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Die Stimme sagt viel über einen Menschen aus. Hat er Angst, klingt sie gepresst. Ist er traurig, leise oder zittrig. Sie verrät aber auch, wenn jemand Wein getrunken hat. Nach einigen Gläsern schallt sie lauter und lallender. Forscher an der Berliner Charité können anhand einer Stimmanalyse erkennen, ob jemand Alkohol getrunken hat, weit bevor man es im Weinlokal hören kann.

Am Computer betrachten sie die Veränderungen der Stimme im Millisekundenbereich. Das nutzen sie jedoch nicht für Alkoholkontrollen, sondern um zu erforschen, wie sich Krankheiten in der Sprache äußern. Um „die Seele“ der Stimme hinreichend beschreiben zu können, bedienen sich die Wissenschaftler der Terminologie der Musikwissenschaftler.

Denn die haben längst eine Sprache dafür gefunden, wie sich eine Mozart-Oper von einem Hip-Hop-Song unterscheidet. Die Musikwissenschaft betrachtet die Gestaltung von Lautstärke, Artikulation, Tempo, Rhythmus, Melodie und Klangfarbe. „Wir übertragen diese Erkenntnisse auf die menschliche Sprache“, sagt Michael Colla von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. „Das ist ein Novum.“

So lässt sich zum Beispiel an der Gestaltung der Lautstärke zeigen, wie sich ADHS-Kinder von gesunden Kindern unterscheiden. Die Psychologin Daina Langner hat dafür auf dem Campus Benjamin Franklin 800 Menschen in ihr Mikrofon sprechen lassen. Bei der sogenannten Deep Speech Pattern Analyse, die von dem Mathematiker Jörg Langner entwickelt wurde, visualisiert der Computer den Verlauf der Stimme in Form eines farbigen Diagramms. Blassgrün ist leise, dunkelrot sehr laut.

ADHS-Kinder erzählen durch ihre Impulsivität lebendiger. Sie gestalten beim Sprechen größere Spannungsbögen. Das Diagramm einer zehnjährigen ADHS-Patienten fällt deshalb weitaus bunter und abwechslungsreicher aus, als das einer gesunden Gleichaltrigen. „Die Stimme ist der komplexeste Muskelapparat, den wir als Menschen zur Verfügung haben“, sagt Michael Colla.

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40 bis 50 Muskelgruppen sind an der unmittelbaren Artikulation beteiligt. Diese sind dazu noch sehr klein. Gerade so, dass man sie erkennen kann. Ihr Zusammenspiel ist deshalb äußerst komplex. Das Nervensystem leitet die Befehle des Gehirns an die Muskeln weiter. „Damit wird die Stimme zu einem Medium, mit dem man neurologische Untersuchungen durchführen kann“, sagt Colla.

Hilfreich könnte die Methode zum Beispiel für Parkinson-Patienten sein. Die Nervenkrankheit tritt vor allem bei Männern über 65 Jahren auf und entwickelt sich langsam über einige Jahre hinweg. Diagnostiziert wird sie meist jedoch erst, wenn eine Schüttel-Lähmung auftritt. Die Hände des Betroffenen zittern. Auch die Sprache verändert sich durch Parkinson.

Im fortgeschrittenen Stadium spricht der Erkrankte zunehmend leiser und verwaschen. Mit Hilfe der Stimmanalyse lassen sich solche Auffälligkeiten bereits messen, bevor man sie tatsächlich wahrnehmen kann. „Veränderungen in der Stimme sind der allgemeinen Symptomatik um mindestens zwei Jahre voraus“, sagt Colla. Die Deep Speech Pattern Analysis könnte also ein zusätzliches Instrument zur Früherkennung der Krankheit sein.