Berliner Start-up Staramba: Ein Unternehmen erstellt Avatare von Stars für die digitale Welt

Die Musiker von Linkin Park guckten missmutig auf die Uhr, Popstars haben ja nie Zeit. Und jetzt sollten die Jungs aus Kalifornien zwei Stunden in der Aroser Straße im Wedding warten, bis der Scanner wieder funktionieren würde. Unvorstellbar. Ein Techniker hatte blöderweise das Stromkabel aus der Steckdose gezogen, deshalb mussten die Geräte neu gestartet werden. Und das gerade am Tag, als die ersten Weltstars da waren. Die Geschäftsidee von Christian Daudert wäre an diesem Tag möglicherweise geplatzt, doch dann fiel ihm die rettende Frage ein: Ob bei Tourneen nicht auch immer wieder die Technik versage, wollte er wissen.

Das Eis war gebrochen, die Band erzählte so viele Anekdoten, dass die Wartezeit schnell verging. Danach funktionierte alles, die Musiker konnten endlich eingescannt werden. Die Sache ist ein paar Jahre her, Christian Daudert kann sie inzwischen entspannt erzählen, denn als die nächsten Stars wie Paris Hilton anreisten, ging alles glatt.

Was die Anekdote auch zeigt: Daudert hatte ein Gespür für die Technologie der Zukunft und wem sie nützt. Inzwischen ist das Unternehmen aus Berlin weltweit führend, wenn es darum geht, Avatare von Stars für die digitale Welt zu erstellen. Damals ging es darum, die Musiker in 3D-Format zu zeigen. Später kamen dann die besten Fußballvereine der Welt dazu, Arsenal London, Real Madrid, Juventus Turin und Bayern München gehören zu den Kunden. Und auch der Drittligist Hansa Rostock, das hat aber mit persönlichen Sympathien im Start-up und weniger mit dem Geschäft zu tun. Es geht auch nicht nur um Musik oder Sport, es gab auch mit dem Marvel-Studios in den USA, verantwortlich für Superhelden wie Mr. America, eine Kooperation.

Fußballprofis als Geldgeber

Auf dem Schreibtisch von Christian Daudert stehen auch kleine Figuren, die aus dem 3D-Drucker stammen. Dem Geschäftsführer kann man während des Gesprächs ansehen, dass er selbst noch nicht so richtig glauben kann, was er da geschafft hat. Aus Mecklenburg-Vorpommern stammt er, in Freiburg hat er studiert und dann Fußballprofis in Vermögensfragen beraten. Diese Kontakte halfen ihm bei der Suche nach Geldgebern für seine Idee. Ehemalige Fußballprofis wie die Kovac-Brüder, die jetzt Bayern München trainieren, oder Fredi Bobic, inzwischen Manager bei Eintracht Frankfurt, oder der frühere Nationalspieler Marko Rehmer konnte er überzeugen. Sie stellten nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn die Kontakte zu den großen Vereinen her – und sie wussten, wie Spitzensportler behandelt werden wollen. Nur so viel: Sie sind ähnlich wie Popstars. Sie mögen Warten auch nicht.

Deshalb schickt Daudert seine Mitarbeiter of direkt zu den Auftraggebern. Die Erfahrung mit Linkin Park zeigte ihm frühzeitig, dass seine Leute schnell und präzise arbeiten müssen. Und so entwickelte Staramba den ersten Scanner weltweit, der jederzeit auch mobil eingesetzt werden kann. Das Gerät ist so groß wie früher eine Telefonzelle und ist ausgestattet mit mehr als 170 Kameras. In Sekundenschnelle wird ein 360-Grad-Foto erstellt, wenn die Technik denn funktioniert.

Mit dem Datenmaterial können dann Avatare erstellt werden. Avatare, das sind digitale Doubles, die in der virtuellen Welt der realen Person sehr ähnlich sehen. Am Anfang wurden daraus im 3D-Drucker dreidimensionale Figuren erstellt, die jeder Fan zu Hause aufstellen kann.

Profi-Mannschaft als digitale 3D-Kopien

Aber es geht noch mehr: Motion Tracking ist ein anderes Schlagwort. Darunter versteht man die Möglichkeit, alle möglichen Bewegungen so zu erfassen und in ein von Computern lesbares Format umzuwandeln, dass diese Regungen lebensecht aussehen. Das Umsatzpotenzial für diese Art von Dienstleistungen ist hoch. Im Motion-Capturing-Segment reichen Tagessätze bis in den hohen fünfstelligen Bereich. Zu den Interessenten dieser Daten gehören auch Games-Entwickler und Filmproduzenten. Wenn der Nutzer dann eine Virtual-Reality-Brille aufsetzt, hat er das Gefühl, dass der Prominente direkt vor ihm steht. Und möglicherweise sogar mit ihm spricht und ihn durch das Stadion führt oder ihm die Kabinen zeigt, wo normalerweise ein Fan nie hinkommt.

Das sind jedenfalls die Vorstellungen von Daudert und deshalb gibt es eine mehrjährige Vereinbarung mit Bayern München. Die Kooperation sieht vor, für den Verein eine virtuelle FC-Bayern-Welt mit Stadion, der FC- Bayern-Erlebniswelt und der Profi-Mannschaft als digitale 3D-Kopien zu entwickeln und an den Markt zu bringen. Daudert stellt sich vor, dass die Spieler in Zukunft direkt mit den Fans kommunizieren können. Man trifft sich im digitalen Raum und beginnt einen Dialog. Spracherkennung und Maschinenlernen machen solche Gespräche möglich. Danach könnte man sich dann beispielsweise zum Elfmeterschießen treffen oder eine Runde Tischfußball spielen.

Daudert hat sein Wasserglas geleert, der Rundgang durch das Studio kann beginnen, im Foyer zeigt ein American-Footballer-Spieler auf einem Bildschirm, wie ein Quarterback präzise wirft, und gibt die notwendigen Anweisungen. Dann geht es durch schmale Gänge in viele Büros. In den meisten Räumen wird Englisch gesprochen. Das Unternehmen hat 103 Mitarbeiter aus 29 Ländern eingestellt, Techniker, die sich mit Virtual Reality auskennen. Sie haben in der Filmbranche in Babelsberg oder in Hollywood-Studios an Blockbuster-Produktionen mitgearbeitet, dazu kommen Designer mit Erfahrung im Gaming-Bereich. An diesem Tag ist auf vielen Bildschirmen das Gesicht des Nationaltorhüters Manuel Neuer zu sehen, Folge der Zusammenarbeit mit dem FC Bayern.

6000 Charaktere im Archiv

Vor Jahren galt Virtual Reality, die Technik mit der dicken Datenbrille, als revolutionär, weil der Nutzer damit in fremde Welten eintauchen kann und das Gefühl hat, beispielsweise am Strand zu liegen, wenn die Musik und die Bilder ihm das suggerierten. Marc Zuckerberg erklärte das Thema bei Facebook zur Chefsache, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige US-Präsident Barack Obama hatten so ihren Spaß bei der Hannover-Messe.

Doch dann wurde es ruhiger um Virtual Reality, weil weltweit die Techniker die Wünsche der Konsumenten nicht so schnell erfüllen konnten. Daudert blieb geduldig und konnte seine Kunden davon überzeugen, dass Virtual Reality die Zukunft gehört. Jetzt ist er froh um seine Beharrlichkeit. Da Staramba sehr früh angefangen hat, ist das Archiv voll, rund 6000 3D-Charaktere gehören dazu – auch eine Art Lebensversicherung.