Aktivistin Carola Rackete engagiert sich nun für das Klima
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinCarola Rackete ist das Gesicht der Seenotrettung, seit sie im Juni 2019 ohne Genehmigung den Hafen von Lampedusa mit einem Schiff mit 53 Flüchtlingen anlief. Sie engagiert sich auch für den Klimaschutz und hat gerade ein Buch veröffentlicht: „Handeln statt hoffen: Aufruf an die letzte Generation“. Wir wollen wissen, was sie antreibt.

Frau Rackete, wie definieren Sie sich?

Ich hadere mit dem Begriff Aktivismus. Der hat für mich eine negative Konnotation von Leuten, die einfach nur gegen etwas sind. In der Regel definiere ich mich über meinen Beruf. Ich bin Naturschutzökologin. Die Seenotrettung habe ich nur neun Monate meines Lebens unterstützt, darüber definiere ich mich nicht.

Wie sind Sie zum Naturschutz gekommen?

Ich habe ab 2011 als Nautiker auf dem Eisbrecher „Polarstern“ des Alfred-Wegner-Instituts gearbeitet. Die erste Reise ging zum Nordpol. Die Wissenschaftler sagten: Vor 20 Jahren wärst du nie bis hierher gekommen, weil das Eis viel dicker war. Mir ist bewusst geworden, wie besorgt alle sind. Ich habe dann angefangen, Naturschutz zu studieren.

Es war aber eine Entscheidung, die Sie als Seenotretterin getroffen haben, die Sie international bekannt gemacht hat. Wie ist das für Sie?

Es ist nichts, was ich mir gewünscht hätte. Aber daran kann man jetzt nichts mehr ändern. Die Frage ist eher: Was macht man damit?

Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Carola Rackete


… wird am 1988 in Schleswig-Holstein geboren. Sie studierte Nautik an der Jade Hochschule in Elsfleth und Naturschutzmanagement an der Edge Hill University im englischen Ormskirk.

... lief 28. Juni  2019 mit 40 Menschen an Bord  eines Schiffs der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch in den Hafen von Lampedusa ein – ohne Erlaubnis der italienischen Behörden. Ihr droht ein Verfahren.

… unterstützt die Klima-Bewegung Extinction Rebellion und veröffentlichte in diesem Herbst das Buch „Handeln statt hoffen: Aufruf an die letzte Generation“.

Und?

Ein Buch zu schreiben, war die erste Gelegenheit, die sich ergeben hat. Es werden aber viel mehr Projekte an mich herangetragen. Internationale Aktivisten wünschen sich Unterstützung, NGOs wie Greenpeace. Es gibt Möglichkeiten, zum Thema Ökologie zu arbeiten. Sicher weiß ich nur, dass ich nicht Deutschland leben werde, auch nicht in der EU. Ich war den vergangenen Jahren maximal vier Wochen im Jahr hier, selbst wenn ich meinen Wohnsitz bei meinen Eltern habe und Steuern in Deutschland zahle.

Aus Abneigung?

Ich bin sehr gerne draußen in der Natur, fern von vielen Menschen und Städten. Als Kind habe ich auf dem Dorf gewohnt, meine Eltern hatten das letzte Haus in der Straße, danach fing der Wald an.   Aber Natur haben wir in Zentraleuropa nur noch kleine Stückchen. Das habe ich schon einmal in einem Interview gesagt, worauf die AfD meinte: Warum bringt sie Flüchtlinge nach Deutschland, wenn es ihr jetzt schon zu voll ist. Aber die Flüchtlinge machen ja nur einen Bruchteil der deutschen Bevölkerung aus. Ob die hier sind oder nicht, ändert nichts daran, dass Deutschland dicht besiedelt ist.

Gibt es in Ihrer Familie Fluchterfahrung?

Meine Großeltern haben nach dem Krieg Ostdeutschland verlassen. Sie hatten da eine Bäckerei. In Westdeutschland kamen sie bei Familienmitgliedern unter. Als die DDR entstand, wollten sie nicht zurück. In Deutschland gab es früher auch Wirtschaftsflüchtlinge, die in die USA gegangen sind.   Niemand möchte in Armut und ohne Perspektive leben.

Als Ihr Engagement für Extinction Rebellion bekannt wurde, fragten sich viele, warum Sie sich nun für Klimaschutz einsetzen. Dann las ich Ihr Buch und verstand, dass für Sie die Klimakrise und Fluchtursachen zusammenhängen.  

Wir in den Industrienationen beuten Ressourcen und Arbeitskräfte in Übersee aus, wir exportieren unseren Müll dorthin. Unser Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet, dafür betreiben wir Raubbau. Vor zwei Wochen habe ich mit einer Frau aus Kenia gesprochen, deren Sohn fast an einer Bleivergiftung gestorben ist. Da wo sie lebt, werden unsere Autobatterien entsorgt. In Ländern wie dem Tschad ist die Erwärmung jetzt schon so krass, dass es nicht mehr genug Süßwasser gibt. Das macht es den Menschen unmöglich, da zu leben.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Solange die   Staaten ihre Fragen innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems stellen, werden es die falschen Fragen sein.“ Wie müsste sich das System ändern?

Es muss sich an den physikalischen Grenzen des Planeten orientieren. Man darf nicht von dem ausgehen, was politisch möglich scheint.

Glauben Sie, dass die Demokratie dazu in der Lage ist?

Unsere Demokratie ist nicht so demokratisch, wie sie sein müsste. Lobbyisten beeinflussen die Politik, Politiker gehen in Aufsichtsräte, verfolgen ihre eigene Karriere. Das Interesse künftiger Generationen wird oft gar nicht berücksichtigt, deshalb gehen die Schüler ja auf die Straße. Es sieht so aus, dass wir Ende des Jahrhunderts drei bis fünf Grad mehr haben. Es wird zu massiven Konflikten um Wasser und andere Ressourcen kommen.

Carola Rackete im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Wollen Sie Kinder?

Ich wollte noch nie Kinder. Aber ich kenne Wissenschaftlerinnen, die in diese Zukunft keine Kinder gebären möchten. Vielleicht kommen wir aber   auch zu einer gesellschaftlichen Transformation.

Vor 30 Jahren hat es einen Transformationsprozess gegeben, die friedliche Revolution in der DDR.   Könnte das ein Vorbild sein?

Ich glaube, man muss ganz viel aus der Vergangenheit lernen. Die DDR ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Menschen   lange brauchen, bis sie eine Veränderung herbeiführen, es dann aber sehr schnell gehen kann. Es war ja nicht so, dass die Menschen unzufrieden waren und eine Woche später auf die Straße gegangen sind. Die Unzufriedenheit hat sich über Jahre aufgestaut.

1989 und 1990 gab es in der DDR Runde Tische. Sie setzen sich für Bürgerräte ein. Was soll das sein?

Der Verein „Mehr Demokratie“ macht gerade ein großes Projekt mit einem Bürgerrat und einer Bürgerversammlung. Zufällig ausgeloste Menschen nehmen daran teil. Sie werden von Experten beraten, und ich bin davon überzeugt, dass diese Menschen Maßnahmen treffen würden, die viel gerechter und progressiver wären. Die würden sich doch fragen: Was wäre für mich gut, meine Kinder, meine Freunde, meine Nachbarn. Die   Demokratie so wie sie jetzt ist, bringt einfach nicht die richtigen Maßnahmen durch, sie setzt nicht mal ihre eigenen Klima-Beschlüsse um. Die Frage ist also: Wie können wir etwas ändern? Darüber muss es eine Diskussion geben. Mit einem System weiterzumachen, das nicht funktioniert, ist definitiv keine Lösung.

Braucht es persönliche Betroffenheit, um zu handeln?

Es gibt dieses Phänomen, dass man weiß, was man machen müsste, es aber nicht tut. In Deutschland spüren wir die Auswirkungen der Umweltzerstörung noch nicht so krass.   Dürren, Überflutungen Stürme gibt es in   Bangladesch, Indien oder Somalia, Länder, die den Klimawandel nicht verursachen.   Wir fordern, den Ökozid, also   die Zerstörung der Natur, als Verbrechen einzustufen. An so ein Gesetz hat man früher nicht gedacht, genauso wenig wie man bei der Genfer Flüchtlingskonvention an Klimaflüchtlinge gedacht hat. Wir müssen die Gesetze der neuen Realität anpassen. Leider hält sich die EU nicht einmal an bestehendes Völkerrecht. Sie hat vor ein paar Tagen   erlaubt, dass ein Flüchtlingsboot von der libyschen Küstenwache nach Libyen zurückgebracht wurde. Das verstößt gegen die Genfer Flüchtlingskonvention, denn   in Libyen gibt es extrem krasse Menschenrechtsverletzungen.

Die Bewegung Extinction Rebellion verfolgt einen provokanten Ansatz. Halten Sie das für den richtigen Weg?

In einem gewissen Maß ist so eine Dramatik gut, denn die Lage ist dramatisch. Man braucht auf jeden Fall ein breites Bündnis von Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen, sozialen Einrichtungen. Die Seenotrettung wird zum Beispiel von der evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt, die katholische Kirche macht 2020 einen Post-Wachstumsgipfel.

Sind Sie religiös?

Nein, aber mein Nachbar war Pastor, meine Schwester ist sehr religiös, meine Mutter arbeitet in einer christlichen NGO.

Alles, was Sie besitzen passt in einen Rucksack, schreiben Sie. Ich musste sofort an das Armutsgelübde der Franziskaner denken. Was bedeutet der Verzicht für Sie?

Ich hab schon ein paar mehr Sachen, die liegen bei meinen Eltern. Aber wenn man viel unterwegs ist, ist es praktisch alles, in einem Rucksack unterzubringen. Es ist eine Gewohnheit in den Industrienationen, viel zu besitzen. Zwanzig T-Shirts, zwanzig Paar Schuhe. Wie krass zerstörerisch die Kleidungsindustrie ist, steht noch gar nicht so im Fokus. Und jede E-Mail, die wir nicht löschen, wird gespeichert und verbraucht dadurch Energie. Das ist den Menschen einfach nicht bewusst. Und sie haben die Konsequenzen nicht verstanden. Dass es irgendwann zu spät sein kann, selbst wenn man dann alles abstellt.

Gibt es etwas, das Ihrem Engagement zugrunde liegt, ein Erlebnis?

Alle kennen doch dieses Gefühl, dass man weiß, was man tun müsste. Auf dem Schiff war klar, dass die Entscheidung in den Hafen einzulaufen, eine gewisse Tragweite haben würde. Wenn man sich dann fragt: Worauf möchte ich in meinem Leben zurückschauen, wäre ich dann zufrieden, wenn ich sagen würde: Na, dann riskiere ich eben das Leben dieser Leute. Um eine gute Entscheidung zu treffen, muss man sich informieren, sich der Konsequenzen bewusst sein. Dann wird auch klar, was man tun muss.

Wenn Sie an Deutschland im Jahr 2029 denken, was sehen Sie?

Ich hoffe, dass Deutschland sich wieder an geltendes Recht hält. Und an Verträge, die es selbst unterschrieben hat, wie das Pariser Klimaabkommen. Dass es demokratischer ist, und Entscheidungen zugunsten der Mehrheit der Menschen und   zukünftiger Generationen getroffen werden.