Berlin - „Der Berliner Dialekt: Was ist das eigentlich? Wo kommt er her?“ fragt Michael Solf, Sprachforscher an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). So klar ist das offenbar nicht. „Die historische Quellenlage zur Geschichte des Berlinischen ist dünn.“ Im Mittelalter hätten die Menschen in Berlin vor allem Mittelniederdeutsch gesprochen. Über lange Zeit sei die sprachliche Entwicklung nicht greifbar gewesen, sagt Solf. „Und im 18. Jahrhundert war das Berlinische im Grunde schon so da, wie man es heute kennt.“ Was bis dahin geschehen war, erzählte Solf am Montagabend im Leibniz-Saal der BBAW am Gendarmenmarkt zur Eröffnung des neuen Jahresthemas „Sprache“. Die Veranstaltung hieß „Die Stimmen von Berlin“.

Nach dem Ende der Herrschaft der Askanier und der Wittelsbacher kamen 1415 mit Friedrich I. die fränkischen Hohenzollern in die Mark Brandenburg – mit großen Teilen des Hofstaats und sprachlichen Folgen. „Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ging dann das mittelalterliche Niederdeutsch unter“, sagt Michael Solf. „Man schrieb Hochdeutsch in der Doppelstadt Berlin-Cölln.“

Ursprung im Sächsischen

Mit der mündlichen Sprache passierte in jener Zeit etwas, was viele Berliner nicht erfreuen wird. Berlin liege zwar nördlich der sogenannten Ick/Ich-Grenze und gehöre auf gewisse Weise zur niederdeutschen Dialektlandschaft, sagt Solf. Aber das Obersächsische – die einst verbreitete Sprache der Oberschicht – hätte großen Einfluss auf das Berlinische gehabt. „Es teilt mit dem Niederdeutschen viele Eigenheiten, aber die Parallelen zum Obersächsischen sind in der gesprochenen Sprache viel augenfälliger“, lautet die These, die Solf vertritt. Die Sprachforscherin Agathe Lasch hat es einst noch radikaler formuliert: Berlinisch sei Sächsisch mit niederdeutscher Aussprache.

Als Beispiel dient Solf unter anderem die Verschiebung des Lautes „au“ zu „o“. Berliner sagten „ooch“, „glooben“, „Boom“, ähnlich wie die Sachsen. Niederdeutsches Platt dagegen findet sich in Worten wie „ick“, „kieken“, „det“ und „bissken“.

Der Akkudativ

Das Berlinische ist für Solf keine regellose Sprache. Als Beispiel nennt er den sogenannten Akkudativ. „Der Berliner sagt immer ,mir’, auch wenn es richtig ist.“ Wie konsequent das im Berliner Dialekt eingehalten wird, kann man in den Briefen der herrschenden Hohenzollern erkennen. So schrieb zum Beispiel Friedrich II. einst an den ihm sehr nahe stehenden Kammerdiener Fredersdorf: „Ich habe gemeinet, du häst mihr lieb und wirst mihr nicht den chagrin (Kummer, Ärger) machen, Dir umbs leben zu bringen, nun weis ich nicht, was ich davon halten sol!“ Typisch berlinisch auch: „Kome doch am fenster, ich wollte Dihr gerne sehen!“

Brandenburger Dialekte verdrängt

Das Berlinische habe mit der Zeit die Brandenburger Dialekte um sich her verdrängt, sagt Michael Solf. Inzwischen aber erleide es das gleiche Schicksal wie alle Dialekte. Es werde kaum noch weitergegeben, Zuwanderer lernten es nicht mehr. „Es gibt heute ganze Bezirke, in denen man korrektes Berlinisch nicht mehr erlernen kann“, sagt Solf, der selbst gebürtiger Berliner ist. Aber noch sei das Berlinische lebendig.

Ansonsten fänden sich in Berlin mindestens 150 Sprachen. Diese Schätzung nannte der Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein, Sprecher des Akademie-Jahresthemas, zu Beginn der Veranstaltung. Mit einigen Sprachen, die Berlin prägten und zum Teil bis heute prägen, beschäftigten sich sechs weitere Kurzvorträge des Abends. Dazu gehören das Französische, das hugenottische Migranten einst in die Stadt brachten, das Jiddische, Türkische oder Russische. Besonders interessant ist dabei, welche Spuren sich davon im Berlinischen selbst finden.