Mit acht Jahren konnte André Stern weder lesen noch schreiben. Eine Schule hat er nie besucht. Heute spricht er fünf Sprachen, übt mehrere Berufe aus und wirbt europaweit für das selbstbestimmte Lernen.

Als Experte für Freie Bildung sind Sie in ganz Europa unterwegs. Was ist Ihre Botschaft?

Die Gesellschaft ist bereit zu hören, dass die Schule nicht unentbehrlich ist. Nach meiner Erfahrung gibt es eine große Sehnsucht nach einem anderen Weg für die Bildung. Wir brauchen keine weitere Reform, sondern eine Transformation des Lernens.

Auch in Deutschland?

Gerade in Ihrem Land. Ich treffe fast jede Woche Eltern und Pädagogen und sehe, was sie bewegt. Kinder wie Eltern leiden unter zunehmendem Leistungsdruck. Sie sollten ermutigt werden, mehr Vertrauen zueinander zu haben, den eigenen Rhythmen zu folgen.

Wollen Sie die Schulen abschaffen?

Nein, absolut nicht. Ich will mein Aufwachsen nicht zum Muster für andere machen. Es gibt in der Bildung nicht ein Konzept, das für alle passt. Aber ich will zeigen, dass es andere Wege des Lernens gibt. Ich bin ganz ohne Schule und Unterricht groß geworden. Man kann diese Lernerfahrung in das Bildungssystem einspeisen.

Was heißt das konkret?

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass Nervenzellen sich entsprechend ihrer Benutzung verknüpfen. Dabei ist die Begeisterung der beste Antrieb für das Lernen. Die Crux ist, dass wir Erwachsenen die Kinder viel zu oft unterbrechen, wenn Sie mit Begeisterung spielen und dabei lernen. Wissen Sie, was entstünde, wenn Sie Ihre Kinder immer spielen lassen würden? Ein interessantes Experiment, oder? Das ist, was ich erleben durfte!

Hieße das für die Schule: Jeder lernt nur das, was er will?

Mein Ziel war nie, so zu lernen, dass ich in allen Bereichen ein bestimmtes Durchschnittswissen erreiche. Mir ging und geht es darum zu fragen: Wo bin ich besonders gut und wie kann ich noch besser werden? Diese Begeisterung für eine Sache hat zwei wunderbare Nebenwirkungen: Kompetenz und Erfolg!

... und den Mut zur Lücke!

Richtig. Ich habe unzählige Wissens-Lücken, wie alle anderen Menschen auch – aber mit dem Unterschied, dass ich mich nicht dafür schäme.

Sie haben nie Albträume, dass Sie eine Klausur vermasseln oder auf andere Weise versagen?

Nein, von solchen Ängsten bin ich total frei, weil ich derartige Stresssituationen nie erlebt habe. Aber meine Frau wacht manchmal nachts auf, weil sie geträumt hat, dass sie nicht rechtzeitig zur Prüfung kommt und durchfällt.

Um die Führerscheinprüfung kamen auch Sie nicht herum.

Richtig. Das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich mich für einen Test vorbereiten musste. Aber ich konnte schon ein bisschen fahren. Vor allem konnte ich einparken.

Wie das? Haben Sie illegal im Pariser Verkehr geübt?

Mein Großvater hat mir das beigebracht, als ich sieben Jahre alt war. Er hatte einen großen Garten, in dem es zwei Mandelbäume gab. Mein Lieblingsspiel war es, sein Auto zwischen den Bäumen rückwärts einzuparken.

Warum sollten Menschen nicht in beiden Fällen gerne lernen – für den eigenen Erkenntnisprozess und für eine Prüfung? Kann ein Wissenstest nicht motivierend wirken?

Die Hirnforschung zeigt uns, dass das Gehirn so nicht nachhaltig lernt! Mich hat es nie interessiert, mein Wissen mit dem Wissen anderer zu vergleichen. Ich habe erfahren, wie bereichernd es ist, verschiedenartige Kompetenzen zusammenkommen zu lassen.

Sie sind in einem kreativen Umfeld aufgewachsen. Ihr Vater ist Forscher und Pädagoge. Ist ihre Lernentwicklung nicht einmalig und kaum übertragbar?

Das, was ich erlebt habe, lässt sich nicht verallgemeinern. Dennoch würde jedes Kind in meiner Lage etwas Ähnliches erleben. Neugierde und Spieltrieb sind angeborene Veranlagungen, die wir alle in uns tragen.

Das nützt nicht viel, wenn das Umfeld diese Neugierde nicht fördert. Wäre eine Lern-Geschichte wie die Ihre auch in bildungsfernen Familien möglich?

Heutige Hartz-IV-Familien leiden zum Teil schon seit Generationen darunter, dass sie in Schule und Beruf versagt haben. Diesen Menschen kann ich zeigen: Es macht nichts, dass Ihr keinen Schulabschluss und kein Diplom habt. Ihr könnt trotzdem Erfolg haben. Damit nimmt man Druck und Angst weg, und sie bekommen wieder Hoffnung.

Das klingt naiv. Auf dem Arbeitsmarkt haben Schulversager keine Chance. Dort braucht man Noten und Zertifikate.

Ich habe mich nie beworben, denn es gab Menschen, die meine Kompetenz geschätzt und gebraucht haben.

Wenn man mehrere Sprachen spricht und vier Berufe ausübt, braucht man das vermutlich nicht. Das gilt aber sicher nur für eine kleine Minderheit.

Ich bin da viel optimistischer – zumal man auch als Erwachsener noch lernen und Zertifikate erwerben kann. Der deutschen Sprache bin ich zum Beispiel erst mit 18 Jahren begegnet, aber daraus hat sich eine wirkliche Leidenschaft entwickelt. Ich habe sechs Stunden pro Tag Deutsch gelernt. Niemand hat mich nach 45 Minuten unterbrochen.

Vielleicht sind Sie ja im Gegensatz zu vielen anderen ein Sprachwunder.

Nein, ich war ein normales Kind und auch nicht hochbegabt. Aber ich habe mich ausschließlich mit Dingen beschäftigt, die mich wirklich interessierten.

Halten Sie das bei Ihrem dreijährigen Sohn ebenso? Oder wird er in die Schule gehen?

Nein, aber das ist kein Dogma für uns. Wenn er gehen will, dann wird er das tun.

Apropos Jungen: Mit dem Hirnforscher Gerald Hüther haben Sie die Initiative „Männer für morgen“ gegründet. Ist das eine neue Emanzipationsbewegung?

(Lacht.) Ja, das könnte man so beschreiben. Die Initiative steht noch ganz am Anfang. Es geht tatsächlich darum, neue Männerbilder für Familie und Gesellschaft zu entwerfen.

Ist das nötig?

Unbedingt. Denn während Mädchen und Frauen es geschafft haben, sich die Welt von morgen zu erschließen, haben sich viele Männer diesem Wandel verweigert und laufen Gefahr, den Anschluss an die gesellschaftliche Realität zu verlieren. Leider bleiben dabei immer mehr Jungen auf der Strecke. Sie entfalten ihre Potenziale nur unzureichend.

Was werden Sie Ihrem eigenen Sohn raten, wie er später mit Wissenslücken umgehen soll?

Ich persönlich begegne meinen Wissenslücken fast jeden Tag. Aber ich kann sie füllen, wenn es mir sinnvoll erscheint. Es stimmt nämlich nicht, dass man ab einem bestimmten Alter nicht mehr lernt. Das Gegenteil ist der Fall: Was Hänschen nicht kann, lernt Hans im Glück.

Das Gespräch führte Katja Irle.