Pablo Picasso soll in seiner Wohnung ein grünes Monster beherbergt haben. Einen pflegeleichten, anspruchslosen Mitbewohner, dem Botaniker den Namen Monstera deliciosa verpasst haben. Bis heute gilt das dunkelgrüne Gewächs mit den tief geschlitzten, durchlöcherten Blättern und den wohlschmeckenden Früchten als dankbare Zimmerpflanze für Menschen ohne grünen Daumen.

Picassos Exemplar machte diesem Ruf offenbar alle Ehre. Der Maler erzählte gern, er habe seine Monstera einmal in der Badewanne zurückgelassen und sei zu einer mehrmonatigen Reise aufgebrochen. Während seiner Abwesenheit sei der verwaiste Hausgenosse dann nicht etwa eingegangen. Vielmehr habe er sich im gesamten Badezimmer breitgemacht und ihn bei seiner Rückkehr fast gefressen.

Längstes Fensterbrett Berlins

Wer das grüne Monster und seine zahlreichen Kollegen besser kennenlernen will, hat ab Freitag eine gute Gelegenheit dazu. Unter dem Titel „Geliebt, Gegossen, Vergessen“ präsentiert das Botanische Museum in Berlin-Dahlem eine Sonderausstellung, die ihre Besucher diesmal nicht in ferne Welten entführt, sondern in eine grün dekorierte Wohnung mit Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Bad und Wintergarten.

Rings um die Ausstellungsräume zieht sich das mit etwa hundert Metern längste Fensterbrett Berlins, auf dem 50 typische Zimmerpflanzen zu entdecken sind. Beim Rundgang durch die Räume erfährt man nicht nur, woher die einzelnen Arten stammen und welche Ansprüche sie stellen. Die Ausstellung erzählt auch, wie sich die wechselvolle Geschichte der Wohngemeinschaft von Mensch und Pflanze entwickelt hat.

Farne fast ausgerottet

„Zimmerpflanzen waren einerseits ästhetischen Moden unterworfen“, erklärt Kathrin Grotz, eine der Kuratorinnen der Ausstellung. „Aber man musste auch erst einmal die technischen Voraussetzungen haben, um eine Art im Haus richtig gedeihen zu lassen.“ Der Knackpunkt war dabei häufig die Temperatur.

Als im 19. Jahrhundert immer mehr bürgerliche Wohnungen mit dekorativen Pflanzen ausgestattet wurden, heizte man meist noch per Kachelofen. Daher war die Wärme in den Räumen ungleichmäßiger verteilt und die Wohnung war insgesamt deutlich kühler als heute. Das aber bedeutete, dass man nur Pflanzen aus den gemäßigten Klimazonen oder den Subtropen die richtigen Bedingungen bieten konnte.

Für Zimmerlinden und Alpenveilchen zum Beispiel sind 10 bis 15 Grad ideal, auch Farne erfreuten sich im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit. „Es gab damals einen echten Farn-Hype, und vor allem in Großbritannien wurden etliche Arten deswegen fast ausgerottet“, sagt Kathrin Grotz.

Von den Subtropen in die Tropen

Allerdings sind Farne recht anspruchsvolle Mitbewohner, weil sie viel Feuchtigkeit brauchen. Deshalb wurde im Zuge der Farn-Begeisterung eine Art Miniatur-Gewächshaus populär. Der britische Arzt Nathaniel Ward entwickelte in den 1830er-Jahren Glaskästen, die man bepflanzen und weitgehend sich selbst überlassen konnte: Die darin aufsteigende Feuchtigkeit schlug sich am Deckel nieder und tropfte wieder auf den Boden. Man konnte sich darin also einen üppigen grünen Miniatur-Dschungel mit tropisch-feuchtem Mikroklima anlegen.

Mit diesen Ward’schen Kästen wurde auch die Palette der in Deutschland angebotenen Zimmerpflanzen deutlich größer. „Auch feuchteliebende Arten konnten darin eine mehrmonatige Schiffsreise problemlos überstehen“, erläutert Kathrin Grotz. „Damit wurde es nun zum ersten Mal möglich, Pflanzen in großem Stil aus den Tropen zu importieren.“

Das Interesse daran war riesig. In der Oberschicht lösten tropische Orchideen die bis dahin äußerst populären Kamelien als Trendgewächse ab. Eine Orchideenblüte am Ballkleid oder am Revers war ein Muss. Ungünstigerweise wusste damals allerdings noch niemand, wie man diese anspruchsvollen Pflanzen vermehrt. „Also machten sich zahlreiche Pflanzenjäger auf in die tropischen Regionen Asiens und Südamerikas und sammelten systematisch die ausgewachsenen Orchideen“, sagt Kathrin Grotz. In Ward’schen Kisten reisten die dekorativen Schmuckstücke nach Europa, wo ihnen oft kein langes Leben beschieden war. Und in ihrer Heimat wurden sie immer seltener.

Zu warm für Zimmerlinden

Ihre große Karriere als Zimmerpflanzen haben solche wärmeliebenden, tropischen Arten aber erst begonnen, als sich im 20. Jahrhundert in immer mehr Häusern die Zentralheizung durchsetzte und für gleichmäßig hohe Temperaturen sorgte. Inzwischen gelten Orchideen längst nicht mehr als kostbare Exoten für betuchte Botanik-Fans. So gehören die südostasiatischen Nachtfalter-Orchideen der Gattung Phalaenopsis heute zu den beliebtesten Zimmerpflanzen, die in jedem Baumarkt zu günstigen Preisen angeboten werden.

Dafür sind etliche populäre Kultgewächse vergangener Jahrzehnte aus der Mode gekommen. Das gilt etwa für Klivien oder Zimmerlinden, denen ein etwas altmodisches Image anhaftet. „Dass man die nicht mehr so oft sieht, liegt aber auch daran, dass sie in den heute oft überheizten Wohnungen nicht überleben können“, erläutert Kathrin Grotz.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Berliner Ausstellung solche Gewächse im Schlafzimmer der Museumswohnung präsentiert. Denn dort können die Kältefans unter den grünen Mitbewohnern ein Refugium finden. „Trotz anderslautender Gerüchte muss man auch keine Angst haben, dass einem Pflanzen im Schlafzimmer nachts den Sauerstoff wegnehmen könnten“, beruhigt die Kuratorin. „Wenn man da keinen ganzen Urwald stehen hat, ist die Konkurrenz durch den schlafenden Partner sicher größer.“

Beruhigende Wirkung

Für andere Räume scheint der Großstadt-Dschungel allerdings gerade wieder voll im Trend zu liegen. Unter dem Schlagwort „Urban Jungle“ werben zahlreiche Zeitschriften und Internetseiten dafür, sich wieder mehr Grün in die Wohnung oder ins Büro zu holen – und zwar nicht nur aus ästhetischen Gründen.

„Tatsächlich zeigen etliche Studien, dass Pflanzen eine sehr starke psychologische Wirkung haben können“, berichtet Kathrin Grotz. So soll mehr Grün am Arbeitsplatz nicht nur beruhigend wirken, sondern auch die Kreativität und sogar die Zufriedenheit mit dem Chef steigern. Und solche Effekte lassen sich sogar bei Menschen feststellen, die sich selbst als Pflanzenhasser bezeichnen.

Woran aber liegt das? „Einer Theorie zufolge ist das eine Folge der gemeinsamen Evolutionsgeschichte von Menschen und Pflanzen“, sagt Kathrin Grotz. „Möglicherweise haben unsere Urahnen so lange in einer von Pflanzen dominierten Umgebung gelebt, dass diese Vorliebe noch immer tief in unserem Gehirn verwurzelt ist.“ Derzeit findet man auf der Fotoplattform Instagram Hunderttausende Bilder, auf denen Menschen sich und ihre Monstera zeigen. Picassos grüner Mitbewohner ist wieder da.