Datenspeicher könnten helfen, vor Infizierten in der Umgebung zu warnen.
Grafik: Adobe Stock/Lukas Beck

BerlinHandelsübliche Smartphones wissen ganz genau, wer sich wann wo aufgehalten hat. Und die Geräte kennen auch die Kontaktdaten ihrer Nutzer. Wären sie nicht die idealen Hilfsmittel im Kampf gegen das Coronavirus? Fragen an Helmut Spudich, der bei der Telekom in Österreich als Pressesprecher gearbeitet und gerade das Buch „Der Spion in meiner Tasche – was das Handy mit uns macht und wie wir es trotzdem benutzen können“ fertiggestellt hat.

Herr Spudich, ihr Buchtitel klingt eher warnend, was den Umgang mit dem Smartphone angeht. Wären die Daten des Smartphones nicht gerade jetzt hilfreich im Kampf gegen das Coronavirus?

Das wären sie, denn nichts und niemand protokolliert alle unsere Bewegungen, Aktivitäten, Kontakte so verlässlich wie unsere Smartphones. Jedoch sind sie für den Einsatz gegen die Verbreitung der Epidemie derzeit kaum zugänglich, wir würden sowohl technische, als auch rechtliche Lösungen brauchen – und ein Verständnis der Bevölkerung, dass diese der Ausnahmefall ist, für den das möglich sein sollte.  

Welche Daten sind den Netzwerkbetreibern denn bekannt?

Betreiber wissen, wer der Inhaber einer Mobilfunknummer ist, auch bei registrierungspflichtigen Prepaid-Karten. Sie kennen den – mehr oder weniger genauen – Standort zu bestimmten Zeiten und können ein Bewegungsprofil über einen gewissen Zeitraum erstellen. Dazu kommen Verbindungsdaten: Wer wann angerufen wurde, wer wann welche SMS geschickt hat, welche Webseiten von einem Handy angesurft wurden. Diese Information bleibt einige Monate gespeichert.

Die Datenfülle wäre für die Behörden doch sehr hilfreich. Sie könnten die Nutzer warnen, bestimmte Bereiche zu meiden. Sie könnten den Behörden auch anzeigen, wo sich infizierte Personen aufgehalten haben.

Das Bewegungsprofil einer infizierten Person wäre eine Hilfe, mögliche Kontakte zu identifizieren und diese dann zu warnen – aber hier wird es technisch kompliziert.

Warum?

Wenn beispielsweise jemand den Standort einer Person mit den Standorten anderer Personen abgleichen will, geht es sehr schnell um eine sehr große Personenzahl. Die Region einer Mobilfunkzelle ist meist relativ groß, und wenn sie mehrere Personen identifizieren, die zum konkreten Zeitpunkt gleichfalls in dieser Zelle angemeldet waren, können sie doch viele Hundert Meter voneinander entfernt gewesen sein. Die nächste Komplikation: Sie müssten dazu die Daten aller Betreiber übereinanderlegen, was zwar prinzipiell machbar ist, aber sicherlich nicht in kurzer Zeit.

Für Behörden wäre es auch hilfreich, die Kontakte zu nutzen, um das Umfeld zu scannen und Freunde und Kollegen eines Infizierten zu warnen.

Diese Möglichkeit wäre sinnvoll, würde aber Zugang zum Adressbuch des Einzelnen erforderlich machen. Hier gibt es ein großes rechtliches Problem, denn vermutlich haben unsere Seuchen- und Epidemiegesetze diese technischen Möglichkeiten noch nicht antizipiert. Es gibt also keine rechtliche Handhabe, diese Daten zu nutzen, ohne die Einwilligung der Betroffenen. Und diese können nur mit richterlicher Einwilligung abgefragt werden, soweit ich es als Nicht-Jurist einschätzen kann würden gesundheitliche Gründe dafür keine Handhabe geben.

Zur Person

Helmut Spudich leitete die Unternehmenskommunikation in Österreich von Magenta Telekom. Davor arbeitete er als Journalist, zuletzt als Chef des IT-Ressorts der Tageszeitung Der Standard.

Sein Buch „Der Spion in meiner Tasche – was das Handy mit uns macht und wie wir es trotzdem benutzen können“ (Verlag: Edition a) erscheint am 21. März, hat 256 Seiten und wird 22 Euro kosten.

In Ihrem Buch geht es auch um die massive Datensammlung von Google und Facebook.

Die eigentlichen Datenschätze liegen dort und  noch bei einigen anderen Diensten, deren Kerngeschäft Daten sind. Google speichert seit über einem Jahrzehnt in einem „Sensorvault“ genannten System die Location-Daten seiner Kunden, also die Aufenthaltsorte, oft verbunden mit Informationen aus weiteren Google-Diensten. Erst in den vergangenen Jahren haben auch Polizei-Behörden, vor allem in den USA, eher weniger in Europa, den Nutzen dieses enormen Datenspeichers für ihre Ermittlungen entdeckt.

Und Gesundheitsbehörden?

Nach meiner Erkenntnis machen die davon noch überhaupt keinen Gebrauch. Facebook erfasst bei jedem Login den Standort, fast alle Fotos, die wir mit unseren Smartphones machen und auf Facebook oder Instagram teilen, enthalten GPS-Daten, wo das Foto aufgenommen wurde. Dazu kommt Gesichtserkennung: Die Gesichtserkennung von Facebook gilt vielen Experten als das beste Programm in diesem Bereich. Dabei werden durch den Kontext des Bildes auch Personen erkannt, die gar nicht vollständig auf dem Foto zu sehen sind. Stellt man sich das Szenario eines der ersten in Berlin bekannten Fälle im Club Trompete vor, die zur Ansteckung von mehr als einem Dutzend Personen führte: Viele dieser Gäste hatten wahrscheinlich ein Smartphone in der Tasche, viele Fotos wurden an diesem Abend gepostet. Mit einem Abgleich von Location-Daten und dazu Gesichtserkennung wären vermutlich die meisten potenziell gefährdeten Besucher erkannt worden, man hätte sie warnen können.

Wäre das jetzt schon möglich?

Die Herausforderung, die von den verschiedenen Unternehmen erhobenen Daten auszuwerten, ist einerseits eine technische: Die Datensammlungen der einzelnen Player sind nicht dafür angelegt, mit anderen Layern an Daten kombiniert und abgeglichen zu werden. Das ist kein triviales Problem, und es stößt auf die – wahrscheinlich größere politische und ethische Herausforderung – wie wir in Krisenfällen damit umgehen dürfen. Drastisch ausgedrückt: Ab wie vielen Toten sind wir bereit, unsere Vorstellung von Schutz der Privatsphäre vorübergehend aufzuheben?

 Wie beurteilen Sie das rechtlich?

Wir hinken in unserem Rechtsverständnis hinter den Möglichkeiten – auch den potenziellen Risiken – dieser Datenwelt hinterher.   

Würden Sie den Behörden vertrauen, dass sie nach überstandener Epidemie die Datensuche wieder einschränken?

Die Diskussion bringt uns zu unserem Vertrauen in die rechtsstaatliche liberale Demokratie. Wenn wir diese glaubhaft und entschlossen verteidigen können, Missbrauch aufgedeckt und geahndet wird, dann können wir auch die Chancen nutzen, die diese Technologie für unsere Gesundheit und zur Bewältigung von Krisen birgt.

Ein anderer Aspekt: Die Smartphones könnten wie ein Ausweis fungieren. So wird es ja schon in China gemacht, wo die Nutzer ein grünes, gelbes oder rotes Symbol in einer App erhalten.

Die Ausweisthematik ist relativ einfach – ich frage mich schon lange, warum ich zwar mit meinem Handy an der Kasse zahlen kann, aber an der Grenze ein Stück Plastik haben muss.

China geht da weiter.

Dort verbindet man mit der Identitätskontrolle eine Einschätzung, wie weit eine Person potenziell erkrankt ist und jemand anstecken könnte. Das ist problematisch, da es auf Selbstdiagnose beruht – die Versuchung ist groß, hier zu schwindeln. Bei großer Selbstdisziplin einer Bevölkerung – oder wie ich in Hinblick auf China annehme: Sorge vor Sanktionen bei Missbrauch – ist dies jedoch eine Hilfe.  

Haben Sie noch mehr Experimente beobachtet in anderen Ländern?

Die überzeugendste Idee für die Phase der Diagnose kommt aus Südkorea: Drive-Through-Bluttests. Wenn Verdacht auf eine Infektion besteht, setzt man sich ins Auto, fährt zu einer Diagnosestelle, bleibt im Auto sitzen und geschütztes medizinisches Personal nimmt eine Blutprobe. Ein paar Stunden später erhält man per Handy das Resultat.

Hätten Sie vielleicht auch ein Idee, wie die moderne Technik im Kampf gegen das Coronavirus jetzt helfen könnte?

Informationen, Information, Informationen – es schwirren in den sozialen Netzen zwar jede Menge an guten Hinweisen, Links zu Artikeln, Sendungen herum, ebenso wie viel Falsches, aber es fehlt mir ein geschlossenes, verlässliches Konzept der kontinuierlichen Information durch öffentliche Stellen. Hier können wir noch viel nachlegen bei der Nutzung dieser Technologie.