Blogger "MSPR0" auf der re:publica: „Das Internet sollte dezentraler werden“

Auf Twitter nennt er sich ironisch einen „gefährlichen Internettheoretiker“ – einflussreich sind seine Ideen und Projekte übers und im Netz tatsächlich: Michael Seemann alias „mspr0“, Kulturwissenschaftler sowie Autor und Redner zu Internetfragen, gründete Projekte wie twitkrit.de und betreibt den populären Podcast „Wir müssen reden“ und das Blog „CTRL-Verlust“. Seinen Vortrag auf der Republica hält er am Dienstagabend.

Herr Seemann, welches Gefühl dominiert in der Netzgemeinde, wenn sie sich in dieser Woche zur Re:Publica trifft - ein knappes Jahr nach den  Snowden-Enthüllungen?

Ich glaube, dass in diesem vergangenen Jahr seit Snowden eine wichtige Desillusionierung stattgefunden hat. Wir – die Netzgemeinde – haben 2009 erfolgreich gegen das Netzsperrengesetz von Ursula von der Leyen gekämpft und den Politikern mit unserer Organisationsfähigkeit einen großen Schrecken eingejagt. 2010 haben wir Wikileaks zugejubelt, wie sie der amerikanischen Regierung die Hosen ausgezogen haben. 2011 haben wir den Verteidigungsminister zu Fall gebracht, indem wir seine Doktorarbeit unter die Lupe genommen haben und 2012 haben sogar das internationale Handelsabkommen ACTA versenkt. Viele von uns dachten, der Kontrollverlust gilt immer nur für die anderen. Die Mächtigen, die Politiker, die Regierungen. Das war ein sehr selbstgerechtes Denken. Jetzt sehen wir: nein, wir sind alle betroffen. Auch die Blogger, auch die Hacker, auch die Netzaktivisten. Und genau wie die Regierungen, Politiker und Unternehmenslenker stehen auch wir hilflos davor und greifen nach allen Strohhalmen, die sich uns bieten. Gottseidank haben wir niemanden, der uns dabei auslacht.

"Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt", schreibt Sascha Lobo. Ist das Internet als das erträumte Instrument der "Demokratisierung, sozialen Vernetzung, als digitaler Freigarten der Bildung und Kultur" noch zu retten?

Ich glaube nicht, dass die Snowden-Enthüllungen die positiven Potentiale des Netzes aufheben. Wir waren gerade erst dabei, sie auszuloten. Die Piraten wollten eigentlich neue Wege gehen und Liquid Democracy, eine ganz neue Form der Mitbestimmung ausprobieren. Leider sind sie an sich selbst gescheitert. Andere werden diesen Pfad wieder aufnehmen. Es kommen jeden Tag weiterhin neue Freiheitsgrade hinzu. Sei es, dass sich Dinge schneller und bequemer organisieren lassen, sei es, dass neue alternative Angebote geschaffen werden. Noch immer finden sich Aktivisten zu allen möglichen Themen zusammen und kämpfen erfolgreich gegen Rassismus, Sexismus oder gegen die Vorratsdatenspeicherung. Das Internet hört nicht auf zu funktionieren, nur weil NSA und GCHQ dabei zuschauen. Auch wenn das einige jetzt kränkt.

Welche Konsequenzen ziehen Sie aus der Total-Überwachung des Netzes?

Es braucht jetzt erst mal eine Phase der Neubesinnung. Das Internet hat einerseits eine ganze Menge Stärken: Es wird weiterhin immer leichter Daten zu tauschen und zu verarbeiten und daraus Erkenntnisse zu generieren. Man kann Transparenz dort hin bringen oder einfordern wo sie hingehört, manchmal auch gegen den Willen der Akteure. Wir können leichter Ungerechtigkeiten aufdecken, vielleicht sogar Korruption. Es wird immer leichter, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und sich zu organisieren. Zum Protest oder nur zum Videoabend. Diese Stärken werden auch weiterhin wachsen und neue Möglichkeiten generieren. Unsere Aufgabe ist es, diese Stärken emanzipativ zu nutzen und gegen die Eingriffe der Mächtigen - Regierungen und Unternehmen - zu schützen. Zum Beispiel im Kampf für Netzneutralität oder gegen Zensurbestrebungen. Andererseits müssen wir uns eingestehen, dass es auch Dinge gibt, die mit dem Internet mit der Zeit immer weniger gut gehen: Geheimnisse haben, unbeobachtet sein, Urheberrechtsansprüche durchsetzen, Kontrolle über das eigene Bild in der Öffentlichkeit ausüben ...

Eben. Und wie lässt sich dagegen angehen?

Es gibt ein paar Strategien, Verschlüsselung ist eine davon. Aber diese Tendenz des Kontrollverlusts wird sie nicht aufhalten. Es muss also auch darum gehen, sich zu überlegen, wie wir mit der gestiegenen und teilweise unfreiwilligen Transparenz in der Gesellschaft umgehen kann. Und ich halte die Geheimdienste da noch für eines der weniger großen Probleme, verglichen mit dem, was schon am Arbeitsplatz oder auf den Arbeitsämtern praktiziert wird.

Müssen sich Menschen, die nicht überwacht werden wollen, aus dem Netz zurückziehen – etwa aus Social Networks?

So kann man sich der Überwachung nicht entziehen. Unsere Welt wird immer enger an die digitale gekoppelt. Es ist bereits unmöglich, unbeobachtet zu bleiben: Auf der Straße, am Telefon, an der Supermarktkasse, auf dem Konto, überall werden wir verdatet – und so Teil des Internets, also belauschbar. Social Networks zum Beispiel können gar nicht datengeschützt sein. Denn da geht es darum, Leute zu finden und sich mit ihnen auszutauschen. Dafür ist es notwenig, Daten preiszugeben und sich auffindbar zu machen. Ansonsten kommt ein Antisocial Network heraus wie das Projekt "Diaspora". Ich persönlich fände es gut, wenn Facebook zum Beispiel der US-Regierung sagen würde: Wir arbeiten nicht mehr mit euch zusammen. Aber auch wenn deutsche Datenschützer gerne einen anderen Eindruck erwecken, so mächtig ist Facebook nicht, dass es sich in seinem Heimatland außerhalb des Rechts stellen könnte.

Sie plädieren für eine "dezentrale Infrastruktur" des Internets, um es nicht wenigen Konzernen und der Kontrolle eines Staates, den USA, zu überlassen. In den USA wird das kaum durchsetzbar sein. Könnte das Deutschland oder die EU auch allein hinbekommen? Oder droht eine Balkanisierung: das Internet zerfällt?

Auf keinen Fall werden wir das hinbekommen, wenn wir anfangen in Staatsgrenzen zu denken. Das Internet ist eine globale Struktur und das ist gut so. Was wir durch Dezentralität erreichen wollen, ist, dass eine Regierung nicht mehr über einen einzelnes Unternehmen Kontrolle auf die Kommunikation seiner Bürger ausüben kann. Dafür müssen die Unternehmen ja nicht mal kooperieren, wie wir in der Türkei gesehen haben. Dort hat Erdogan Twitter einfach gesperrt und Tausende Demonstranten konnten nur noch erschwert kommunizieren. Außerdem verhindert die zentrale Datenhaltung Innovation und macht es Regierungen einfach, an Daten heranzukommen. Zentrale Ansätze haben viele Nachteile. Die Gefahr der Balkanisierung sehe ich zwar auch, aber nicht ausgehend von Bemühungen zur Dezentralität.

Sondern wodurch?

Deutsche Politiker, die Deutsche Telekom und einige Presseverlage lobbyieren sehr stark in Richtung eines Deutschland- oder Schengen-Netzes: "Deutsche Infrastruktur für Deutsche Bürger". Das ist aber das Gegenteil von Dezentralisierung und es geht natürlich viel eher um knallharte Eigeninteressen. Die Verlage wollen ein besser reguliertes Internet, um ihr Leistungsschutzgeld besser einzutreiben und die Telekom wittert Zusatzeinnahmen, wenn sie andere Provider dazu zwingen kann, ihre Leitungen zu mieten. Vor Überwachung schützen würde uns das auch nicht, da die Dienste natürlich international kooperieren, wie wir von Snowden erfahren haben. Stattdessen würden wir uns viel mehr zusammen mit den Überwachern einmauern. Ich halte diese Bestrebungen für gefährlich und kämpfe dagegen entschieden an. 

Warum läuft gerade im Internet am Ende alles auf Monopolisten wie Google, Ebay, Amazon, Facebook etc. hinaus – und was bedeutet das für Datenschutz und Privatsphäre?

Es gibt leider sehr viele Effekte im Netz, die monopolartige Strukturen befördern. Das fängt damit an, dass die Serverkosten sinken, wenn man viele davon an einem Ort betreut. Das geht damit weiter, dass es den Netzwerkeffekt gibt, der wie eine soziale Gravitation wirkt. Alle sind auf Facebook, weil alle auf Facebook sind. Je mehr Leute in einem Netzwerk sind, desto mehr Nutzen kann ich aus dem Netzwerk ziehen. Netzwerke verklumpen ganz automatisch, so dass sie wenige große Knoten und viele kleine Knoten produzieren. Diese Netzwerke nennt man dann "skalenfrei". Das hat mit der ökonomischen Logik von Netzwerken zu tun und findet man nicht nur im Internet, sondern auch in der Natur. Es liegt daran, dass eine Information immer den kürzesten Weg durch das Netz sucht – und da wirken große Knoten mit vielen Verbindungen einfach Wunder.

Bisher sind dezentrale Projekte stets gescheitert - während die große Nutzerflucht etwa von WhatsApp nach dem Kauf durch Facebook ausblieb. Warum ist das so?

Dezentrale Ansätze sind daran gescheitert, dass sie immer nur als technische Herausforderung betrachtet wurden. Das reicht aber nicht. Es müssen eben auch netzwerkökonomische Effekte berücksichtigt werden. Das Zweite, woran dezentrale Social Networks scheiterten, war, dass sie von Datenschützern geschaffen wurden. Datenschutz und Social Networking sind aber zwei entgegenlaufende Dinge. Ein Social Network, das dezentral sein und trotzdem funktionieren soll, muss mit offenen Daten hantieren. Die Formel geht so: Datenschutz, Dezentralität und Erfolg: Wähle zwei. Dafür müssen aber Denkmuster aufgebrochen und eine positive Vision entwickelt werden. Aus reiner Angst vor der NSA wird jedenfalls kein Social Network erfolgreich.

Das Gespräch führte Steven Geyer.