Bis 2045 wird der Tod abgeschafft: Futuristen wollen Unsterblichkeit erreichen

Das Buch „Der Sieg über den Tod“ von José Cordeiro und David Wood ist ein Manifest der Bewegung, die das Altern als Krankheit bekämpfen will. Eine Kritik.

Friedhof im Abendlicht: Der Tod beschäftigt die Menschen seit jeher. Und manche glauben, dass sie die Unsterblichkeit erreichen können.
Friedhof im Abendlicht: Der Tod beschäftigt die Menschen seit jeher. Und manche glauben, dass sie die Unsterblichkeit erreichen können.dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Es ist seltsam, wie sehr sich die Tendenzen in der Menschenwelt widersprechen. Während einerseits durch Krieg, Krisen und Klimawandel das Überleben der Menschheit insgesamt in Frage steht, nehmen andere Kurs auf die individuelle Unsterblichkeit. 

Vor wenigen Tagen erst fand in Berlin ein Kongress der Verjüngungsbranche statt, die sich zum Ziel gemacht hat, das Altern weit hinauszuzögern. Und jüngst haben zwei „Hauptakteure der weltweiten Futuristen-Bewegung“ eine Art Manifest veröffentlicht, das darstellt, wie das Altern und der Tod generell besiegt werden könnten. In absehbarer Zeit könnte es so weit sein, heißt es in dem neuen Buch „Der Sieg über den Tod“ (Finanzbuch-Verlag) von José Cordeiro und David Wood.

Die Ursache von Alterskrankheiten und von Leiden überhaupt zu bekämpfen – das ist durchaus ein lohnendes Ziel. Auch Berlin will zum Zentrum einer Medizin werden, die Krankheiten möglichst früh erkennt, verhindert oder gar wieder rückgängig macht. Dazu gehören etwa Krebs, Alzheimer, Parkinson und Herzschwäche, aber auch seltene Erbkrankheiten bei Kindern. Dafür entstehen in Berlin unter anderem eine neuartige Zellklinik und ein Zentrum für Gen- und Zelltherapien. Mit der erfolgreichen Bekämpfung von Krankheiten würde sich auch die Lebenserwartung erhöhen. Solche Bemühungen sind absolut zu begrüßen.

WHO soll das Altern selbst zur Krankheit erklären

Doch die Vertreter der sich ausweitenden Unsterblichkeitsbewegung gehen viel weiter. Sie fordern von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), nicht nur die Alterskrankheiten anzugehen, sondern das Altern selbst zur Krankheit zu erklären und mit massiven Anstrengungen den Tod zu bekämpfen, den sie als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnen. Ein Schlachtruf aus dem erwähnten neuen Buch von Cordeiro und Wood lautet: „Wenn wir den Tod nicht töten, wird der Tod uns töten.“ Der größte und älteste Traum der Menschheit sei die Unsterblichkeit, sagen die Autoren. Und das mag sicher auch stimmen. Er zieht sich unter anderem durch die Religionen – vom altägyptischen Totenkult bis zum Christentum.

„Mag wer da will den Tod begreifen – ich nicht!“, schrieb einst der Dichter Louis Fürnberg. Man kann es nachempfinden. So geht es vielen. Aus diesem Grund mag mancher auch voller Hoffnung auf die biotechnologische Revolution schauen, die immer mehr Fahrt aufnimmt und angeblich die größte Industrie der Zukunft sein wird. Das Altern selbst soll verhindert und rückgängig gemacht werden mittels genetischen Manipulationen, Telomerase-Injektionen, Stammzelltherapie, Gen-Editing, synthetischen Organen, Künstlicher Intelligenz und Nano-Technologie.

Bis zum Jahre 2045 schließlich soll „das Altern geheilt und der Tod optional“ werden, lautet eine Prognose in dem Buch von José Cordeiro und David Wood. Einige Zeit danach soll es auch bereits möglich sein, Menschen, die sich einfrieren (kryokonservieren) ließen, wieder aufzuwecken. Die Futuristen schüren Hoffnung, dass man auch jahrzehntelang eingefrorene Gehirne samt aller Erinnerungen wieder aktivieren könne – oder die Inhalte mithilfe der Künstlichen Intelligenz von einer Art Backup des Bewusstsein wieder überspielen könne.

Viele Hirnforscher widersprechen dem übrigens vehement, angesichts der höchst komplexen Struktur der Neuronennetzwerke. Andere Forscher verweisen darauf, dass Werden und Vergehen in der gesamten Natur ein Grundgesetz sei, dem sich niemand entziehen könne. Mit den Gründen dafür befasst sich unter anderem das Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln. Auch dieses sagt, dass es durch Beeinflussung bestimmter zellulärer Prozesse möglich sein könnte, „den Alterungsprozess zu verlangsamen und unsere Gesundheit im Alter zu verbessern“. Von Unsterblichkeit ist da nicht die Rede.

Wirkung des „Alterungs-Akzeptanz-Paradigmas“

Genau dies wollen die Futuristen aber nicht akzeptieren. Zweiflern und Kritikern bescheinigen sie, technokonservativ zu sein, keine positiven Visionen zu haben und dem „Alterungs-Akzeptanz-Paradigma“ anzuhängen. Sprich: Man sei nur zu uninformiert oder rückwärtsgewandt und erkenne nicht die gigantische Chance, das Altern und den Tod zu besiegen.

Wie die Autoren darstellen, gibt es Organismen auf der Erde, die sehr lange leben: bestimmte Quallen, Schwämme, Nacktmulle, Seeigel, der Süßwasserpolyp Hydra, tausendjährige Bäume und klonale Kolonien wie Seegraswiesen. Es gibt auch bestimmte Zellen, die nicht altern, etwa Keimzellen oder Krebszellen. Bei Fruchtfliegen, Würmern und Mäusen konnte das Altern im Experiment bereits verlangsamt werden. Alterungsprozesse sind vielfältiger, als man denkt. Doch die Frage ist, ob man so etwas überhaupt auf den Menschen übertragen kann – und wenn ja, in welchem Ausmaß und mit welchen Folgen.

Wohl noch wichtiger ist die Frage: Wäre es überhaupt zweckmäßig, viele Hundert Jahre zu leben oder gar in die Nähe der Unsterblichkeit zu kommen? Dazu liest und hört man bei den Futuristen kaum ein Wort – außer, dass man als Unsterblicher lange produktiv und kreativ sein könne. Kein Wort darüber, wie sich die Gesellschaft verändern würde, wenn Menschen generell uralt werden oder möglichst gar nicht mehr sterben, wie es die Futuristen ja als Ziel formulieren.

Milliardäre stecken Unsummen in Anti-Aging-Projekte

Die Autoren verweisen selbst auf Schätzungen des US Census Bureaus, denen zufolge die Weltbevölkerung 2042 die Marke von neun Milliarden Menschen erreichen könnte. Sie sagen zugleich, dass schon 2029 die Möglichkeit zur Langlebigkeit aller erreicht werden kann. Die „erste unsterbliche Menschengeneration“ stehe bevor, heißt es.

Spielen wir das mal durch: Neun Milliarden Menschen auf der Erde. Möglichst jeder soll mindestens 500 Jahre alt werden. Wenn nur ein Zehntel (!) davon mit etwa 30 Jahren zwei Kinder bekommt und diese jeweils wieder zwei Kinder und so weiter, dann passiert folgendes: Nach 360 Jahren – also zwölf Generationen – wäre die Weltbevölkerung auf 1,8 Billionen angewachsen. Allein die Berliner Bevölkerung würde auf diese Weise in 500 Jahren  auf 25 bis 50 Milliarden Menschen anwachsen, am Ende in riesigen, exponentiellen Sprüngen. Wie sollen Ernährung, Energieversorgung, Unterbringung und die notwendigen unablässigen Verjüngungstherapien für alle gesichert werden? 

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Menschheit hat bis dahin „das Weltall besiedelt“. Milliarden und aber Milliarden Menschen werden auf andere Planeten ausgesiedelt. Alle Ressourcen – und auch eine intensive medizinische Versorgung – müssten mitziehen. So stellen es sich Futuristen gern vor. Aber selbst der ganze Mars würde wohl für die Massen nicht ausreichen. Außerdem ist die Verwirklichung dieses Plans nicht in Sicht. Das höchst riskante Unternehmen der Umsiedelung käme – wenn überhaupt – nur für eine relativ geringe Zahl von Menschen infrage. Auch der technologische Aufwand wäre sehr groß.

Nanoroboter reisen durch den Körper und „reparieren“ alles

Die zweite Möglichkeit: Nicht alle werden uralt oder gar unsterblich, sondern nur ein paar handverlesene Menschen, die Zugang zu den Möglichkeiten intensiver Verjüngungstherapien haben. Denn dass es keine einfache Unsterblichkeitspille geben wird,  ist auch den meisten Futuristen klar, die wissenschaftlich argumentieren. „Wenn wir uns auf die grundlegenden Dinge konzentrieren, werden wir sehen, dass der menschliche Körper nicht so komplex ist und dass wir ihn mit neuen Technologien wie der Nanotechnologie reparieren können“, schreiben José Cordeiro und David Wood. Ihrer Meinung nach müssten dafür zum Beispiel ständig Nanoroboter durch den Körper reisen. 

Wenn die Weltbevölkerung aber nicht auf Billionen und aber Billionen Menschen auf der Erde anwachsen soll,  dann können nur wenige Leute unsterblich sein. Die Geburtenrate muss streng limitiert und stark gestreckt werden. (Alle hundert Jahre nur ein Kind?) Die Folge des Unsterblichkeits-Gedankens ist, dass die menschliche Evolution zum Stillstand kommt, weil die nächsten Generationen sozusagen in der Pipeline steckenbleiben, sich nicht entfalten können, was aber für die Entwicklung der Menschheit unabdingbar wäre.

Wohl nur Science-Fiction-Autoren könnten sich ausmalen, was mit einer Welt passiert, in der die Mehrheit der Menschen sterben muss, einige jedoch nicht. Welch ein Konfliktpotenzial! Oder in der alle Menschen im Grunde unsterblich sind, es aber natürlich noch weiter Todesarten gibt, die nichts mit Alterungsprozessen zusammenhängen und gegen die man nicht viel tun kann, etwa durch Krieg und Unfälle. Dass bereits jetzt viele der gängigen Antibiotika nicht mehr wirken, wird in dem Buch „Der Sieg über den Tod“ erst gar nicht erwähnt. 

Beim genauen Nachdenken stellt sich die Idee einer überlangen Lebensspanne oder gar einer Unsterblichkeit – trotz aller revolutionären biotechnologischen Möglichkeiten – als weltfremd und realitätsfern dar. Die Idee wächst in einer Blase von Leuten, die offenbar in einer eigenen Wirklichkeit leben. Eines ihrer Zentren ist das kalifornische Silicon Valley in den USA. Milliardäre wie Peter Thiel (PayPal), Jeff Bezos (Amazon) und Mark Zuckerberg (Meta) investieren Unsummen in Unternehmen, die das Alter und den Tod besiegen wollen. Dazu sagte ein anderer Milliardär, Bill Gates, kritisch: „Es scheint egozentrisch zu sein, solange wir noch Malaria und Tuberkulose haben, dass reiche Leute Dinge finanzieren, damit sie länger leben können.“

Was man mit einer alternden Psyche macht

Zwar streiten die Futuristen diesen Egozentrismus ab. Sie betonen, dass die große technische Revolution, wenn man ihr nur freien Lauf ließe und sie üppig finanziere, alles möglich machen würde. Angeblich würden die neuesten Therapien auch weltweit anwendbar und bezahlbar sein, ein Segen für die gesamte Menschheit.

Abgesehen von den Rechnungen, die das Anwachsen der Bevölkerung betreffen: Offenbar wirft kaum einer der Unsterblichkeits-Futuristen einen wirklich ernsthaften Blick auf die Lage der Welt: auf den Zustand der Gesundheits- und Sozialsysteme, auf den Klimawandel, der zunehmend ganze Landstriche unbewohnbar zu machen droht, auf Konflikte, auf Kriege und auf die globale Hungerkrise, der unzählige Kinder erliegen. Das wären wichtige Fragen. Keine Technologie bietet da einen echten Ausweg. Jedenfalls nicht in der bekannten Welt mit ihren konträren Interessen. Doch statt hier Lösungen zu suchen, sehen die Unsterblichkeits-Futuristen den „größten Feind der Menschheit“ im Altern, das so vielen Menschen noch nicht einmal vergönnt ist.

Etwas unangenehm ist die technokratische Arroganz, mit der Leute kritisiert werden, die nicht an die neue Welt der Unsterblichkeit glauben. Da heißt es in dem Buch von Cordeiro und Wood, dass es für bestimmte Länder angesichts eines angeblichen weltweiten Wirtschaftswachstums nun „keine Ausreden mehr gibt, sich nicht aus der Armut zu befreien“. Und Projekte, die sich nicht direkt auf das große Ziel der „Abschaffung des Alterns“ richten, sondern auf die Verbesserungen von Lebensbedingungen und medizinischer Versorgung im Alter, werden als zweitrangig angesehen, weil sie sich nicht „auf die effizientesten Dinge“ konzentrieren.

Kein Wort auch über die Psyche des Menschen. „Ich bin jetzt 74 Jahre alt“, schrieb ein Leser dieser Zeitung. „Auch wenn ich mich unheilbar gesund fühle, wozu soll ich noch mal 74 Jahre leben? Das ist doch Quatsch.“ Wahrscheinlich würden die Futuristen diesem Leser eine völlig falsche Haltung bescheinigen. Ja, auch der Geist und die Psyche altern, nicht nur Zellen. Irgendwann wird man müde, auf ewig immer wieder die neuesten Entwicklungen mitzumachen. Will man tausend Jahre lang arbeiten? Löst nicht der Gedanke, ewig zu leben, eine ähnliche Panik aus wie as Bewusstsein von der Sterblichkeit? Was passiert mit den Triebkräften des Menschen, etwas zu entdecken, etwas zu leisten, sich zu verlieben, eine Familie zu gründen, wenn das Leben unendlich wird? Möglicherweise ist dann alles egal, alles kommt zum Stillstand.

Und dass auch die Psyche immer wieder neu hochgeladen und verjüngt werden kann, muss einfach bezweifelt werden. Der Mensch ist Teil seiner Umwelt, der Natur. Und Ideologien der Züchtung eines Menschen, der über allem steht – sprich: eines Übermenschen –, haben noch nie zu etwas Gutem geführt.

Ein Klagebrief an „Mutter Natur“

Der erwähnte 74-jährige Leser zeigte sich auch in einer anderen Frage realistischer als die Futuristen, und zwar, was den Sinn der Debatte generell betrifft. Er schreibt: „Inzwischen haben wir, auch Sie und ich, die Erde so kaputt gemacht, dass die nachfolgenden Generationen kaum noch (Über-)Lebenschancen haben.“ Nicht ewige Verjüngungskuren, sondern bessere Bedingungen für die Nachkommen müssten im Mittelpunkt stehen. 

Doch über so etwas denken die Unsterblichkeits-Verfechter – die ihr Ziel selbst moralisch rechtfertigen – kaum nach. Es ist wohl auch große Angst vor dem eigenen Tod, die sie vieles ausblenden lässt. Zum Beispiel den erst jüngst erschienenen Bericht, dem zufolge der Mensch durch gnadenlose Ausbeutung und Vernichtung  der Natur in den letzten 50 Jahren rund 70 Prozent der Wildtierarten weltweit ausgerottet habe. Und die Zerstörung geht immer weiter.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein „Brief an Mutter Natur“, den José Cordeiro und David Wood in ihrem Buch zitieren, nahezu weinerlich. Darin kritisierte 1999 der britische Philosoph Max More 1999 „Mutter Natur“ dafür, einen „schlechten Job“ gemacht zu haben, weil der Mensch altern und sterben müsse. Und man werde „die Tyrannei des Alters und des Todes“ nicht länger tolerieren.

Da kann man nur sagen: „Mutter Natur“, die der Mensch seit Jahrhunderten mit Füßen tritt, wird uns eins husten. Und sie wird uns am Ende wohl nicht die Unsterblichkeit schenken, sondern eher das Gegenteil, das Aussterben unserer Art. Und sich damit von unserer Tyrannei befreien. Wohl zu Recht, wie man angesichts der menschlichen Hybris leider sagen muss.

José Cordeiro, David Wood: Der Sieg über den Tod: Die wissenschaftliche Möglichkeit, ewig zu leben, und ihre moralische Rechtfertigung. FinanzBuch-Verlag, 2022. 352 Seiten, 20 Euro.