Blogger als „richtige“ Journalisten anerkannt: Der Aufstieg in die „wahre“ Zunft

Berlin - Die Zeiten ändern sich. Der bekannteste Journalist unserer Tage ist aktuell Markus Beckedahl - Erfinder und Betreiber des Blogs „netzpolitik.org“. Es ist keine zwei Jahre her, da musste er noch darum kämpfen, von denen als Berufskollege anerkannt zu werden, die ihn heute als Helden der Pressefreiheit feiern und das Verfahren des Generalbundesanwalts mit der Spiegel-Affäre vergleichen.

Ähnlich erging es Tilo Jung, der in seinem Format „Jung und naiv“ mit kalkuliert „dummen Fragen“ an Politiker auf Youtube nicht nur aufklärerische Wirkung erzielt, sondern auch erstaunliche Einschaltquoten. Nach Überwindung erheblicher erster Bedenken sind beide inzwischen als Mitglied in den Elitezirkel des politischen Journalismus aufgenommen worden - die Bundespressekonferenz.

Zugang zu staatlichen Institutionen

Zuvor hatten Bundespresseamt und Bundestag ihren Widerstand aufgegeben, die „neuen Journalisten“ wie Kollegen von Zeitungen, Zeitschriften Rundfunk und Fernsehen mit Jahrenakkreditierungen auszustatten, die ihnen den Zugang zu staatlichen Institutionen erleichtern.

Vor kurzem „nur“ Blogger, werden sie heute in der publizistischen Branche immer mehr als „richtige“ Journalisten anerkannt. Die Menschen in der Redaktionen der großen und kleinen herkömmlichen Medien mussten feststellen, dass die Netzaktivisten ihnen nicht nur vielfach die Kundschaft abspenstig machen, sondern sich auch auf ihrem ureigenen Feld Konkurrenz machen: Dem „Qualitätsjournalismus“, der Nachrichten recherchiert, jene des Tages in einen erklärenden Zusammenhang stellt. Aufgrund seiner guten Kontakte wartet Beckedahl immer wieder mit Neuem aus dem Inneren des politischen Betriebes auf oder deckt vor allen anderen Defizite in Gesetzentwürfen auf.

Stefan Niggemeier

Der erste, der Anerkennung fand, war Stefan Niggemeier. Er ist eine Instanz, wenn es um Medienjournalismus in Deutschland geht. Der heute 45-jährige hatte es aber vergleichsweise einfach: Denn er war „richtiger“ Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, ehe er sich als Blogger selbstständig machte.

Ein ähnlicher Fall ist Thomas Wiegold. Der arbeitete zuletzt bei „Focus“, ehe er sich mit seinem Blog „Augen gerade aus“ meldete. Wer etwas über Sicherheitspolitik erfahren möchte, kommt an ihm nicht vorbei - übrigens auch nicht die klassischen Medien, die sich gern seiner Dienste als Rechercheur bedienen.

Image der Blogger korrigieren

Die „jungen Wilden“ haben in aller Regel einen solchen Hintergrund nicht. Als er noch um seine Akkreditierung kämpfen musste, meinte Markus Beckedahl einmal, er würde gern das Image der Blogger korrigieren. Sie kommentierten nur vom heimischen Schreibtisch aus. Er wolle „dahin gehen, wo man der Bundesregierung auch direkt Fragen stellen kann.“

Dass die neue Nähe nicht ungefährlich sein kann, musste der Video-Blogger LeFloid erfahren, der mit seinen Clips auf Youtube Millionen erreicht. Er durfte Angela Merkel neulich an ihrem Arbeitsplatz interviewen. Warum jetzt, fragte er erstaunt, wo man doch im Frühjahr schon vorgefühlt habe. „Jetzt passt es einfach gut“, bekam er zur Antwort, weil sie gerade ihren großen Bürgerdialog begonnen habe. Ein bisschen Jugend sei da nicht schlecht. So schnell kann es gehen: Von der Provokation zum Teil der Regierungs-PR.