Die Berliner Charité will sich offenbar von einem Teil ihrer Geschichte trennen. Der Vorstand des Uniklinikums hat nach Informationen der Berliner Zeitung beschlossen, das Medizinhistorische Museum aufzugeben. Das Haus ist wegen der dort gezeigten pathologischen Sammlung Rudolf Virchows weltweit bekannt.

Der Vorstandsbeschluss sieht vier Optionen für das Museum vor. Neben einer Schließung seien auch ein Trägerwechsel, eine Fusion mit einem anderen Museum oder eine Finanzierung durch private Sponsoren im Gespräch, berichtet auf Anfrage der Leiter des Museums, Thomas Schnalke, „Damit droht die Zerstörung einer kulturell sehr wertvollen Einrichtung. Das ist ein Skandal“, sagt er.

Begründet wird die Aufgabe der medizinhistorischen Sammlung damit, dass das Museum mit einer jährlichen Ausstattung von einer Million Euro ein Defizit von rund 700 000 Euro verursache, nur 300 000 Euro würden aus eigenen Einnahmen wie Eintrittspreisen erzielt. Für Schnalke handelt es sich hierbei um „künstliche Zahlen“: Neben den Personalkosten in Höhe von 350 000 Euro für die acht Mitarbeiter würden rund 700 000 Euro für Unterhalt sowie Miete veranschlagt – obwohl der Charité die Ausstellungsflächen selbst gehören.

Viele Besucher

Charité-Chef Karl Max Einhäupl will dem Vernehmen nach das Museum erhalten. Er soll aber von seinen Vorstandskollegen, Dekanin Annette Grüters-Kieslich und Klinikumschef Matthias Scheller, überstimmt worden sein.
„Die Kultur wird nur noch unter ökonomischen Gesichtspunkten definiert“, empört sich Museumsleiter Schnalke. Kein Museum der öffentlichen Hand trage sich selbst. Und für ein Fachmuseum, das das Erbe des berühmten Charité-Forschers Virchow bewahre, sei das Haus sehr gut besucht. Jährlich würden durchschnittlich rund 100 000 Besucher gezählt. „Es kommen Schulklassen, aber auch viele Gäste aus dem Ausland.“ Allein die Ausstellung „Vom Tatort ins Labor“, die der Leiter der

Rechtsmedizin der Charité, Michael Tsokos, im Jahr 2009 organisiert hatte, haben nach dessen Angaben 100 000 Besucher in sechs Monaten gesehen.
„Es ist schon sehr bedenklich, dass eine altehrwürdige Institution, die Virchow vor über 100 Jahren eingerichtet hat, aufgegeben werden soll“, sagt Tsokos. Die Chance, dass private Investoren für den Erhalt der Sammlung aufkommen, hält er für äußerst gering: „Das ist in einer armen Stadt wie Berlin ausgeschlossen.“

Auch bei Christoph Berndt, Chef des Fakultätspersonalrats, stößt der Beschluss auf Kritik. „Es ist traurig, dass Wert darauf gelegt wird, neue Stellen für noch mehr Bürokratie zu schaffen, anstatt ein Museum zu erhalten, das für Berlin von großer Bedeutung ist“, sagt er.

Depotflächen gesucht

Die Charité versucht nun, die Wogen zu glätten. Sprecherin Stefanie Winde erklärt, eine Abgabe des Museums sei „definitiv nicht beabsichtigt“. Der Betrieb des Museums zähle aber nicht zu den Kernaufgaben der Charité, eine Finanzierung aus Erlösen der Krankenversorgung oder dem Landeszuschuss für Forschung sei nicht zulässig. „Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass der Vorstand andere Finanzierungsmöglichkeiten prüfen muss“, sagt Winde.

Für Teile der nicht ausgestellten Sammlung werde nach preiswerten Depotflächen gesucht, kündigte die Charité-Sprecherin an. Das Defizit solle bis Anfang 2012 um 200 000 Euro auf eine halbe Million Euro gesenkt werden.

Das Museum ist nicht das einzige historische Erbe, das die Charité aufgibt. Bereits 2009 hat der Liegenschaftsfonds das Robert-Koch-Forum an eine britische Stiftung verkauft. Nächstes Jahr müssen die Mitarbeiter des Instituts für Mikrobiologie ausziehen. In dem Backsteinbau an der Dorotheenstraße entdeckte Robert Koch den Tuberkulose-Erreger und stellte seine bahnbrechende Entdeckung am 24. März 1882 in einem Seminarraum der Öffentlichkeit vor.