Weniger Geld für Laborarbeit und Co. Die EU hat das Budget für die künftige Forschungsförderung deutlich gekürzt.
Foto: imago images/Chromorange

BerlinDie Corona-Pandemie macht deutlich, wie wichtig die Arbeit von Wissenschaftlern ist. Für die Entwicklung schützender Impfstoffe – auf die alle Welt wartet – ist ihre Arbeit unerlässlich. In den Entscheidungen des Sondergipfels der Europäischen Union spiegelt sich diese Bedeutung jedoch nicht wider. Vielmehr wird für EU-Forschungsprojekte in den nächsten sieben Jahren wohl deutlich weniger Geld zur Verfügung stehen als gedacht. Zumindest haben das die Staats- und Regierungschefs Anfang der Woche in Brüssel so entschieden. Nun muss das Parlament darüber beraten.

Die neue Lage: Anstelle der 90 bis 120 Milliarden Euro, die für das neue Forschungsrahmenprogramm „Horizon Europe“ ab 2021 zur Debatte gestanden hatten, werden es nun nur 75,9 Milliarden Euro sein. Noch dazu wurde das Stück vom Kuchen des Corona-Hilfspakets kleiner. Es sind nicht zusätzliche 13,5 Milliarden Euro, sondern lediglich 5 Milliarden, die über diese Maßnahme der Forschung zufließen.

„Es ist etwas beunruhigend, dass das EU-Wissenschaftsbudget in den Verhandlungen  nun die Cashcow ist“, kommentierte Paul Webb, Referatsleiter in der EU-Kommission, auf Twitter. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) reagierte pragmatisch und sagte: „Wir müssen jetzt das Beste daraus machen.“ Die zur Verfügung stehende Summe müsse man nun eben gut nutzen.

Anja Karliczek (rechts), Bundesministerin für Bildung und Forschung, und EU-Forschungskommissarin Mariya Gabriel (per Video zugeschaltet) am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz zum informellen Treffen der EU-Forschungsminister. 
Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Es hatte sich schon im Vorfeld des Gipfels abgezeichnet, dass das ambitionierte Forschungsprogramm „Horizon Europe“ bei den Verhandlungen über den Haushalt der EU und das Corona-Hilfspaket Federn lassen muss. Um dem entgegenzuwirken, hatten die Präsidenten der sechs größten europäischen Forschungsorganisationen, darunter aus Deutschland die Helmholtz- und die Leibniz-Gemeinschaft sowie die Max-Planck-Gesellschaft, am vergangenen Donnerstag einen offenen Brief an den EU-Ratspräsidenten Charles Michel geschickt.

Darin warnten sie, dass die von Michel im Vorfeld der Verhandlungen ins Spiel gebrachte Reduzierung des für das „Horizon“-Programm vorgesehenen Budgets nicht zu den ambitionierten Zielen des Hilfspakets passe. Forschung und Innovation seien wichtige Treiber, um die Krise zu überwinden. Der EU-Ratspräsident hatte vor dem Gipfel eine reduzierte Summe von 80,9 Milliarden Euro für „Horizon Europe“ ins Spiel gebracht. Am Ende hat der Appell nicht gefruchtet und es wurden nochmal fünf Milliarden weniger.

Auch der wissenschaftliche Beirat des Europäischen Forschungsrats (European Research Council, kurz ERC) hatte die sich abzeichnenden Kürzungen kritisiert und als Rückschritt bezeichnet. „Das widerspricht völlig dem, was führende Politiker bisher betont haben – nämlich dass Europa nur durch Forschung und Innovation produktiv und wettbewerbsfähig bleiben kann“, monierte Janet Thornton, Vizepräsidentin für Lebenswissenschaften im ERC.

Der wissenschaftliche Beirat des ERC hatte sich eigentlich für eine deutliche Erhöhung des Budgets für das Forschungsrahmenprogramm ausgesprochen. Denn schon jetzt ist der Wettbewerb um die Fördermittel, allen voran die begehrten sogenannten ERC-Grants, äußerst hart. Die Erfolgsquote der Bewerber für ERC-Grants liege bei zwölf bis 13 Prozent, sagte Janet Thornton. Für angemessen hält sie aber eine Quote von 20 Prozent. „Wir haben viele Bewerbungen, die Spitzenbewertungen erhalten, die wir aber nicht fördern können, weil das Budget nicht reicht“, sagte sie.

„Horizon Europe“, das eine Laufzeit von 2021 bis 2027 hat, sollte eines der größten Förderprogramme für Forschung und Innovation weltweit werden. Inhaltlich ist es breit aufgestellt und orientiert sich an wichtigen gesellschaftlichen Fragestellungen wie Gesundheit, Umwelt und Verkehr. Außerdem hat das Programm zum Ziel, Exzellenz in der europäischen Wissenschaft zu fördern. Für die deutsche Forschungslandschaft war auch schon das Vorgängerprogramm „Horizon 2020“ von großer Bedeutung, das seit 2014 läuft und in diesem Jahr zu Ende geht. Es hat ein Budget von 75 Milliarden Euro, rund zehn Prozent davon erhielten Wissenschaftler in Deutschland.

Berlin zählt hierzulande zu den Wissenschaftsstandorten, die in den vergangenen Jahren überproportional viel EU-Fördergeld ergattern konnten. Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin waren zum Beispiel mit dem Projekt Lifetime und Wissenschaftler der Charité mit dem Projekt Restore in dem Wettbewerb erfolgreich. Insgesamt flossen im Jahr 2019 rund 690 Millionen Euro aus dem „Horizon 2020“-Topf in die deutsche Hauptstadt. Das ist zwar nicht der größte Batzen an Drittmitteln, denn von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und aus anderen Bundesprogrammen erhielten Berliner Forscher laut einem Bericht der Bundesregierung zuletzt 1,8 Milliarden Euro im Jahr. Dennoch sieht man in der Senatsverwaltung die in Brüssel beschlossenen Kürzungen mit einer gewissen Besorgnis.

„In den vergangenen Jahren haben unsere Forscherinnen und Forscher immer mehr EU-Fördermittel für innovative Vorhaben nach Berlin geholt“, sagte der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Steffen Krach, auf Anfrage der Berliner Zeitung. Viele Studierende in Berlin profitierten vom Erasmus-Programm, und die Hochschulen der Stadt seien sehr aktiv im Aufbau europäischer Netzwerke. „Ich gehe davon aus, dass Berlin weiterhin erfolgreich im Wettbewerb um Fördermittel aus Brüssel sein wird“, ergänzt der SPD-Politiker. Europa spiele auch in Zukunft eine wichtige Rolle für den Wissenschaftsstandort Berlin. Zugleich betonte Steffen Krach jedoch: „Die Kürzungen am „Horizon Europe“-Budget senden aber ein fatales Signal und sie schaden Europas Anspruch, Innovation und akademische Zusammenarbeit voranzutreiben.“

Wie sich die Kürzungen im Detail auswirken – ob sie zum Beispiel besonders zulasten der Grundlagenforschung oder bestimmter Bereiche erfolgen – lässt sich noch nicht sagen. Auch der Effekt des Brexits auf die Verteilung ist noch offen. Bisher profitieren nämlich viele britische Wissenschaftler von dem „Horizon“-Programm. Die europäischen Wissenschaftsmanager werden in den nächsten Monaten „Horizon Europe“ klug und extrem effizient ausgestalten müssen. Schließlich geht es nicht nur darum, kurzfristig Krisen wie die Covid-19-Pandemie mithilfe von Forschern zu bewältigen. Auch langfristig kommt es maßgeblich auf ihre Ideen an, Herausforderungen wie den Klimawandel zu meistern.