Katalysatoren gehören in Deutschland seit 30 Jahren in jeden Neuwagen. Welche chemischen Prozesse darin jedoch im Detail ablaufen, ist bisher nicht genau bekannt. Seit Anfang des Jahres kümmern sich Forscher aus Deutschland und Großbritannien um diese Frage. Sie kommen von der Technischen Universität (TU) Berlin, vom Fritz-Haber-Institut Berlin und von der University of Oxford. „Es geht darum zu klären, welche Prozesse auf molekularer Ebene bei der Reduktion von Stickoxiden stattfinden“, sagt Otto Dopfer, Professor am TU-Institut für Optik und Atomare Physik.

Alle drei Teams sind renommiert auf dem Forschungsgebiet. Eine Kooperation wie sie nun begonnen hat, gab es jedoch noch nie. Die Gruppen ergänzen sich perfekt – in Hinblick auf ihr jeweiliges Wissen, aber auch auf die Ausstattung der Institute. So verfügt das Fritz-Haber-Institut über einen von drei Freie-Elektronen-Lasern weltweit, die Infrarotstrahlung erzeugen. Er wird nun für das Projekt genutzt. Die Wissenschaftler nähern sich dem Thema auf unterschiedlichen Wegen, wenden verschiedene experimentelle Techniken an und tauschen sich anschließend über die Ergebnisse aus.

„Ohne Brexit wäre das nicht so rasant passiert“

Die Initiative für das Projekt ging von Stuart Mackenzie aus, Chemieprofessor am Institut für physikalische und theoretische Chemie der University of Oxford. Das Interesse habe auch mit dem 2016 beschlossenen Brexit zu tun, sagt Dopfer. Den britischen Universitäten werden dadurch voraussichtlich EU-Forschungsmittel in Höhe vieler Millionen Euro entgehen. Einrichtungen wie die University of Oxford waren bisher einer der großen Nutznießer europäischer Forschungsförderung.

Die politischen Unwägbarkeiten ließen die Briten den Blick nach außen richten. Die University of Oxford benannte einen eigenen Beauftragten für eine Brexit-Strategie: den Neurowissenschaftler Alastair Buchan, der seit Jahren wissenschaftliche Kontakte zur Charité pflegt. „Als Buchan anschließend in Berlin war, entstand bei einem Glas Bier die Idee zu einer Kooperation“, erzählt Magnus Rüde, Geschäftsführer des Vorstands der Charité und einer der Sprecher des mittlerweile entstandenen Oversight Committee.

Die Kooperation ist ein Novum. Nie zuvor in ihrer 900-jährigen Geschichte habe die University of Oxford als Gesamteinrichtung internationale Partnerschaften abgeschlossen, sagt Rüde. Bisher seien stets andere Wissenschaftler auf Oxford zugegangen. Für die Briten sei an Berlin besonders interessant, dass gleich vier Partner zur Verfügung stehen: die TU, die Freie Universität, die Humboldt-Universität und die Charité, zusammengeschlossen in der Berlin University Alliance. Bereits 2017 wurde eine Absichtserklärung, ein Memorandum of Understanding, unterzeichnet. „Ohne Brexit wäre das nicht so rasant passiert“, sagt Rüde.

Breites Themenspektrum von der Energiewende über psychiatrische Erkrankungen bis zur Digitalwirtschaft

Die ersten 29 Projekte haben im Januar begonnen. Forschende aller beteiligten Häuser arbeiten inzwischen zusammen. Außerdem sind Gastaufenthalte von Wissenschaftlern, Studierenden und Mitarbeitern der Universitätsverwaltungen vorgesehen. Der Berliner Verbund und die University of Oxford stellten 450.000 Euro zur Verfügung. Um der Zusammenarbeit eine Adresse zu geben, wollen die Berliner in Oxford eine Niederlassung gründen und die Oxforder in Berlin. Zurzeit wird nach passenden Immobilien gesucht.

Das Themenspektrum der Projekte ist breit: Es umfasst die Armut von Erwerbstätigen in Europa, den Biorhythmus von Sehbehinderten sowie einen physikalischen Vergleich von natürlicher und künstlicher Intelligenz bei Papageien und Robotern. Herausforderungen der Energiewende werden ebenso untersucht wie psychiatrische Erkrankungen und die Digitalwirtschaft. Ein Berlin-Oxford-Graduiertennetzwerk in Altertumswissenschaften soll entstehen.

Soziologinnen aus Berlin und Oxford organisieren Symposium zu familienpolitischen Themen 

Die Soziologin Hannah Zagel von der Humboldt-Universität organisiert gemeinsam mit der britischen Professorin für Soziologie und Sozialpolitik, Mary Daly, im November ein Symposium zu familienpolitischen Themenstellungen. Zagel, die 2013 promoviert hat, sieht es als große Chance, mit der weltweit angesehenen Soziologin aus Oxford zusammenarbeiten zu können. „Das ist für mich als Nachwuchsforscherin etwas ganz Tolles“, sagt sie.

Bei diesem Projekt ging die Initiative von Berlin aus. Mary Daly war aber gleich interessiert, so dass die junge und die erfahrene Wissenschaftlerin gemeinsam den Antrag stellten. Das Symposium ist als offene Veranstaltung geplant und hat die Ausrichtung von Familienpolitik zum Thema. Dabei geht es zum Beispiel darum, ob es grundsätzlich besser ist, das Wohl des Kindes im Auge zu haben oder ob der Fokus auf den Eltern liegen sollte. Je nachdem, welche Richtung die Politik wähle, folgten unterschiedliche Maßnahmen, erläutert Hannah Zagel. Eine elternzentrierte Politik versuche zum Beispiel, Mütter möglichst rasch wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen.

Hannah Zagel freut sich darauf, demnächst für eine Woche nach Oxford reisen zu können, um in Dalys Institut zu arbeiten. „Vergleichend und international zu arbeiten, ist sehr wichtig und Mary Daly hat besondere Strahlkraft“, sagt sie. Die Zusammenarbeit gebe ihr Motivation und auch Impulse für die eigene Forschung.

Gleichzeitig ist der Soziologin klar, dass die Kooperation auch ein Resultat der politischen Verhältnisse ist. „Ich sehe bei den Kolleginnen und Kollegen in England, dass sie sich große Sorgen machen“, sagt sie. „Nach dem Brexit könnte es sein, dass einiges erschwert oder sogar unmöglich gemacht wird.“ Noch könne niemand absehen, was der Brexit bedeutet. Zurzeit sei die Devise: „Erstmal so weitermachen und hoffen, dass nichts passiert.“

Seed Funding – Förderung soll Grundlage schaffen für größere Projekte

Noch befindet sich die Zusammenarbeit im Anfangsstadium. Doch aus den Projekten soll mehr werden. Das impliziert schon die Bezeichnung der Förderung: Seed Funding – Saat-Förderung. „Die Förderung von knapp 20.000 Euro, die wir jetzt erhalten, soll die Grundlage schaffen für größere Projekte“, sagt TU-Forscher Dopfer über das Katalysatorprojekt. Sei die Zusammenarbeit erst etabliert, strebe man größere Kooperationen an, die von Drittmitteln bis zu einer halben Million Euro und mehr getragen werden.

Markus Rüde zufolge geht es auch darum, mit Hilfe der Allianzen von Spitzenwissenschaftlern auf dem Drittmittelmarkt Forschungsgelder zu akquirieren – etwa beim europäischen Forschungsrahmenprogramm, aber auch bei privaten Geldgebern wie der britischen Stiftung Wellcome Trust. „Wir wollen auf europäischem Level schlagkräftiger werden“, sagt er. So bedauerlich der geplante Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU für die Wissenschaft insgesamt sei: „In diesem Fall hat er wie ein Katalysator gewirkt“, sagt er.

University of Cambridge und LMU München beschließen Partnerschaft

Die Berlin-Oxford-Connection animiert offensichtlich. Die University of Cambridge und die Ludwig-Maximilians-Universität München beschlossen im Mai 2018, eng zusammenzuarbeiten. Im Herbst haben die Berliner Unis eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit der University of Melbourne unterzeichnet. 

Und es gibt weitere Anfragen. „Wir müssen solche Wege schnell und entschlossen gehen, damit manche politischen Entscheidungen nicht Dinge erschweren, die bisher selbstverständlich waren“, sagt Rüde. Es gehe darum, den Austausch von Wissenschaftlern, Studierenden und Ideen abzusichern.