Das Projekt klingt ehrgeizig: Aus Deutschlands Wasserstraßen, die jahrhundertelang intensiv genutzt und umgestaltet wurden, sollen wieder lebendige Flüsse und Auen werden. So sieht es das Bundesprogramm „Blaues Band Deutschland“ vor, das unter Federführung des Bundesverkehrsministeriums und des Bundesumweltministeriums bis zum Jahr 2050 umgesetzt werden soll.

Gerade in Deutschland ist die Artenvielfalt dem starken Schiffsverkehr ausgesetzt

Der Schwerpunkt liegt dabei auf jenen Wasserstraßen, die für den Gütertransport heutzutage nicht mehr so wichtig sind. Auf insgesamt 2800 Flusskilometern sollen dort zum Beispiel Auen renaturiert und Uferbefestigungen beseitigt werden. Gedacht ist das Ganze zum einen als ökologisches Sanierungsprogramm, das in den Gewässern wieder mehr Artenvielfalt schaffen soll. Gleichzeitig soll aber auch der Wassertourismus profitieren.

„Diese beiden Ziele werden sich aber nicht so leicht verbinden lassen“, befürchtet Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Denn ein zu starker Schiffs- und Bootsverkehr könne die Fisch-Vielfalt in einem Fluss deutlich dezimieren. Diesen Schluss ziehen er und seine Kollegen aus einer Studie, die sie an sechs großen europäischen Flüssen durchgeführt haben.

Gerade in Deutschland sind die tierischen Bewohner dieser Gewässer mit einer Vielzahl von Wasserfahrzeugen konfrontiert. Denn zum einen liegt hier immer noch eine der Hochburgen der europäischen Binnenschifffahrt. Der Rhein gilt sogar als verkehrsreichste Wasserstraße der Welt, jedes Jahr sind hier 200 Millionen Tonnen Güter unterwegs – und damit zwei Drittel der Frachtmenge, die auf Europas Flüssen insgesamt transportiert wird. Zum anderen boomt aber auch der Freizeit- und Erholungsverkehr auf dem Wasser. Allein die Zahl der Schiffe für Flusskreuzfahrten hat zwischen 2014 und 2015 um zehn Prozent zugenommen.

Forscher untersuchen Zusammenhang zwischen Schiffsverkehr und Artenvielfalt der Fische

Auf Fische wirkt sich vor allem der Wellenschlag aus, den all diese Fahrzeuge verursachen. „Je nach Schiffstyp entstehen dabei unterschiedliche Muster“, sagt Christian Wolter. Frachtschiffe zum Beispiel sind ziemlich breit und haben in beladenem Zustand einen großen Tiefgang. „Sie gleiten also wie eine Art Kasten durchs Wasser und schieben dabei eine kräftige Bugwelle vor sich her“, erklärt der Forscher. Zum Ausgleich strömt das Wasser neben dem Rumpf in umgekehrter Richtung am Schiff vorbei, an den Flussufern entsteht ein Unterdruck und das Wasser sinkt in Richtung Flussbett.

Bei Sportbooten ist der Rumpf dagegen wesentlich stromlinienförmiger gebaut, zudem sind sie meist deutlich schneller unterwegs als die Frachter. Das führt dazu, dass diese Fahrzeuge zwar nur eine geringe Bugwelle, dafür aber eine umso kräftigere Heckwelle erzeugen. Die aber breitet sich über große Entfernungen im Wasser aus, ohne an Kraft zu verlieren. Und irgendwann kracht sie dann mit Wucht gegen ein Ufer oder in eine Schilffläche.

Was diese Wellenmuster für Fische bewirken, wusste bisher allerdings niemand so genau. Also haben die IGB-Forscher für ihre sechs Flüsse detaillierte Schifffahrtsdaten zusammengetragen und gleichzeitig die jeweilige Fischfauna unter die Lupe genommen. Probefänge an fast 400 Stellen sollten verraten, welche Fische in den jeweiligen Gewässern leben und ob ihre Artenzahl mit der Intensität des Schiffsverkehrs zusammenhängt.

Nicht nur Frachtschiffe schaden den Fischen

„Bei solchen Fangaktionen erwischt man natürlich nie alle Arten, die in einem Fluss vorkommen“, sagt Christian Wolter. Das scheitert schon allein daran, dass manche Fische typische Bewohner des Unterlaufs sind, während andere nur im Oberlauf die richtigen Lebensbedingungen finden. „Insgesamt leben in einem typischen mitteleuropäischen Fluss zwischen 50 und 70 Fischarten“, fasst der IGB-Forscher seine Erfahrungen zusammen. „Davon fängt man an einer bestimmten Stelle im Schnitt so zwischen 12 und 18.“

Die analysierten Daten zeigen allerdings, dass diese Ausbeute nicht an jedem Fluss gleich groß ist. Während im Rhein meist nur zwischen zehn und zwölf Arten in den Keschern landen, sind es in der Oder eher 15 bis 20. Liegt das vielleicht daran, dass auf dem Rhein im Durchschnitt 264 Frachtschiffe am Tag fahren, während es auf der Oder nur 15 sind? Um das herauszufinden, haben die Forscher mithilfe eines statistischen Modells untersucht, welche Flusscharakteristika die Unterschiede in der Artenzahl am besten erklären können.

Dabei hat sich gezeigt, dass bekannte Probleme wie Begradigungen, Uferbefestigungen oder die Zerstörung der Auen zu einer niedrigeren Artenzahl führen. „Wir sehen aber auch einen ganz deutlichen Einfluss des Verkehrs“, sagt Christian Wolter. Je mehr Schiffe und Boote auf einem Flussabschnitt unterwegs sind, umso weniger Fischarten leben dort. Und es sind eben nicht nur die Frachter, die einen solchen Effekt bewirken, sondern auch der Freizeitverkehr. Zu viele Motoren auf dem Wasser scheinen der Artenvielfalt generell zu schaden.

Starker Schiffsverkehr ist zusätzliche Belastung für Jungfische

Besonders empfindlich auf jede Form von Schiffsverkehr reagieren dabei Fische wie Hasel, Rapfen und Döbel, die auf Kiesbänken laichen und flache Uferzonen brauchen. Diese Arten legen ihre Eier in die Lücken zwischen den Kieseln. Dort aber muss regelmäßig der Sand und anderes Feinmaterial herausgespült werden, damit die neue Fischgeneration genug Sauerstoff bekommt. Daher sind diese Arten darauf angewiesen, dass sich im Flussbett immer mal wieder Sediment umlagert. Genau das aber passiert in ausgebauten Wasserstraßen kaum noch. Deshalb sind Tiere mit solchen Ansprüchen vielerorts ohnehin schon in Bedrängnis geraten.

Der Schiffsverkehr kommt nun noch als zusätzliche Belastung dazu – und das scheint vor allem für die Jungfische ein Problem zu sein. Denn die brauchen nach dem Schlüpfen flache, ruhige Bereiche, in denen sie sich weder mit Feinden, noch mit einer zu starken Strömung herumschlagen müssen. Frachter aber erzeugen im Durchschnitt eine Rückströmung von 70 Zentimetern pro Sekunde, gegen die der Fischnachwuchs nicht anschwimmen kann. Bestenfalls wird er dadurch nur vorübergehend vom Fressen abgehalten. Doch wenn die Störungen zu häufig werden, muss er ganz das Feld räumen. „Schon bei einer relativ geringen Verkehrsdichte von acht Frachtern am Tag geht die Zahl der Jungfische deutlich zurück“, sagt Christian Wolter. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich, wenn 20 bis 30 Sportboote am Tag unterwegs sind.

„Blaues Band Deutschland“ will Fischen vielfältigere Lebensräume bieten

„Die im Rahmen des Blauen Bandes geplante touristische Entwicklung könnte den Verlust an biologischer Vielfalt in unseren Flüssen also eher beschleunigen als stoppen“, befürchtet Wolter. Deshalb plädieren er und seine Kollegen dafür, zuerst die ökologische Situation an den jeweiligen Gewässern zu verbessern. „Wichtig ist es zum Beispiel, Uferbefestigungen zu beseitigen und wieder zuzulassen, dass der Fluss an manchen Stellen Material abträgt und es an anderen in Form von Inseln, Kies- und Sandbänken wieder anlagert“, betont der Forscher.

In solchen vielfältigen Lebensräumen finde der Fischnachwuchs so gute Bedingungen, dass er auch mit dem Schiffsverkehr wieder besser klarkomme. Zudem seien naturnahe Flüsse auch touristisch attraktiver. „Und in der Flussmitte bleibt dann immer noch Wasser genug, um mit einem Sportboot zu fahren.“