BerlinKurzer Blick zurück in das Jahr 2015: Berlin hat eine aufstrebende Start-up-Szene, ist aber noch in der Findungsphase. Was geht in der großen Welt? In dieser Zeit wird bekannt, dass Microsoft das Berliner Start-up 6Wunderkinder mit seiner App „Wunderlist“ übernommmen hat. Das „Wall Street Journal“ gibt den Kaufpreis an, er soll zwischen 100 und 200 Millionen US-Dollar liegen. Ein Mutmacher-Signal. Der in Brandenburg geborene und in Berlin lebende Christian Reber ist der Geschäftsführer des Start-ups. Er wechselt gleich mit zu Microsoft. 

Reber hat im Anschluss einige Zeit für den US-Konzern gearbeitet, danach wurde es ruhig um ihn. Drei Jahre hat er inzwischen an seiner neuen Idee gearbeitet. Und wenn es gut läuft, dann wird es wieder eine Erfolgsgeschichte. Die App „Wunderlist“ passte in die Zeit, als es darum ging, Ordnung zu schaffen in seinem privaten, digitalen Leben. Die digitalen Angeboten waren noch neu, Orientierungshilfen angenehm. Die Nutzer konnte bei „Wunderlist“ Aufgaben- oder Einkaufslisten mit Freunden oder der Familie erstellen, Erinnerungen speichern.

Sein neues Angebot heißt „Pitch“. Es ist ein Präsentationstool, an dem alle Mitarbeiter zu jeder Zeit von jedem Ort aus mitmachen können, weil es mehr bietet als Folien und Vorlagen. Die Pandemie hat viele Angestellte ins Homeoffice katapultiert. Viele Menschen sitzen zu Hause vor ihrem Bildschirm und überlegen, wie sie den Kontakt zu den Kollegen nicht verlieren. Sie würden gerne so kollaborativ arbeiten wie früher im Büro. Doch oft lässt die Technik das nicht zu. Reber hat mit seinem Team fast nur im Remote-Modus an dem Projekt gearbeitet, das Studio in Sophienstraße ist geschlossen. Vielleicht also wieder das richtige Angebot zur richtigen Zeit.

Das Team hat das Präsentationstool entwickelt.
Foto: Pitch

Reber sitzt an diesem Tag selbst im Homeoffice, auf einem dieser Bürostühle, die eher an Sportwagen-Sitze erinnern als an Bürostühle und gerne von Entwicklern gewählt werden. Vor drei Jahren beim Start konnte natürlich niemand ahnen, dass es Ausgangssperren, Maskenpflicht und Abstandsregeln im Oktober 2020 geben würde. Er sagt, dass die Pandemie noch deutlicher gemacht habe, „dass wir auf dem richtigen Weg sind. Moderne Teams sitzen nicht im Büro an einem Ort. Sie brauchen schnelle und kolloborative Tools, um ihre Arbeit zu erledigen“.

Beim Ausprobieren fallen einem dann die Kleinigkeiten auf, die für die Modernität sprechen. So kann bei der Live-Online-Präsentation der Sprecher in die Folien eingebettet werden. Das hat den Vorteil, dass der Betrachter sich weiterhin auf die Botschaft konzentrieren kann, ohne den Präsentator aus den Augen zu verlieren. Außerdem fällt auf, dass die Entwickler ein gutes Gespür für zeitgemäßes Design besitzen.  Farben Vorlagen, Piktogramme – das alles wirkt seriös und modern. Dazu gibt es Möglichkeiten für Video-Konferenzen und Angebote, auf dem geteilten Bildschirm zu kooperieren.

Was Reber bemängelt: Eigentlich sollte das Produkt nach zwei Jahren fertig sein, es hat aber zwölf Monate länger gedauert. Reber wirkt trotzdem gut gelaunt in dem Video-Call. Wie er auf die Idee gekommen ist? Er antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie werden die wichtigen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft getroffen? Fast immer sind Präsentationen die Grundlage.“

Microsoft hatte anfangs ein gutes Gespür für das Thema, der Konzern brachte sein Präsentationstool „Powerpoint“ 1990 auf den Markt, es war so erfolgreich, dass der Markennamen zum feststehenden Begriff wurde. Später veröffentlichten Apple und Google ihre Versionen, wer es individueller haben wollte, wählte Prezi. Aber das ist lange her – und so wirken die Vorlagen, die speziellen Angebote und Darstellungsformen inzwischen antiquiert. Reber greift also die Platzhirsche an. Das Wirtschaftsmagazin Capital erlaubte sich das Wortspiel „Powerpoint to the People“. Aber um nichts anderes geht es hier: die Nummer eins vom Sockel zu stoßen. „Pitch muss einfach abliefern“, sagt Reber.

Pastelltöne gehören auch zu den Auswahlmöglichkeiten. Ein besonderes Angebot: Der Sprecher, der gerade online ist, kann in die Präsentation eingebettet werden. 
Foto: Pitch

Die Zahlen sprechen nicht dagegen: 50 Millionen Dollar konnte das Team einsammeln, zu den frühen Investoren gehörten die Instagram-Gründer Kevin Systrom und Mike Krieger sowie Eric Yuan, der CEO and Mitbegründer von Zoom. Nach Unternehmensangaben waren in der Beta-Phase bereits mehr als 25.000 Teams aus 134 Staaten dabei.

Und was kommt jetzt? Fehler ausbessern, neue Kunden gewinnen und immer die Präsentation liefern, wenn wichtige Entscheidungen gefällt werden müssen. Außerdem gibt es noch ein weiteres Projekt. Nachdem „Wunderlist“ bei Microsoft nicht so wirklich gepflegt wurde, arbeitet Christian Reber jetzt an einer neuer Version. „Superlist“ wird sie heißen. Einzelpersonen oder Teams soll sie bei der Koordination helfen. Es wird sich zeigen, ob die Innovation wieder zu einer gesellschaftlichen Entwicklung passt.