Der Legende nach hat alles mit einer unerfüllten Liebe begonnen. Im brasilianischen Regenwald soll sich einst eine junge Frau nach einem sagenhaften Krieger verzehrt haben, der ungünstigerweise im Mond lebte. Monatelang versuchte sie, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Vergeblich. Sie glaubte sich ihrem Ziel ganz nahe, als sie eines Nachts in eine Lagune stieg, in deren Wasser sich der Vollmond spiegelte. Doch statt des erhofften Geliebten fand sie dort den Tod. Das aber soll den Mondkrieger so gerührt haben, dass er die Ertrunkene in die Königin aller Wasserpflanzen verwandelte.

Seither beherrschen die Riesen-Seerosen der Gattung Victoria nicht nur den Amazonas und andere lateinamerikanische Tieflandflüsse. Sie beeindrucken Menschen in aller Welt. Und wenn am kommenden Wochenende das frisch sanierte Victoriahaus im Botanischen Garten seine Pforten öffnet, wird ihnen das zweifellos auch in Berlin wieder gelingen. „Diese Pflanzen sind so etwas wie die Pandas der Botanik“, sagt Thomas Borsch, Seerosen-Spezialist und Direktor des Botanischen Gartens und Botanischen Museums (BGBM). „Faszinierend und populär.“

Welches andere Gewächs kann schließlich mit zwei Meter großen Schwimmblättern aufwarten, die dank einer ausgeklügelten Konstruktion aus Blattrippen und Luftpolstern bis zu 50 Kilogramm tragen können? Oder mit prächtigen Blüten, die sich nur nachts entfalten und mit einem Durchmesser von bis zu 35 Zentimetern zu den größten der Welt gehören?

Gefangen in der Blüte

Und als wäre das noch nicht genug, hat Victoria auch noch ein paar raffinierte Tricks auf Lager, um ihre Bestäubung sicherzustellen. Dafür setzt die südamerikanische Gigantin auf die Dienste von Käfern. Diese muss sie zunächst auf sich aufmerksam machen. Also strahlt die Blüte in ihrer ersten Nacht nicht nur in leuchtendem Weiß, sondern schaltet auch eine Art interne Heizung an. Dazu stellt die Knospe ihre Atmung so um, dass sie weniger Energie speichert und dafür mehr Wärme entwickelt. Im Inneren der Blüte ist es mehr als zehn Grad wärmer als außerhalb. Und mit den höheren Temperaturen kommt auch der dort produzierte Duftcocktail besser zur Geltung, dessen Aroma an eine Mischung aus Butterkeks und Ananas erinnert.

Angelockt von Farbe, Wärme und Duft marschieren Scharen von Käfern in die geöffnete Blüte – und werden dort bis zum nächsten Abend eingeschlossen. Dabei hält sie die Königin mit nahrhaften Leckerbissen in Form von sogenannten Futterkörpern bei Laune. Und nicht nur damit. „Es gibt Theorien, dass die Blüten deshalb so groß sind, damit die Insekten darin genügend Platz zur Paarung haben“, sagt Thomas Borsch.

Am zweiten Abend öffnet sich das Käfer-Stundenhotel dann wieder und lässt seine Insassen frei. Die Blüte ist nun rosa statt weiß und duftet auch nicht mehr. Am nächsten Tag wird sie sich endgültig schließen, im Wasser versinken und ihre Samen bilden. Die mit ihrem Pollen beladenen Käfer aber werden bis zur nächsten weißen, warmen und duftenden Blüte weiterziehen und sie bestäuben.

Die europäischen Forschungsreisenden, die Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal staunend vor den südamerikanischen Giganten standen, dürften von dieser kuriosen Art der Fortpflanzung noch nichts geahnt haben. Sehr wohl aber war ihnen klar, dass eine Pflanze von solcher Größe und Pracht in Europa zur Sensation werden konnte. Und tatsächlich brach bald ein regelrechtes Victoria-Fieber aus. Zahllose Botanische Gärten und ambitionierte Privatleute wollten die nach der damaligen Königin von Großbritannien benannte Kostbarkeit kultivieren und zum Blühen bringen. Zum ersten Mal gelang das 1849 dem Duke of Devonshire in Großbritannien. Drei Jahre später gewann der Industrielle Friedrich August Borsig knapp den Wettlauf um die erste Berliner Riesen-Seerose: Seine Pflanze entfaltete ihre Blüten drei Tage vor der Konkurrenz im Botanischen Garten, der damals noch in Schöneberg lag.

Nach dem Umzug auf das heutige Gelände in Dahlem konnten Besucher die Königin des Amazonas dann jahrzehntelang im zwischen 1905 und 1909 erbauten Victoriahaus bewundern. 2006 war das Gebäude allerdings so baufällig geworden, dass es geschlossen und von Grund auf saniert werden musste. Nun aber ist die Königin zurück. Zwei stattliche Exemplare der Riesen-Seerose beherrschen das zentrale Wasserbecken des neu eröffneten Hauses. Das größte Blatt hat schon einen Durchmesser von 1,70 Metern.

Entwickelt haben sich diese Giganten aus erbsengroßen Samen, die das Gärtnerteam Ende Januar ausgesät hat. „Damit sie so schnell wachsen können, brauchen diese Pflanzen reichlich Nährstoffe“, sagt Thomas Borsch. Gewährleistet ist das durch einen sehr speziellen Dünger in Form von Elefantenmist aus dem Zoo, den die Gärtner mit Lehm und Komposterde mischen. Schwieriger sind allerdings die Lichtbedürfnisse der Südamerikanerinnen zu erfüllen. Der Berliner Winter ist ihnen einfach zu dunkel, selbst mit künstlicher Beleuchtung lassen sie sich kaum bis ins Frühjahr hinüberretten. Deshalb müssen die Gärtner sie jedes Jahr wieder neu aussäen.

Bei etlichen anderen Seerosen-Arten ist das dagegen nicht nötig. Eine Mexikanische Seerose, die Thomas Borsch vor mehr als zwanzig Jahren aus Florida mitgebracht hat, blüht zum Beispiel heute noch in Dahlem. Obwohl es sich durchweg um Süßwasserbewohner handelt, hat also jede Art ihre eigenen Ansprüche und Besonderheiten. „Das liegt daran, dass sie sich an die unterschiedlichsten Lebensbedingungen angepasst haben“, erläutert der BGBM-Direktor. Während die einen in tropischen Tieflandflüssen zuhause sind, wachsen die anderen in mitteleuropäischen Seen. Und sogar mit den harschen Bedingungen im Norden Skandinaviens und Kanadas kommen einige kleinblütige Arten zurecht. „Die kann man in Berlin allerdings kaum kultivieren, weil es ihnen hier zu warm ist“, sagt Thomas Borsch.

Trotz solcher Herausforderungen ist es den Mitarbeitern des BGBM gelungen, die weltweit wohl größte Sammlung von lebenden Seerosen zusammenzutragen. Von den etwa 90 bekannten Arten wachsen 40 in Berlin. Mithilfe dieser Lebendsammlung versuchen die Forscher nun, mehr über die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Pflanzengruppe herauszufinden. „Das ist besonders interessant, wenn man die Evolution der Blütenpflanzen insgesamt besser verstehen will“, erklärt Thomas Borsch.

Suche nach nächsten Verwandten

Als deren Evolution vor etwa 130 Millionen Jahren begann, spaltete sich zunächst eine Linie vom Rest der Verwandtschaft ab, von der heute nur noch der kleine Strauch Amborella trichopoda aus Neukaledonien bekannt ist. Der zweite Ast des Stammbaums aber war dann schon der mit den Seerosen. Wie genau sich aus diesen Urahnen die heutigen Arten entwickelt haben, wollen die Forscher mithilfe genetischer Vergleiche klären. „Zunehmend untersuchen wir dabei ganze Genome statt einzelner Abschnitte des Erbgutes“, sagt Thomas Borsch. Mit dieser Arbeit stehen er und seine Kollegen zwar noch ziemlich am Anfang. Doch was die nächsten Verwandten von Victoria angeht, haben sie schon einen Verdacht. Vermutlich hat sich die Königin des Amazonas vor etwa 24 Millionen Jahren von einer anderen Gruppe süd- und mittelamerikanischer Seerosen aus der Gattung Nymphaea abgespalten.

Der Botanische Garten veranstaltet vom 16. Juni bis 25. August jeden Sonnabend eine „Victorianacht“ (außer am 21. Juli). Man kann die Riesen-Seerose bis 24 Uhr (letzter Einlass 22 Uhr) besuchen sowie Spannendes rund um Victoria und ihre Verwandtschaft erfahren. Die Sonderausstellung „Victoria Kabinett“ zeigt vom 16. Juni bis 31. August im Botanischen Museum in hundert Bildern die Geschichte der Berliner Victoria seit 1852. Weiteres im Internet unter: bgbm.org/de