Einst war er das viertgrößte Binnengewässer der Erde, mit einer Fläche von 68.000 Quadratkilometern Wasser – so riesig wie ein Meer, mit großer Fischvielfalt, Häfen und Badeorten. Heute ist fast der ganze See ausgetrocknet, der Boden salzverkrustet, die Umgebung versteppt und staubig. Die Fischer sind weggezogen. Ehemalige Häfen und Kurorte befinden sich kilometerweit von der Wasserlinie entfernt. Der Aralsee zwischen Kasachstan und Usbekistan gehört der Vergangenheit an. 90 Prozent seines Wasservolumens hat er mittlerweile verloren.

Der Aralsee ist nicht der einzige große See der Erde, der verschwindet. Auch der Tschadsee in Afrika, der Chapalasee in Mexiko oder der Poopósee in Bolivien schrumpfen dramatisch. Viele dieser Seen waren ursprünglich so groß wie Meere und heißen deshalb auch oft so, wie etwa das Tote Meer und das Kaspische Meer. Doch sie gehören zu den sogenannten abflusslosen Seen, ohne direkte Verbindung zu den Ozeanen. Viele sind im Laufe der Zeit versalzen. Andere riesige Seen, darunter die Großen Seen in Nordamerika, enthalten Süßwasser.

„Im Grunde ist es nicht ungewöhnlich, dass Seen irgendwann verschwinden. Jedes Gewässer hat ein endliches Lebensalter. Aber der Mensch beschleunigt diesen Alterungsprozess natürlich maßgeblich“, sagt Udo Gattenlöhner, Geschäftsführer der Stiftung Global Nature Fund. Die Stiftung setzt sich unter anderem für den weltweiten Schutz von See- und Feuchtgebieten ein. „Das erste Problem ist natürlich die allgemeine Erderwärmung“, sagt Gattenlöhner. Die Sommer sind trockener, die Niederschläge unregelmäßiger. Wenn der Regen dann geballt auf die Erde fällt, fließen große Wassermengen einfach ab. Der Boden kann sie nicht aufnehmen, die Seen können sie nicht speichern.

Industrielle Übernutzung kostet wertvolles Trinkwasser

Der Lop-Nor-See in China ist auf diese Weise bereits 1972 vollständig ausgetrocknet, und das weltgrößte Seensystem, die Großen Seen in Nordamerika, haben bereits begonnen zu schrumpfen. Die Menschheit müsse sich klarmachen, dass Wasser eine zwar schnell erneuerbare, aber endliche Ressource sei, sagt Udo Gattenlöhner. Das auf der Welt vorhandene Wasser sei in seinem Volumen immer gleich und werde nur durch ein perfekt koordiniertes System, den hydrologischen Kreislauf, erneuert. Ein gleichbleibender Vorrat an Wasser steht also einer stetig wachsenden Bevölkerung und fehlenden Niederschlägen gegenüber.

Diese Entwicklung kann man sehr gut am Beispiel des Tschadsees beobachten. Zwischen den Grenzen von Tschad, Nigeria, Niger und Kamerun versorgt das Gewässer rund 30 Millionen Menschen mit Frischwasser. Seit 1963 ist der ehemals sechstgrößte See der Erde jedoch um 95 Prozent seiner Größe geschrumpft. Zurückgeblieben ist ein flaches Wasserloch, um das die Anwohner von Jahr zu Jahr stärker ringen. Die Region wurde von den globalen Temperaturanstiegen deutlich mitgenommen. Die Dürreperioden häuften sich, Brunnen versiegten.

Nach Angaben der Vereinten Nationen leben bereits heute 1,2 Milliarden Menschen in Regionen mit deutlich begrenzten Wasserressourcen. Im Jahre 2030 wird die Hälfte der Weltbevölkerung unter kritischem Wassermangel leiden. Dabei ist das Schicksal wieder einmal ungleich verteilt. 700 Millionen der Betroffenen kommen aus Gegenden der afrikanischen Sub-Sahara. Unzweifelhaft werde dies in naher Zukunft zu kriegerischen Auseinandersetzungen, Flucht und Migration führen, prognostiziert der Bericht der Abteilung für ökonomische und soziale Angelegenheiten der Vereinten Nationen. Dies gelte natürlich unter der Prämisse, dass sich die klimatischen Prognosen bis dahin nicht verbesserten, und die Wirtschaft nicht in die Verantwortung genommen werde.

„Der Aralsee, das Tote Meer und der Chapalasee in Mexiko sind alles ideale Beispiele von industrieller Übernutzung durch den Menschen“, sagt Gattenlöhner. Für das Verschwinden des Aralsees ist vor allem die lokale Baumwollindustrie verantwortlich. Für die künstliche Bewässerung wurden seit den 60er-Jahren riesige Wassermassen von den Zuläufen zum See abgezweigt. Auch die Flüsse zum Chapalasee, im Jahre 2004 vom Global Nature Fund zum bedrohten See des Jahres „gekürt“, sind zu Bächen ausgedünnt. Große Gebiete um das Gewässer wurden abgeholzt, was dazu führte, dass Erdmassen immer wieder in den See rutschten. „In einem funktionierenden Ökosystem reinigen die Bäume und ihre Wurzeln das Wasser“, erklärt Gattenlöhner. Keine Bäume, das bedeute: keine Reinigung, mehr Schwebeteilchen, mehr Sediment. „Als Ergebnis nimmt die Tiefe des Sees ab.“ Die Wassertemperatur steigt an, die Algen wachsen, die Fische sterben – eine Kausalkette der Natur.

„Menschengemachte Schicksale“

Dass zudem noch Industrieabwässer aus den umliegenden Gebieten eingeleitet würden, verschlechtere die Situation zusätzlich, sagt Christian Siebert. „Diese Fälle sind alle menschengemachte Schicksale.“ Der Hydrogeologe vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig ist auf dem Weg nach Israel für eine weitere Forschungsreise zum Toten Meer. Das vom Jordan gespeiste Mare mortuum zwischen Israel, Jordanien und dem Westjordanland ist mit seinen 428 Metern unter dem Meeresspiegel der am tiefsten gelegene See der Erde. Touristen schätzen das Gewässer vor allem für seinen 33-prozentigen Salzgehalt, der dem Körper Auftrieb verleiht. Zum Vergleich: Der Salzgehalt des Mittelmeers liegt bei durchschnittlich 3,8 Prozent.

„Die Mineralien sind für die umliegenden Industriekomplexe sehr wichtig“, erklärt Siebert. „Firmen wie Dead Sea Works oder Arab Potash schöpfen dort Kalium und Magnesium in rauen Mengen.“ Das Wasser wird dafür von der Nordhälfte des Binnensees in die flachen Salzpools der Südhälfte gepumpt. Die Folge: Der tiefe Nordteil verliert an Wasser, die südliche Fläche wird überflutet. „In den Pools verdunstet das Wasser. So können die Mineralien ganz einfach abgeschöpft werden.“ Hätte das sterbende Meer wenigstens einen stetigen Wasserzufluss aus dem Jordan, wären solche Eingriffe vielleicht noch zu verschmerzen. Aber durch die ständige Wasserentnahme zur Versorgung Israels und Jordaniens mit Trinkwasser und zur Bewässerung der Landwirtschaft sinkt der Wasserspiegel des Toten Meers jährlich um einen Meter. Als dünnes Rinnsal kommt der biblische Fluss an seinem Ziel an.

Der Binnensee büßte bereits ein Drittel seiner Größe ein. Ehemalige Badestellen liegen nun einen guten Fußmarsch von der Wassergrenze entfernt. Und auf dem Weg dahin müssen Touristen sich vor sogenannten Einsturztrichtern in Acht nehmen, die schon so manche Straße, Imbissbude oder Ziege verschluckt haben. Die Löcher können spontan im Untergrund entstehen und sind bis zu 20 Meter tief und 90 Meter breit. Weil das Salzwasser zurückweicht, dringt Süßwasser aus dem Untergrund nach und wäscht die stabile Salzschicht aus. Innerhalb von Sekunden tut sich die Erde auf. Jeden Tag kommt ein weiterer Hohlraum dazu. Das Umfeld des Toten Meeres gleicht mittlerweile einem Schweizer Käse mit über 3000 Löchern.

„Ich sehe der Zukunft des Toten Meeres jedoch nicht allzu pessimistisch entgegen“, wendet Siebert ein. Israel habe in Entsalzungsanlagen investiert, die Wasser aus dem Mittelmeer schöpfen. Unter hohem Druck wird das Meerwasser durch Plastikmembranen gepresst, bis Salz und Wasser schließlich voneinander getrennt sind. So könnten die Süßwasserquellen des Landes – etwa der Jordan und der See Genezareth – entlastet werden. Der Zufluss zum Toten Meer würde sich wieder verstärken.

Irreparable Zerstörungen

Fast die Gesamtheit des Wasservorrats der Erde besteht aus Salzwasser, und 70 Prozent der Süßwasservorräte ruhen tiefgefroren in den Gletschern der Antarktis und Grönlands. Seen und Flüsse machen lediglich 0,25 Prozent der globalen Wassermassen aus, werden jedoch von allen Lebewesen als Wasserquelle genutzt. Sollten die Bevölkerung also ständig weiter wachsen und das Wasser zugleich immer knapper werden, muss Salzwasser der Meere zu trinkbarem Süßwasser aufbereitet werden. Bis zu 70 Prozent des Trinkwassers werden in Israel mittlerweile über solche Technologien gewonnen. „Momentan sieht es so aus, als könne sich die Lage durch diese Maßnahmen stabilisieren“, sagt Christian Siebert. Bis 2020 könnte möglicherweise das gesamte Trinkwasser Israels aus Entsalzungsanlagen gewonnen werden.

Für den Aralsee kommt laut Siebert jedoch jede Rettung zu spät. „Die Region ist mittlerweile völlig verseucht“, sagt er. „Die toxischen Düngemittel, die für die Baumwollproduktion eingesetzt wurden, sind überall im Boden und im Grundwasser und werden durch die zunehmende Versteppung in die Luft und Atmosphäre getragen.“ Da der Aralsee in einer großen Luftschneise liegt, nimmt der Luftstrom die giftigen Substanzen auf und trägt sie bis in die norwegischen Wälder, bis auf Grönlands Gletscher und in die Steppe der Mongolei. Sogar im Blut von Pinguinen in der Antarktis hat man die Stoffe nachgewiesen. Auch der Mensch wird nicht verschont. Krebserkrankungen in der Region um den Aralsee nehmen zu. Die Zahl von Fehlbildungen und Behinderungen bei Neugeborenen steigt rapide. Die Menschen leiden unter Magen- und Darmkrankheiten, Typhus, Anämie sowie Atemwegserkrankungen. Die biologisch tote Gegend kann sie weder ernähren noch mit Trinkwasser versorgen. Eine ökologische Katastrophe, die nach UN-Aussage mit den Ausmaßen des Unglücks von Tschernobyl vergleichbar ist.

Eine solche Zerstörung wird man nur noch schwer rückgängig machen können, sie steht als düsteres Symbol für einen durch Menschen verursachten Kollaps der Natur. Man müsse sich bei allen verbleibenden Gewässern endlich der eigenen Verantwortung bewusstwerden, fordert Udo Gattenlöhner. „Wir müssen jetzt alle Feuchtgebiete, Seen, Moore und Auenlandschaften schützen, denn wenn diese verschwinden, wird der Kreislauf des Wassers bald nicht mehr funktionieren.“