverbandes, ergänzte in seiner Stellungnahme für die Berliner Zeitung: „Berlin ist für den deutschen Start-up-Standort von großer Bedeutung. Insofern profitieren auch andere Regionen in Deutschland von der Reputation der Start-up-Hauptstadt.“

Die Investitionen zeigen, worum es in der modernen Wirtschaft geht. Das Ziel ist es, aus einem Geistesblitz eine Idee zu entwickeln, mit der sich viel Geld verdienen lässt, am besten weltweit. Ein junger Metzger, der in seinem Kiez das beste Fleisch anbietet, gilt deshalb nicht als Start-up. Es geht um Innovationen, es geht um neue Geschäftsideen, es geht ums große Ganze. So wie das Google, Facebook und Amazon vorgemacht haben. Und das geheime Rezept für Erfolg? „Das gibt es nicht“, sagt Reck. Er rät Gründern, ehrlich zu sich selbst zu sein. Für ihn bedeutete das, dass er sein Geschäftsmodell immer wieder ändern musste.

Manchmal setzte er sich auch über gut gemeinte Tipps der Investoren hinweg. Denn Start-ups, die – wie Getyourguide – am Anfang kaum über Eigenkapital verfügen und keine Gewinne erzielen, sind auf Investoren angewiesen. Reck und sein Team konnten im vergangenen Jahr im Mai angeblich umgerechnet 433 Millionen Euro bei einer Finanzierungsrunde einsammeln, die zweitgrößte Summe in Deutschland, nur FlixMobility aus Bayern konnte noch mehr einsacken.

„ Berlin wird sich zur Tech-Metropole entwickeln“

Aber wie geht es weiter? Weltweit ist der Wettbewerb um kluge Köpfe in vollem Gange. Da die Gehälter und Lebenshaltungskosten im Silicon Valley in den vergangenen Jahren enorm gestiegen sind, suchen Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon überall in den Vereinigten Staaten nach geeigneten Orten für Ansiedelungen. Aber nicht nur dort, inzwischen breiten sich die Konzerne weltweit aus.

Auch die Region Berlin-Brandenburg konnte von dieser Entwicklung profitieren, erinnert sei nur an die Pläne von Google, in Mitte neue Büros zu errichten, und die Ankündigung von Tesla, ein Werk in Brandenburg zu bauen. Dazu kommen Angebote deutscher Großunternehmen wie das von Siemens in der Siemensstadt. Pop sieht vor allem in den steigenden Investitionen eine Anerkennung ihrer Politik: „Das Vertrauen in unseren Wirtschaftsstandort ist ungebrochen, trotz aller Versuche des Schlechtredens.“

Reck klagt allerdings, dass sein Start-up im Kampf um Bewerber gegen Tech-Giganten kaum eine Chance hat, weil Europa weit abgeschlagen hinter anderen technologieorientierten Märkten liegt, wenn es um Mitarbeiterbeteiligungen geht. „Ich appelliere für eine einfache und steuerlich günstige Lösung, um Mitarbeiter am Unternehmenserfolg zu beteiligen“, sagte er.

Verband warnt vor TarifbindungMiele, der Chef des Start-up-Bundesverbandes, forderte mehr finanzielle Unterstützung für Start-ups in der Wachstumsphase und kritisierte die Pläne der Berliner SPD, die Förderung davon abhängig zu machen, ob eine Tarifgebundenheit gegeben ist. „Damit würde sich Berlin selbst ins Abseits katapultieren“, warnte Miele.

Aber Berlin wird nach Einschätzung von Axel Bard Bringéus nicht an Faszination verlieren. Im Gegenteil. Bringéus trägt als Investment Advisor bei dem Geldgeber EQT Ventures dazu bei, dass Start-ups finanziell unterstützt werden und prophezeit der Hauptstadt eine große Zukunft. „Der Trend ist nicht aufzuhalten. Berlin wird sich zur Tech-Metropole entwickeln“, lautet seine Prognose.