Die Behandlung von Krebs ist mit großen Torturen und Sorgen verbunden. Gelingt sie jedoch, können die meisten Patienten anschließend wieder einigermaßen gut ihren Alltag aufnehmen. Bei Tumoren im Kieferbereich ist das anders. Dort gibt es kaum Gewebe, das einfach weggeschnitten werden kann, ohne dass es dem Betroffenen fehlen würde. Wird zum Beispiel ein Teil des Unterkieferknochens mit entfernt, sind Schwierigkeiten beim Sprechen und Essen die Folge. Noch dazu entstellt die Operation in vielen Fällen das Gesicht derart, dass bei jedem Blick in den Spiegel die Erinnerung an die Krankheit wieder auflebt.

Max Heiland, der seit April die Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Charité leitet, arbeitet daran, das Ergebnis solcher Operationen zu verbessern. Dabei geht es nicht nur ums Äußerliche. „Auch die Funktion des Kiefers beim Sprechen und Kauen ist ungleich besser, wenn der Knochen nach der Entfernung des Tumors wieder annähernd die gleiche Form hat“, sagt der Mediziner, den die Charité vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg abgeworben hat. Sechs Ärzte aus seinem Team zogen mit von der Elbe an die Spree.

Egal ob Knochen, Haut oder Muskeln

Heiland, 46, ist angetreten, Großes zu leisten in Berlin. „Unter seiner Leitung soll sich die Klinik zu einer international führenden Einrichtung des Faches entwickeln“, teilte die Charité mit. Was ihn besonders auszeichnet, ist sein rekonstruktionschirurgisches Können. Heiland nutzt dazu modernste 3D-Technologie. Auf diese Weise gelingt es, Knochenabschnitte, die wegen der Krebs-OP entfernt werden müssen, wieder passgenau zu ersetzen.

Wenn eine Krebsgeschwulst entfernt werden muss, ist das im Bereich von Mund und Rachen besonders heikel. Denn es wird nicht nur das entartete Gewebe entfernt. Zur Sicherheit schneidet der Chirurg rundherum auch noch weitere 1,5 Zentimeter weg – egal ob Knochen, Haut oder Muskeln. Bei einem Tumor von zwei Zentimetern Durchmesser kann dann hinterher eine große Lücke am Kinn oder Unterkiefer klaffen.

Schablone per 3D-Drucker

„Lange Zeit ging es lediglich darum, das bei dem Eingriff entstandene Loch einfach wieder zuzumachen“, berichtet Heiland. Um sowohl ästhetisch als auch funktionell bessere Ergebnisse zu erzielen, bemühen sich die Chirurgen inzwischen zunehmend, dem Kiefer seine alte Form zurückzugeben. Zu diesem Zweck schneiden sie anderswo im Körper – an Wadenbein, Becken oder Schulterblatt – des Patienten ein Stück verzichtbaren Knochen weg und setzen ihn im Kieferbereich ein.

Anstatt mehrfach zu operieren oder frei Hand vorzugehen und vor dem Eingriff nur vage zu schätzen, wie das Ersatzstück geformt sein muss, plant Heiland derartige Operationen akribisch mithilfe von Computerprogrammen. Zunächst wird per 3D-Computertomografie exakt ausgemessen, wie groß der Knochenverlust bei der Operation werden wird. Auf der Basis dieses Ergebnisses fertigen die Experten Kunststoff-Schablonen mit einem 3D-Drucker an. Mit diesen Schablonen können sie den Ersatzknochen passgenau herausschneiden.

„Das ist allerkleinste Näharbeit“

Alles muss so vorbereitet sein, dass in einem Zug der Krebs entfernt und der Ersatzknochen herausgeschnitten und wieder eingesetzt wird. „Wir nehmen eine einzige große OP vor. Danach hat der Patient im Idealfall alles hinter sich“, sagt Heiland. Groß ist der Eingriff tatsächlich. Acht Stunden dauert er. „Drei Ärzte operieren am Kopf, drei weitere an Bein, Becken oder Schulter – je nachdem wo der Knochen entnommen wird“, berichtet der Experte. Am Wadenbein, Becken oder Schulterblatt wird der Knochen mithilfe der Schablone einfach herausgeschnitten. „Er wächst nicht nach. Deshalb nehmen wir nur so viel weg, wie tolerabel ist“, sagt Heiland.

Langwieriger ist der Eingriff am Kopf. Zunächst entfernen die Chirurgen das Tumorgewebe plus Sicherheitsbereich sowie die Lymphknoten im Hals, über die sich der Krebs vom Kopf in den Körper ausbreiten könnte. Dann wird das gesunde Knochenstück eingesetzt, zum Beispiel aus dem Wadenbein.

Besonders vorsichtig muss der Operateur sein, wenn er die Blutgefäße des einzupflanzenden Knochens mit den Gefäßen in der Nähe der Halsschlagader verbindet. „Das ist allerkleinste Näharbeit, für die wir ein Mikroskop benötigen“, sagt Max Heiland.

Offensichtlich erfolgreich

Drei bis vier derartige Operationen nehmen Heiland und sein Team an der Charité pro Woche vor. Die Eingriffe erfolgen sowohl am Campus Virchowklinikum in Wedding als auch am zweiten Standort der Klinik, dem Campus Benjamin Franklin in Steglitz. Damit ist die Berliner Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie die größte in Deutschland und auch eine der größten in Europa. Die Patienten kommen zum Teil von weit her.

Die Methode ist offensichtlich erfolgreich. In 19 von 20 Operationen wachsen die Knochen gut an, so dass viele Patienten das Krankenhaus schon nach zweieinhalb Wochen wieder verlassen können, berichtet Heiland. „Unser großes Ziel ist es, dass sie wieder am normalen Leben teilhaben und zum Beispiel in ihren Beruf zurückkehren können.“

Ersatz aus Magnesium und Seide

Doch der Mediziner hat noch mehr ehrgeizige Pläne. „Wenn mein Berufsleben in 23 Jahren endet, will ich auf die Entnahme von Knochen bei den Patienten verzichten können“, sagt er. Darum forscht er an Knochenersatz aus dem Labor. Zusammen mit seinem Team setzt er dabei auf Seide und Magnesium.

Magnesium dient als Gerüst, das mit den Seidenfasern wie mit Watte gefüllt wird. Auf der Seide sollen Knochenzellen des jeweiligen Patienten angesiedelt werden, die nach und nach zu neuem Knochen heranwachsen. Magnesium und Seide hingegen werden mit der Zeit vom Körper abgebaut.

Knochen von anderen Körperteilen

Ausgereift ist diese Form von Gewebezucht, auch Tissue Engineering genannt, aber noch lange nicht. „Von einer klinischen Anwendung dieser Methode sind wir noch weit entfernt“, sagt Heiland. Allerlei Probleme sind zu lösen. Zum Beispiel ist da die Tatsache, dass Magnesium beim Zerfall Wasserstoff entwickelt. „Dieser Prozess muss gesteuert werden. Zerfällt das Metall zu schnell, kann der Körper das Gas nicht mehr absorbieren und das Gewebe würde aufgebläht und zerstört“, sagt der Forscher.

Bis der Knochenersatz aus dem Labor kommt, muss der Patient also irgendwo anders Knochen einbüßen. Wenn das Wadenbein größtenteils fehlt, lässt sich damit aber gut leben, versichert Heiland. Vielleicht müsse der Patient auf Marathonläufe verzichten. Für die meisten ist das aber wohl das geringere Übel. Normal aussehen, essen und sprechen zu können ist schließlich ungleich wichtiger.