Lisa Brennan-Jobs hat lange stillgehalten, jahrzehntelang genau genommen, und das, obwohl es in ihr höllisch gebrodelt haben muss. Und selbst jetzt, nachdem sie alles aufgeschrieben hat, quält sie sich noch damit, ob es richtig war, den Mund aufzumachen und ihre Geschichte zu erzählen.

Brennan-Jobs hatte gleich mit zweifachem Widerstand zu kämpfen. Ihr Vater, um den es in ihrem in der kommenden Woche auf Englisch erscheinenden Buch vornehmlich geht, wird beinahe universell wie eine Art Heiliger verehrt. Das knappe Dutzend seiner bisherigen Biografien verweist zwar auf die eine oder andere Charakterschwäche des Vaters, doch die verblassen sämtlich gegenüber der Tatsache, dass Steve Jobs einer der großen Innovatoren und Visionäre unserer Epoche gewesen ist.

Gemischte Gefühle

Es ist schwer, mit den privaten Erfahrungen der Tochter, die den großen Steve Jobs weit weniger glanzvoll erlebt hat, gegen dieses Bild anzuschreiben. Hinzu kommt, dass sie selbst gemischte Gefühle hat, dass sie ihn auch geliebt und bisweilen auch sehr verehrt hat. Deshalb sagt sie jetzt auch immer wieder, dass sie ihn ja nicht demontieren möchte. Es sei ihr nie darum gegangen, ihn in den Schmutz zu ziehen. Was sie lediglich wollte: ihre eigene Geschichte erzählen. Der Imageschaden, den ihr Buch anrichtet, ist jedoch nicht zu leugnen.

Da sind einmal die bekannten Tatsachen wie die, dass Steve Jobs, solange er irgend konnte, die Vaterschaft leugnete. Erst als Lisas Mutter, Steve Jobs’ High-School-Liebe Chrisann Brennan, vor Gericht den DNA-Beweis erbracht hatte, trug Jobs zum Haushalt der alleinerziehenden Mutter bei. 500 Dollar pro Monat zahlte Jobs, auch noch, nachdem 1980 Apple an die Börse gegangen war und das Unternehmen viele Millionen Dollar wert war.

Emotionale Grausamkeiten

Auch, dass Jobs lange abstritt, er habe den ersten, erfolglosen Apple-Computer nach seiner Tochter benannt, war bekannt. In der Erzählung der Tochter wird diese Anekdote jedoch erst in ihrer ganzen Gemeinheit deutlich. Es war wie mit den Unterhaltszahlungen an die Mutter, die sich damals als Kellnerin über Wasser halten musste – Jobs wollte sichergehen, dass seine Tochter nichts von ihm abbekommt, nichts von seinem Ruhm, nichts von seinem Geld. „Für ihn“, so schreibt sie, „war ich ein Schmutzfleck in der Geschichte seines spektakulären Aufstiegs.“

So, wie der erfolglose Computer mit Namen Lisa, dessen unverkaufte Exemplare in der Wüste von Utah verscharrt wurden. „Für mich hingegen war es umgekehrt. Je näher ich ihm sein durfte, desto mehr war ich Teil der Welt.“ Der Vater gab mit der Zeit nach, er verbrachte immer mehr Zeit mit seiner Tochter und ließ sie am Leben seiner neuen Familie teilhaben. Doch die kleinen emotionalen Grausamkeiten rissen nicht ab.

So erinnert Lisa Brennan-Jobs daran, wie ihr Vater auf ihren sozialen Erfolg in der Schule reagierte. Jobs neidete ihr die Eigenständigkeit und redete ihr ein schlechtes Gewissen ein, wenn sie länger blieb, um an der Theatergruppe teilzunehmen oder für de Schülervertretung zu kandidieren: „Wenn du Teil dieser Familie sein willst, dann musst du dich hier engagieren und nicht anderswo“, soll der Vater gesagt haben.

Seiner Schrecklichkeit nachgeben

Die schwersten Vorwürfe in den Memoiren sind allerdings die, die an einen Fall, der an sexuellen Missbrauch grenzt, erinnern. Einmal, schreibt die Tochter, habe sie ihren Vater in einem intimen Augenblick mit seiner neuen Frau Laurene Powell Jobs überrascht. Sie habe sich zurückziehen wollen, doch der Vater befahl ihr zu bleiben und „diesem Familienmoment“ beizuwohnen.

Das alles rüttelt mächtig am Bild von Steve Jobs. Die New York Times konstatiert, dass Jobs in den Aufzeichnungen „wie ein Arschloch wirkt“. Das Portal Business-Insider schrieb, dass das Buch ihn weniger wie einen getriebenen Führer erscheinen lässt, der manchmal hart war, um seine Ziele zu erreichen, sondern vielmehr wie einen grausamen Menschen, der Erfolg hatte, weil die Leute um ihn herum seiner Schrecklichkeit nachgaben.

Gemeinsame Zeit auf Rollschuhen

Eine solche Deutung der Familiengeschichte wollte seine Tochter freilich nicht. „Ich wollte auch, dass die schönen Erlebnisse, die ich mit ihm hatte, bekannt werden“, sagte sie in einem Interview. Tage in Japan während Geschäftsreisen etwa, die beide verbummelten und dabei über Gott und die Welt redeten, oder Nachmittage, die sie in kalifornischen Parks auf Rollschuhen verbrachten.

Aber in der öffentlichen Wahrnehmung vor dem Verkauf des Buchs zeigt sich, dass diese Aspekte seiner Persönlichkeit in den Hintergrund gedrängt werden. Und Lisa Brennan-Jobs’ Zwiespalt, dass sie ihren Vater „mindestens ebenso fürchtete wie liebte und vergötterte“ wird sich durch die Publikation auch nicht auflösen. Immerhin hat sie sich ihre Erinnerungen, Sorgen und ihre Verletztheit von der Seele geschrieben.

Ob Lisa Brennan-Jobs sich nun auch freier fühlt, bleibt allerdings zweifelhaft. Denn in der Diskussion um ihr Buch geht es doch wieder hauptsächlich um ihren Vater und nicht um sie. So, wie das eben schon ihr ganzes Leben lang ist.