Man könnte meinen, Heike Solga würde in diesen Tagen mit zahlreichen Anfragen interessierter Journalisten konfrontiert, doch wenn es so ist, dann lässt sie es sich nicht anmerken. Sie stellt zwei Kaffeetassen auf den Tisch in ihrem Büro und nimmt sich Zeit. Von Aufregung ist nichts zu spüren, obwohl die Bildungssoziologin am Mittwoch im Roten Rathaus den Berliner Wissenschaftspreis für das Jahr 2013 entgegennimmt. Es ist die wichtigste offizielle Auszeichnung Berlins für herausragende Wissenschaftsleistungen, die in Berlin erbracht wurden oder von besonderem Nutzen für die Stadt sind.

Journalisten und Soziologen wie Heike Solga haben eines gemeinsam: den Blick auf das gesellschaftlich Relevante. Der Blick der Journalisten dabei ist schnell, auf den Tag bezogen. Heike Solgas Blick hingegen ruht auf den Dingen und Begebenheiten wie auch auf ihrem Gegenüber. Es ist ein klarer, wacher Blick. Er zeugt von einer dauerhaften Aufmerksamkeit – unabdingbar für eine Wissenschaft, die an der Grenze zwischen Wirtschaft und Gesellschaft Probleme erkennen und Lösungen herausarbeiten soll.

Klar und präzise erzählt Heike Solga von ihrem wissenschaftlichen Weg. 1964 geboren, also drei Jahre nach dem Mauerbau, wuchs sie im Ostteil Berlins, der damaligen DDR-Hauptstadt auf und ergatterte nach dem Abitur einen von landesweit vierzig Plätzen für ein Soziologiestudium an der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Dort erhielt sie eine Ausbildung, die so gut war, dass sie später noch Kollegen aus der Bundesrepublik und den USA damit beeindrucken sollte.

Marx, Lenin und noch viel mehr

„Die Leute sind auch heute noch erstaunt, dass wir die großen Soziologen gelesen haben“, sagt sie, „und nicht nur Marx und Lenin.“ Allerdings merkte Heike Solga schnell, dass die sozialwissenschaftliche Forschung in der DDR zu einem Großteil „für den Schreibtisch“ gedacht war: „Es gab durchaus kritische, sehr gute Studien, die jedoch nie veröffentlicht oder diskutiert wurden, nie in die Bibliotheken kamen.“

Doch bald sollte sich alles ändern. Kurz nach der Wende erhielt die Doktorandin Heike Solga ein Fulbright-Stipendium, das ihr ein Studienjahr an der renommierten Stanford University in den USA ermöglichte. Im August 1990 reiste sie – noch mit ihrem DDR-Pass – nach San Francisco, im Oktober trat die DDR der Bundesrepublik bei. Und mit einem Mal stand es Heike Solga frei, die Promotion in den USA zu beenden. Eine Aussicht, die ein Jahr zuvor noch eine absolute Utopie gewesen wäre. „Wäre die Mauer nicht gefallen, hätte ich niemals dort bleiben können. Man hätte sofort dafür gesorgt, dass meine Schwester, die Lehrerin war, ihren Job losgewesen wäre“, sagt sie und klingt dabei nüchtern.

Sie entschied sich trotz der neuen Möglichkeiten, die sich auftaten, für die Rückkehr nach Deutschland. Auch weil sie Angst davor hatte, das Land nach ein paar weiteren Jahren in den USA nicht mehr wiederzuerkennen. Sie ging ans Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und promovierte in einem Projekt zu ostdeutschen Lebensverläufen.

Obwohl niemand in ihrem Team ihre fachliche Kompetenz in Frage stellte, sondern die Kollegen sie aufgrund ihrer DDR-Herkunft eher als Expertin für das Thema ansahen, verunsicherte sie das neue Wissenschaftssystem. Sie kannte dessen Spielregeln noch nicht. Bis dahin war ihr Karriereweg relativ fest geplant. Jetzt fand sie sich zwischen befristeten Verträgen und in einer ungewissen Zukunft wieder. „Mir wurde sogar nahegelegt, einen Sprachkurs zu belegen, weil das starke Berlinern für eine Karriere in der Wissenschaft überhaupt nicht förderlich sei“, sagt sie heute, ohne die Spur eines Berliner Dialekts.

Heike Solga fasste Fuß. Auf die Promotion folgte die Habilitation an der Freien Universität (FU) Berlin über die Erwerbschancen gering qualifizierter Personen. Dieser Konflikt zwischen Bildung und Arbeitsmarkt bildet bis heute den Schwerpunkt ihrer Forschung.

Lange hat sie die Herstellung von Chancengleichheit als Lösung für die Probleme der sozialen Ungleichheit gesehen. Heute jedoch ist sie sich sicher: „Wenn bestimmte Schulen nicht gut sind, ist egal, wer auf diese Schulen geht, ob Akademikerkind oder Arbeiterkind.“ Wichtiger sei es, alle Kinder so zu fördern, dass sie ihre Lernpotenziale nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch maximal entfalten können.

„Wir müssen daher nicht nur schauen, wer welche Schule besucht, sondern dafür sorgen, dass unsere Schulen gut genug sind, um dieses Ziel zu erreichen“, sagt Heike Solga. „Dafür müssten dort, wo betriebliche Ausbildungsplätze rar sind, mehr staatliche geschaffen werden – ähnlich wie beispielsweise in Dänemark oder den neuen Bundesländern.“ In Zusammenarbeit mit der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen, der Bundesagentur für Arbeit und dem Land Niedersachsen führte sie von 2006 bis 2010 das Projekt „Abschlussquote erhöhen – Berufsfähigkeit steigern“ durch. Ziel war es, sehr gering qualifizierte Hauptschüler schon während der letzten beiden Schuljahre in das Arbeitsleben einzubringen. Zwei von fünf Schultagen in der Woche verbrachten die Schüler dazu in einem festen Betrieb.

Nicht nur nach Noten fragen

Anfangs war Heike Solga skeptisch. Sie glaubte, die ohnehin schon eingeschränkte schulische Bildung der Jugendlichen würde unter den zwei fehlenden Tagen noch stärker leiden. In der Evaluation des Projekts stellten die Wissenschaftler jedoch fest: „Die Jugendlichen, die an diesem Projekt teilgenommen hatten, hatten danach trotz ihrer eher schlechten Schulnoten sehr gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz.“ Die langfristige Bindung an den Betrieb sei ein Grund dafür gewesen, ebenso aber das Umdenken auf Seiten der Unternehmen: „Die Jugendlichen wurden weniger nach ihren Schulnoten, als viel mehr nach ihrer sozialen Kompetenz beurteilt.“

Heute, als Direktorin der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“ am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB), untersucht Heike Solga in einem Projekt das Rekrutierungsverhalten von Unternehmen, die oft nur auf Schulnoten schauen, den Jugendlichen aber sonst keine Chance geben. Solche praktische, angewandte Forschung ist komplex, braucht Zeit, Geld und vor allem „den politischen Willen, der überhaupt das verändern will, was die Wissenschaft herausfindet“.

Um so wichtiger ist ihr der Berliner Wissenschaftspreis, der zum ersten Mal in den fünf Jahren seines Bestehens eine Sozialwissenschaftlerin würdigt. Die Jury besteht aus Vertretern der Berliner Hochschulen, Instituten und des Senats. „Die Kritik an den Sozialwissenschaften ist häufig, dass wir scheinbar Erkenntnisse schaffen, die für die Menschen banal wirken“, sagt Heike Solga. Die Entscheidung der Jury zeige, „dass die Sozialwissenschaft in der Gesellschaft eigentlich gar nicht so schlecht dasteht.“