Stirbt das Berlinische in den nächsten Jahren aus? So scheint es fast, wenn man die aktuellen Entwicklungen sieht. Bereits vor zweieinhalb Jahren ergab eine Forsa-Umfrage unter tausend zufällig ausgewählten Berlinern, dass zwar 62 Prozent zumindest hin und wieder noch berlinern. Doch die Akzeptanz des Berliner Dialekts hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Dieser Meinung sind immerhin 45 Prozent der unter 30-Jährigen, die 2014 im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache befragt wurden. In dieser Altersstufe berlinert fast die Hälfte der Hauptstadtbewohner überhaupt nicht mehr.

In einstigen Hochburgen des Berlinischen wie Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sind es sogar 56 und 51 Prozent aller Bewohner, die nie berlinern. Doch man muss genauer hinschauen. Denn Berlinern ist nicht gleich Berlinern. Allgemein akzeptiert ist nach Aussagen von Sprachforschern die sogenannte überregionale Umgangssprache mit Elementen wie „so’n“ statt „so ein“ oder „ne“ für „eine“. Auch leichteres Berlinisch findet man überall, geprägt durch Wörter wie „det/dit“, „ooch“ und „janz“. Abgelehnt wird jedoch zunehmend das sogenannte starke Berlinisch, das oft auch falsche Grammatik enthält: „Dit is dem Mann sein Hund“, „Ick liebe dir“, „Komm mal bei die Tante!“, „Ick jeh jetz’ ze Hause“. Hier hat sich der Osten inzwischen dem Westen der Stadt angeglichen.

Denn in Westberlin wurde ausgeprägtes Berlinern bereits vor 1989 von vielen als „Proletendeutsch“ empfunden – außer in den typischen Arbeiterbezirken. Im Osten dagegen berlinerte man quer durch alle Schichten. Auch Professoren, Direktoren oder Chefredakteure sagten Dinge wie „loofen“, „Pass ma uff“, „Ick sare dir“, „Kiek dir det mal jenauer an“. Viele stammten aus ganz einfachen Familien. Außerdem galt das Berlinern als hauptstädtisch und progressiv, wie viele DDR-Filme aus den 1970er- und 1980er-Jahren zeigen. Das änderte sich nach dem Mauerfall. Eine Studie der Universität Potsdam konstatierte bereits 2009 eine deutliche Wende.

Schnute, kieken, Töle

Im Osten, so hieß es darin, mieden inzwischen viele das Berlinische, aus Gründen der Karriere oder der sozialen Akzeptanz. Es werde auch kaum noch weitergegeben. „Kleinkinder und jüngere Schüler in Ostberlin sprechen gewöhnlich das Berlinische nicht mehr“, schrieben die Germanisten Karl-Heinz Siehr und Elisabeth Berner. Doch was dann? Was tritt an die Stelle des Berlinischen? Es wird wahrscheinlich eine neue Sprachmischung sein, so wie es seit Jahrhunderten in Berlin immer wieder neue gab. Denn so etwas wie ein unveränderliches Berlinisch existierte nie.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert stilisierten Dichter wie Adolf Glaßbrenner oder Maler wie Heinrich Zille das Berlinische zum Ausdruck des Lebensgefühls und der Schlagfertigkeit der unteren Schichten. Das Berlinische hatte eine starke Basis im Plattdeutschen: „Schnute“, „kieken“, „ick“, „Töle“. Schon damals aber gab es große Differenzierungen, es wirkten französische, jiddische und viele andere Einflüsse. Die unterschiedlichsten Einwanderer hatten Spuren hinterlassen. Mit dem Wachsen Berlins zur Industriemetropole strömten Millionen Menschen mit vielfältigen Dialekten in die Stadt. 1921 schrieb Kurt Tucholsky: „Der richtige Berliner stammt entweder aus Posen oder aus Breslau.“

Der stetige Wandel des Berlinischen lässt sich gut nachvollziehen. In den Texten aus dem 19. Jahrhundert finden sich noch Wörter wie „öftersch“, „erscht“, „Meechens“ oder Aussprüche wie „een Dag wie alle Dage“. Diese sind längst verschwunden. Man sagt „Türe“ statt „Diere“ oder „traren“ statt „dragen“, „uffjefressen“ statt „ufgefresst“. Kein Mensch spricht heute noch so wie die Berliner der 20er-Jahre. „Du bist ja Manoli linksrum“ hieß zum Beispiel „Du bist ja verrückt“– einer Zigarettenreklame entlehnt. Niemand sagt mehr „simelieren“ für denken, „Kodderwäsche“ für kleine Wäsche oder „Nieselpriem“ für einen lahmarschigen, drögen Menschen. Heute wirken andere Einflüsse auf den Berliner Sprachenmix als früher. Dazu gehören das Englische, aber auch das sogenannte Kiezdeutsch, das laut der Soziolinguistin Stefanie Jannedy zu den „jugendsprachlichen Multiethnolekten“ gehört, wie sie in allen urbanen Regionen entstehen.

Als witziges Sprachspiel

Vieles wurde bereits geschrieben über die Wandlung von „ich“ zu „isch“, über Sätze wie: „Hast du Schlüssel?“, „Isch geh Kino“, „Isch mach disch Urban“. Jugendsprachen schwappten schon immer ins Berlinische über. Dafür gibt es Beispiele aus vielen Jahrzehnten. Dazu gehören „urst“, „fetzig“, „super“, „antörnen“, „ausflippen“, „cool“, „geil“, „uff jeden“ (für: „auf jeden Fall“). Aber es ist nicht der Sinn eines Jugendslangs, eine ganze Stadtsprache zu ersetzen. Denn er dient ja der Abgrenzung. Sobald Jugendbegriffe zum Allgemeingut werden, werden sie durch neue ersetzt.

In dem neu entstehenden Sprachenmix Berlins wird das klassische Berlinisch mit „icke“, „det“ und „kiek ma“ sicher weiter seinen Platz haben, wenn auch nicht so zentral. Immerhin sagten vor zweieinhalb Jahren noch 53 Prozent der unter 30-Jährigen, dass sie zumindest hin und wieder berlinerten. Dabei gibt es gewiss Abstufungen. In manchen Stadtteilen, wie etwa Spandau, Köpenick, Reinickendorf, Pankow und Marzahn, wird man es sicher öfter hören als in anderen. Bleiben wird aber wohl auch die Neigung sehr vieler Berliner, vor allem aus dem Osten, in bestimmten emotionalen Situationen – Wut, Zorn oder Freude – plötzlich zu berlinern. Oder es als reines, witziges Sprachspiel zu verstehen. Denn bestimmte Dinge lassen sich eben am besten auf Berlinisch sagen.