Im Juli 2019 postete die damals 15-jährige US-Teenagerin Charli d’Amelio auf dem Weg zu ihrem Tanzkurs ein kurzes Video auf TikTok. Dann poppten immer neue Nachrichten auf. Nach dem Tanzkurs schaute sie auf ihr Handy – und hatte plötzlich 2000 Follower. Der Clip ging viral. Ein paar Monate später folgten ihrem TikTok-Account fünf Millionen Nutzer. Und plötzlich wurde aus dem 15-jährigen Mädchen aus einer Oberschichtsfamilie an der Ostküste ein Weltstar, der in Restaurants erkannt wurde.

TikTok ist die Traumfabrik für die Generation Z. Eine Milliarde User zählt die populäre Social-Media-App mittlerweile, sie erreicht mehr Menschen als der Super Bowl oder das Champions-League-Finale. Die überwiegend jungen Nutzer wischen sich durch allerlei kurzweilige Kuriositäten, von Moonwalk tanzenden Soldaten über Lausbubenstreiche (Pranks) bis zu Missgeschicken aus dem Alltag.

Der Motor, der dieses digitale Daumenkino antreibt, ist eine hochleistungsfähige Künstliche Intelligenz (KI). Ähnlich wie die Empfehlungsmaschine von Netflix spielt der Algorithmus anhand von Interessen passgenaue Clips aus. Je öfter man über sein Smartphone-Display wischt, desto besser lernt der Algorithmus die Vorlieben der Nutzer. Die Maschine kann ein verwackeltes Handyvideo in einen viralen Hit verwandeln, sie kann einen Niemand zum Superstar hochjazzen und gleichsam einflussreiche Influencer-Karrieren beenden.

Als Comedian vier Millionen Fans auf TikTok

Wie genau der Blackbox-Algorithmus funktioniert, ist das Betriebsgeheimnis der chinesischen Mutterfirma Bytedance. China galt lange als verlängerte Werkbank des Westens. Doch im Reich der Mitte schrauben sie längst nicht mehr nur Autos oder Handys zusammen – hochqualifizierte Softwareingenieure programmieren Apps oder Fahrcomputer. Die angesagteste App kommt nicht mehr aus dem Silicon Valley, sondern aus China.

Nicht nur bei der Konkurrenz von Meta sind sie daher beunruhigt. Denn während die Nutzerzahlen bei Facebook stagnieren, verzeichnet TikTok das schnellste Wachstum unter den Social-Media-Plattformen. Und das zählt bei Investoren. Sinnbild für die mögliche Wachablösung ist Melissa Ong: Die Comedian, die auf TikTok über vier Millionen Fans hat, warf ihren Job als Softwareentwicklerin bei Google hin, um sich ganz ihrer Influencer-Karriere zu widmen. Die Entwicklerfirma Bytedance, an der seit vergangenem Jahr auch der chinesische Staat beteiligt ist, ist mehr als nur ein Unterhaltungsprogramm – sie ist die Geheimwaffe Pekings, eine Soft Power, so wirkmächtig wie das Hollywoodkino. Und sie könnte erst der Anfang eines neues „KI-Sommers“ sein.

Die chinesische Staatsführung hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Bis zum Jahr 2030 soll das Land zum Weltmarktführer für KI aufsteigen. Dafür investiert der Staat Milliarden in zahlreiche Entwicklungszentren. Noch haben die Softwarekonzerne in den USA einen Entwicklungsvorsprung, doch China holt mächtig auf. Im vergangenen Jahr haben Forscher der Beijing Academy of Artificial Intelligence eine hochleistungsfähige Sprach-KI namens Wu Dao 2.0 (Chinesisch für „Erleuchtung“) präsentiert, die mit 1,75 Billionen Parametern zehnmal so groß ist wie der Textgenerator GPT-3. Letzterer wurde mit einer Billion Wörtern trainiert und galt lange als das Nonplusultra. Doch das neue Sprachmodell aus der chinesischen Softwareschmiede stellt alles bislang Gekannte in den Schatten. Kein KI-System hat so viel PS unter der Haube wie Wu Dao 2.0. Von einem „Monster“ war die Rede.

Laxer Umgang mit Daten könnte sich als Standortvorteil erweisen

Auch im Silicon Valley arbeiten Programmierer an automatisierten Dialogsystemen, die in absehbarer Zeit Suchmaschinen ersetzen sollen. Wie beim Wettlauf zum Mond hat dieser Konkurrenzkampf auch eine systemische Dimension: Es geht nicht nur darum, wer die besten Apps entwickelt, sondern darum, wer die Spielregeln für die Gesellschaft schreibt. Wer setzt – neben den technischen – die moralischen und ethischen Standards?

Zwischen den individualistischen Gesellschaften des Westens und den kollektivistischen Asiens gibt es einen meilenweiten Unterschied. Wo in den USA und Europa in kantianischer Tradition das Individuum im Mittelpunkt steht, genießt in Asien der Schutz der Gesellschaft Priorität. Dieser Gegensatz schimmerte bereits bei den Corona-Maßnahmen durch, wo man in Ostasien viel weniger Wert auf den – vom Individuum abgeleiteten – Datenschutz legte als im Westen. China pfeift auf Privatsphäre und sammelt mit seinem Überwachungsnetz Skynet massenhaft Daten. Allein der Fahrdienstleister Didi aggregiert pro Tag 70 Terabyte Daten – das entspricht fast dem fünffachen Printbestand der Library of Congress.

Der laxe Umgang mit Daten könnte sich perspektivisch als Standortvorteil erweisen. Daten sind der Treibstoff der KI. Bereits 2025 könnte China mehr Daten produzieren als die USA, sagen Analysten voraus. Nur: Was passiert mit den Daten? Und welche Normen werden den Systemen einprogrammiert?

Im vergangenen Jahr hat China erstmals ethische Richtlinien für Künstliche Intelligenz veröffentlicht. In den Strategiepapieren taucht häufig der Begriff der „Harmonie“ auf. Dieses zentrale Konzept aus der konfuzianischen Lehre, besagt vereinfacht gesagt, dass der Mensch im Einklang mit seiner Umgebung leben soll. Die Idee: Die Maschine soll dem Menschen nicht dienen, sondern in friedlicher Koexistenz mit ihm leben. Das klingt sehr anthroposophisch und abstrakt, hat aber Implikationen für die Praxis. Zum Beispiel, wie ein Pflegeroboter einem Patienten oder dessen Familienangehörigen die Nachricht einer unheilbaren Krebserkrankung übermitteln soll. Soll ein Roboter, dessen Aussehen nach einem Menschen modelliert ist, in einer solchen Situation Emotionen zeigen? Oder wäre dies taktlos? Nichts ist in Asien schlimmer als der Gesichtsverlust.

China könnte die USA bald als „KI-Supermacht“ ablösen

Auch bei den ethischen Dilemmata beim autonomen Fahren spielt die kulturelle Prägung eine wichtige Rolle. Während es im Westen eine starke Präferenz dafür gibt, alte zugunsten junger Menschen zu „opfern“, gibt es im konfuzianisch geprägten Osten eine sehr stark ausgeprägte Haltung, die „Rechtmäßigen“ – also diejenigen, die sich an die Straßenverkehrsregeln halten – zu schonen. Wenn also irgendwann ein Roboterfahrzeug aus chinesischer Fabrikation auf europäischen Straßen rollen soll, müssten die Zulassungsbehörden nicht nur darauf achten, ob das Fahrzeug den sicherheitstechnischen, sondern auch den moralischen Standards entspricht.

Der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt unkte, China könnte die USA als „KI-Supermacht“ bald ablösen. Es gibt jedoch auch andere Stimmen, die sagen, dass es gar nicht so schlimm wäre, wenn China das Wettrennen um KI gewönne. Denn mit den Daten, die chinesische Apps sammeln, könnten KI-Systeme für „gute“ Zwecke trainiert werden. Doch ob China als Versuchslabor für humanitäre KI-Nutzung taugt, darf angesichts der autoritären Tendenzen bezweifelt werden. Wie eine Recherche von Netzpolitik.org zeigt, findet man auf TikTok unter dem Schlagwort #Xinjiang – jener chinesischen Provinz, in der die muslimische Minderheit der Uiguren unterdrückt wird – idyllische Landschaftsaufnahmen und Propaganda.