Pro Woche werden in den Betrieben des größten deutschen Geflügelproduzenten, der PHW-Gruppe, rund 4,5 Millionen Hähnchen geschlachtet. Allein die Marke Wiesenhof macht jährlich einen Umsatz von 1,33 Milliarden Euro. Doch nun will sich die PHW-Gruppe auch „alternativen Proteinquellen“ öffnen, sprich: der Herstellung von Fleisch aus Zellkulturen, für die man keine Tiere töten muss. Anfang des Jahres ist das niedersächsische Unternehmen deshalb eine „strategische Partnerschaft“ mit dem israelischen Start-up SuperMeat eingegangen, das Burger in der Petrischale wachsen lässt.

„In Vitro Meat“, „Clean Meat“ oder „Laborfleisch“ lauten die Schlagworte. Sie treffen genau den Zeitgeist des wachsenden Vegetarismus. Drei Millionen Dollar hat PHW in die junge Biotech-Firma aus Tel Aviv investiert, um lebenden Hühnchen Zellen zu entnehmen und sie im Reagenzglas zu Muskel- und Fleischfasern zusammenwachsen zu lassen. Kann so in Zukunft auf Massentierhaltung verzichtet werden?

Verbesserter Geschmack

„Die derzeitige Fleischproduktion ist für ein Drittel des globalen Süßwasserverbrauchs und für über 45 Prozent der Landnutzung verantwortlich“, sagt Shir Friedman, eine der Gründerinnen von SuperMeat. „Die Fleischindustrie verursacht mehr Treibhausgase als der gesamte Transportsektor.“ Die Israelin hat keinen Zweifel daran, dass über kurz oder lang Laborfleisch die Supermarktregale füllen wird – und muss.

Fünf bis zehn Jahre werde es noch dauern, bis es regulär im Massenhandel erhältlich ist, vermutet sie. Friedman nennt ihr Produkt „sauberes Fleisch“ – im Gegensatz zu den herkömmlichen Produkten aus der Massentierhaltung. „Sauberes Fleisch wird etwa 80 Prozent weniger Wasser und 99 Prozent weniger Land benötigen, und es wird 80 Prozent weniger Treibhausgase emittieren“, sagt sie. Die Züchtungen in sterilen Zellkulturen erleichtere zudem die Überwachung von Krankheitserregern und Giftstoffen. Auch der bedenkliche Einsatz von Antibiotika könnte der Vergangenheit angehören.

Erste Verkostung war trocken und geschmacklos

Shir Friedman weiß jedoch, dass ihr Traum nur dann wahr werden kann, wenn ihre „sauberes Fleisch“ dem echten in puncto Geschmack und Kosten in nichts nachsteht. Sie betont deshalb vehement, dass man auch im Blindtest keinen Unterschied feststellen könne: „Es ist wie ein identischer Zwilling zu dem Fleisch, das wir heute in den Supermärkten kaufen. Es schmeckt und riecht genau wie Fleisch – weil es genau das ist“, sagt die Israelin.

Ob sich SuperMeat als erste Firma damit durchsetzen kann, steht noch in den Sternen. Vor vier Jahren lud der niederländische Biologe Mark Post die Öffentlichkeit zur Verkostung des ersten künstlichen Burgers ein. Dieser war trocken und geschmacklos, der Preis exorbitant. Die ganze Entwicklung mit einbezogen kostete der erste In-vitro-Burger umgerechnet etwa 259.000 Euro.

Für medizinische Zwecke entwickelt

Shir Friedman betont, dass die Technik in den letzten Jahren um einiges billiger, das Produkt besser geworden sei. Der Geschmack des Fleischs wurde durch Beimengung von Fettgewebe maßgeblich verbessert. Die Kosten eines Hamburgers von SuperMeat sollen am Ende etwa 12 bis 15 Euro pro Stück betragen.

Die Technologie hinter den kultivierten Fleischbällchen wurde ursprünglich zu medizinischen Zwecken entwickelt. Auch der Burger-Pionier Mark Post züchtete zunächst Gewebe in der Petrischale zum Zwecke der Heilung von Herz- und Hautgewebe. Unter dem Fachwort Tissue Engineering wachsen Herzklappen und Ohrmuscheln erfolgreich im Labor heran.

Elektroschläge geben die Richtung vor

Dafür werden Stammzellen aus Embryos oder Muskelstammzellen lebender Tiere entnommen – schmerzfrei und ohne Tötung – und in Bioreaktoren in einer Nährlösung aus Salz, Zucker, Sauerstoff, Kohlenhydraten und Proteinen massenhaft vermehrt, bis sie schließlich zu Fleischfasern zusammenwachsen. Um einen Hamburger zu formen, braucht man etwa 20.000 solcher Fasern und eine Struktur, die den Zellen als Gerüst dient und die der Kunde bedenkenlos mitessen kann.

Wenn Muskelstammzellen verwendet werden, verläuft das Wachstum weitgehend automatisch, da diese schon vordeterminiert sind – sprich: Sie wissen, in welcher Form sie wachsen müssen. Durch kleine Elektroschläge wird das Muskelgewebe quasi in die richtige Richtung gelenkt, eine Technik, die an der Fakultät für Biomedizinische Technik der Universität Eindhoven entwickelt wurde. Auf den Einsatz von Gentechnik wird bislang verzichtet, auch wenn dieser den Ertrag der Labor-Würstchen erhöhen und sie nahrhafter machen könnte.

Nährlösung gesucht

Umweltorganisationen kritisieren bereits, dass gentechnische Verfahren für In-vitro-Fleischprodukte nicht transparent seien. Mitte 2017 geriet die US-Firma Impossible Foods mit einem ihrer fleischfreien Burger in Kritik. Der Geschmacksträger stammte aus einer genetisch veränderten Hefe, die keine Zulassung erhalten hatte.

Ein weiteres Dilemma stellt derzeit das sogenannte Trägermedium dar, das den Zellen neben Zucker, Proteinen, Fetten und Aminosäuren als Kultur dient. Bislang ist der Wissenschaft dafür ausschließlich Kälberserum bekannt – und das steht in seiner Produktion der Fleischindustrie in Sachen Grausamkeit in nichts nach. Für die Gewinnung des Serums wird der schwangeren Kuh der lebende Fötus unmittelbar nach der Schlachtung aus dem Leib geschnitten und das gesamte Blut entnommen. Weil diese Art der Herstellung weder sauber noch gewaltfrei ist, suchen Kunstfleisch-Biologen händeringend nach einer Alternative.

So forscht die US-amerikanische Organisation New Harvest, die sich auf die Förderung der Produktion von tierfreien Fleisch- und Milchprodukten spezialisiert hat, bereits an einer Vielzahl anderer Quellen, wie beispielsweise Pflanzen und Mikroorganismen, für die Erstellung eines adäquaten Trägermediums. Doch auch die beste Nährlösung wird das Projekt zum Scheitern bringen, wenn das In-vitro-Fleisch am Ende im Kühlregal liegenbleibt.