Mit mehr als 500.000 Followern ist Jörg Nicht (44) eine große Nummer bei Instagram, dem rasant wachsenden Online-Dienst für Fotos. Seit sieben Jahren ist er mit seinem Smartphone unterwegs. Er betreibe eine Art fotografische Stadtforschung, sagt er.

Wie sind Sie dazu gekommen, Ihre Fotos im Netz zu veröffentlichen?

Das hat mit der Entwicklung der Smartphones zu tun. Als das iPhone 4 auf den Markt kam, waren die fotografischen Möglichkeiten so gut, dass ich anfing, die Aufnahmen mit einem Freund im Netz auszutauschen. Ohne Absicht, ohne irgendwas. Dann bot Instagram als neues Medium die Möglichkeit, Smartphone-Bilder einem größeren Publikum zeigen zu können. Ich habe mich schnell auf Street Photography konzentriert.

Was macht Instagram aus?

Die Plattform bietet Bilder, die man in gedruckten Medien so nicht sieht. Der beleuchtete Smartphone-Bildschirm ermöglicht einen anderen Umgang mit Farben im Vergleich zu Print-Produkten. Außerdem ist es leicht, sich international über Fotos zu verständigen: Auf Facebook und Twitter schreiben die Menschen auf Englisch oder verschicken Sprach-Nachrichten in ihrer Muttersprache. Fotos sind selbsterklärend, dafür muss man keine Vokabeln können, deshalb erleichtert Instagram eine weltweite Kommunikation.

Die Auswahl der Motive scheint allerdings begrenzt: Oft sind die klassischen Bauwerke der Städte zu sehen. In Berlin die Mauer, der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor.

Die Ikonen des globalen Tourismus sind besonders erfolgreich und werden dementsprechend häufig gepostet. Ein Berlin-Besucher merkt sich den Fernsehturm, deshalb ist es wahrscheinlicher, dass er ein „Gefällt mir“ verteilt als bei Aufnahmen von unbekannten Ecken der Stadt.

Wird das auf Dauer nicht langweilig.

Nein, man muss sich halt immer neue Perspektiven suchen.

In den sozialen Medien sind Aufmerksamkeit und Reichweite enorm wichtig. Wie weit gehen Sie, um bemerkt zu werden?

Ich poste auch Fotos, bei denen ich ganz genau weiß, dass sie gut ankommen werden, auch wenn es sich nicht unbedingt um Bilder handelt, die mir unter künstlerischen Gesichtspunkten wichtig sind.

Sie haben sich vor einem Jahr entschieden, professionell als Fotograf zu arbeiten. Ist die Abkehr von den Idealen der Preis dafür?

Meine Haltung hat sich vor vier Jahren geändert, da hat Facebook Milliarden für den Kauf von Instagram ausgegeben. Wir, die Fotografen, die mit ihren Bildern Instagram wertvoll und populär gemacht hatten, haben für unser Engagement nichts bekommen. Seitdem ist mir klar: Instagram ist wie viele andere Apps und Plattformen in erster Linie ein kommerzielles Medium, gegründet mit dem Ziel, Geld zu verdienen. Es geht darum, dass Fans viel Zeit damit verbringen, Fotos, Videos und Nachrichten von Popstars, Schauspielern oder Sporthelden anzuschauen.

Ihren Lebensunterhalt verdienen Sie damit, dass sie ihre Fotoästhetik nutzen, um Autos zu zeigen. Was reizt Sie daran?

Ich arbeite als Fotograf, auch wenn ich Produkte in Szene setze. Die Bildsprache der Werbung hat sich verändert. Früher stand die Funktionalität eines Autos im Vordergrund. Da war eine Familie zu sehen, die das Auto vollpackte und dann gemütlich verreiste. Durch die Handyfotografie sind Autos jetzt in Großstädten zu sehen. Durch die neue Technik, die einfache Möglichkeit der Bildbearbeitung und die Dynamik poppiger Farben ist eine Ästhetik entstanden, die immer häufiger auch in Print-Magazinen zu finden ist.

Auf den Bildern entsteht der Eindruck von einsamen Wesen, die sich im Dschungel der Großstadt behaupten müssen.

Es ist weniger eine Botschaft als eine Beobachtung: Menschen legen ihre alltäglichen Wege häufig allein zurück, während sie sich in der Freizeit oder als Touristen gern in Gruppen bewegen.

Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat gesagt, die höchste Kunst der Fotografie sei es, das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen.

Das ist eine anthropologische Interpretation. Mir geht es eher darum, dass in meinen Fotos etwas auftaucht, was weiterführende Überlegungen anregt. Deshalb suche ich nach unterschiedlichen Motiven, ziehe durch die Stadt und lasse mich vom Licht leiten. Ich bin insofern ein Flaneur.